Servicemodelle des Cloud Computing
Analyse auf Basis der Kriterien Standardisierung, Flexibilität und Wertbeitragsmaximierung

Bernd Schenk

Der Begriff Cloud Computing wird für verschiedene Dienstleistungsangebote am Markt verwendet. Insbesondere die Wahl des Servicemodelles führt zu sehr unterschiedlichen Konsequenzen für Kundenunternehmen. Während Software-as-a-Service (SaaS)-Modelle eine sehr hohe Standardisierung der Lösung verlangen, ermöglichen Platform-as-a-Service (PaaS)-/Infrastructure-as-a-Service (Iaas)-Modelle den Einsatz hochspezialisierter Anwendungen bei gleichzeitig standardisiertem Betriebsmodell. Der Beitrag evaluiert kritisch die Eignung der verschiedenen Servicemodelle, im Bereich ERP-Systeme.

Unter dem Begriff Cloud Computing werden unterschiedliche Formen von IT-Dienstleitungen von Dritten zusammengefasst. Bei näherer Betrachtung wird jedoch sichtbar, dass sich die einzelnen Servicemodelle hinsichtlich ihrer Implikationen für den Betrieb eines ERP-Systems stark unterscheiden. Einzelne Anbieter und Kunden fassen jeweils verschiedene Dienstleistungsmodelle unter dem Begriff Cloud Computing zusammen. Dies führt zu unterschiedlichen Erwartungshaltungen und in Folge zu Irritationen bei Anbietern und Kunden. Eine standardisierte Beschreibung des Begriffs Cloud Computing steht weiterhin aus. Es gibt jedoch Bestrebungen unterschiedlicher Institutionen, diesen Begriff eindeutig zu definieren. Ein etabliertes Modell ist der Referenzrahmen des National Institute of Standardization (NIST), der verschiedene Definitionsansätze vereint. Das NIST definiert Cloud Computing wie folgt: „Cloud Computing is a model for enabling convenient, on-demand network access to a shared pool of configurable computing resources (e.g., networks, servers, storage, applications, and services) that can be rapidly provisioned and released with minimal management effort or service provider interaction” [1]. Die Komponenten des NIST-Modells sind in Bild 1 dargestellt.

Bild 1: NIST Cloud Definition Framework (in Anlehnung an [1]).

Zahlreiche Arbeiten zur Analyse von Cloud Computing fokussieren auf die, insbesondere durch SaaS geschaffenen, Möglichkeiten zur Kostensenkung in Implementierung und Betrieb von IT-Systemen. Jedoch differenzieren sie nicht zwischen unterschiedlichen Servicemodellen und deren Implikationen. Diese Vereinfachung muss, vor allem für den Bereich ERP-Systeme, kritisch hinterfragt werden.

Der Einsatz von Cloud Computing als Integrationsplattform hat großes Potenzial für Unternehmen. Speziell die Kommunikation zwischen Systemen und Services kann durch den Einsatz von Cloud-Lösungen standardisiert werden. Dementsprechend wird eine Integration von Anwendungssystemen entlang einer Wertschöpfungskette bzw. eines Wertschöpfungsnetzwerkes vereinfacht. Der Fokus liegt hierbei nicht primär auf der Senkung der Betriebskosten, sondern auf der Steigerung des Wertbeitrags des ERP-Systems. Die Möglichkeit Systeme und Services zu einer maßgeschneiderten ERP-Lösung auf Basis einer Cloud-Integrationsplattform zu verknüpfen, wird in der Literatur vergleichsweise selten thematisiert [2]. Cloud Computing beschreibt als Dachbegriff sehr unterschiedliche, mit einem stark abweichenden Grad an Komplexität und Flexibilität des Betriebs verbundene Betriebsformen. Eine Analyse des Potenzials für das eigene Unternehmen ist auf dieser groben Ebene jedoch nur schwer möglich. Eine weitere Differenzierung des Begriffs Cloud Computing sollte daher, vor allem für den Betrieb von ERP-Systemen, durchgeführt werden.

Analyse und Vergleich von Servicemodellen
Die Servicemodelle PaaS/IaaS weisen keine großen Unterschiede hinsichtlich der o.g. Kriterien auf und werden daher zusammengefasst.

Software-as-a-Service
Kostensenkung wird im SaaS-Modell primär durch eine starke Standardisierung der Software erreicht. Diese führt zu einer nur begrenzten Anpassung der Softwarelösung an Kundenbedürfnisse. Eine weitere Maßnahme zur Kostensenkung im Vergleich zu konventionellen Betriebsformen, (engl.: „on-premise“) ist die gemeinsame Nutzung von Ressourcen durch mehrere Kundenunternehmen. Dadurch lässt sich eine höhere Systemleistung je Kunde bei gleichzeitig besserer und gleichmäßiger Auslastung des Rechenzentrums realisieren. Umfangreiche Möglichkeiten zur Anpassung der Software treten in Konflikt mit dem Standardisierungsgedanken und werden daher meist vermieden [3].

Platform-as-a-Service und Infrastructure-as-a-Service
In PaaS- und IaaS-Modellen werden Teile einer IT-Infrastruktur durch Dienstleister zur Verfügung gestellt. Die zu betreibende Software wird durch das Kundenunternehmen ausgewählt und installiert. Bei IaaS wird lediglich die (virtualisierte) Hardware zur Verfügung gestellt, im PaaS-Modell wird diese um Betriebssystemkomponenten erweitert. Der Betrieb der Software und die Implementierung der Softwarelogik bleiben aber in beiden Fällen in den Händen des Kunden. Kostensenkungspotenziale ergeben sich durch die gemeinsame Nutzung von Hardwareressourcen, sind aber im Vergleich zu SaaS-Lösungen geringer. Die Gestaltungsfreiheit des Kunden bleibt erhalten, was insbesondere für ERP-Anwendungen von Bedeutung ist. PaaS und IaaS-Lösungen ermöglichen eine Standardisierung des ERP-System-Betriebs bei gleichzeitigem Erhalt der Flexibilität einer individuell konfigurierbaren Lösung [4].

Die Zusammenfassung der verschiedenen Servicemodelle unter dem Dachbegriff Cloud Computing lässt auf ähnliche Implikationen für das Kundenunternehmen schließen. Bei genauerer Betrachtung lässt sich jedoch feststellen, dass sich die Servicemodelle hinsichtlich der Möglichkeiten zur Kosteneinsparung, Standardisierung als auch zur Berücksichtigung spezifischer Kundenbedürfnissen stark unterscheiden.

Der Einsatz des SaaS-Modells scheint auf Basis der o.g. Eigenschaften nur in Bereichen geboten, in denen Informationstechnologie als Gebrauchsgut verstanden wird und keinen Wettbewerbsvorteil begründet oder dessen Absicherung unterstützt. Zahlreiche Geschäftsmodelle gründen jedoch gerade auf dem innovativen Einsatz bzw. einer einzigartigen Kombination einzelner Informationssysteme. Auch in vielen etablierten Industriezweigen ermöglicht die spezifische Anpassung von ERP-Software die Schaffung strategischer Wettbewerbsvorteile. Für den Bereich von ERP-Systemen muss die Eignung des SaaS-Modells daher kritisch hinterfragt werden. Hochstandardisierte Softwarepakete mit keiner oder vergleichsweise geringer Anpassbarkeit können in diesen Bereichen nur bedingt eingesetzt werden [4].

Darüber hinaus ist zu beachten, dass der Wertbeitrag von Informationssystemen sich in den vergangenen Jahren immer stärker auf Prozessintegration und bestmögliche Anpassung an Kundenspezifikationen verlagert hat. Die Bedeutung der IT-Infrastruktur hat in diesem Zusammenhang über die letzten Jahrzehnte immer weiter abgenommen [5]. Für ERP-Systeme gilt dies in besonderem Maße, da sie eine Integrationsplattform für Datenflüsse und Prozesse eines Unternehmens sind.

Servicemodelle im Markt
Die oben ausgeführte Darstellung zeigt, dass die Unterscheidung von SaaS und PaaS/IaaS von großer Bedeutung ist, um eine geeignete Cloud Computing-Lösung für einzelne Anwendungsfälle zu realisieren.

Zweifellos ist SaaS in der Lage Kosten im Lebenszyklus eines Anwendungssystems zu senken. Die Anwendbarkeit von SaaS im Unternehmenskontext ist jedoch beschränkt. Am Beispiel des Softwareherstellers SAP sind die unterschiedlichen Servicemodelle am Markt gut zu beobachten. Vor wenigen Jahren hat SAP die Mittelstandslösung Business-by-Design (ByD) als SaaS-Lösung präsentiert. Eine Anpassung an Kundenbedürfnisse und Spezifikation von Kundenprozessen wurde primär durch Konfiguration (Parametervariation) ermöglicht. Die SAP-Lösung für große Unternehmen (SAP ECC) wird hingegen weiter als ‚on-premise‘ Installation mit allen Möglichkeiten zur Softwareanpassung angeboten. Eine Cloud-basierte Lösung lässt sich für SAP ECC in einem PaaS/IaaS-Modell umsetzen.

In Gesprächen mit mittelständischen Unternehmen zeigt sich, dass bereits bei kleiner Unternehmensgröße ein hohes Maß an Anpassung der Software notwendig ist. Dieser Anforderung werden SaaS-basierte ERP-Systeme meist nicht gerecht. Die geringe Marktdurchdringung von SAP ByD und zuletzt die Nachricht über das Stilllegen der Lösung unterstützen dieses Bild [4].

Im SaaS-Modell betriebene ERP-Systeme weisen außerdem eine weitaus höhere Bindung an den Softwareanbieter auf. In einem konventionellen Betriebsmodell wird das Softwarepaket zwar durch Custom-ising und Zusatzprogrammierungen angepasst, das Softwarepaket bleibt jedoch stets von der IT-Plattform abtrennbar. Ein im PaaS/IaaS-Modell betriebenes ERP-System kann bei Bedarf zu einem neuen Anbieter transferiert werden. Hingegen sind Investitionen in die individuelle Anpassung einer SaaS-Lösung häufig untrennbar mit dem SaaS-Anbieter verbunden. Für SaaS-Modelle sind daher die erhöhten Wechselkosten in der Gesamtbeurteilung der Lösung mit zu berücksichtigen.

Zusammenfassung
Die durch Cloud Computing neu geschaffenen Möglichkeiten des Betriebs von ERP-Systemen werden am Markt häufig als ein einheitliches Betriebsmodell dargestellt und verstanden. Die hohe Komplexität und der stetig steigende Integrationsgrad von ERP-Systemen verdeutlichen die Notwendigkeit, die einzelnen Servicemodelle zu differenzieren und spezifisch auf ihre Eignung im Anwendungsfall zu untersuchen.

Die in der Literatur hervorgehobenen Potenziale zur Kosteneinsparung im SaaS-Modell gehen meist mit einer sehr starken Standardisierung einher. Diese kann, im Sinne einer Geschäftsprozessoptimierung und Reorganisation, für manche Unternehmen ein erwünschter Nebeneffekt eines Implementierungsprojekts sein. In zahlreichen Fällen ist der Wunsch nach einer Standardisierung der IT-Serv-ices, des ERP-Systembetriebs, jedoch der primäre Treiber des Einsatzes einer Cloud-Lösung. Gerade in diesen Fällen müssen Unternehmen genau analysieren, welches Servicemodell für Sie geeignet erscheint und insbesondere die durch eine SaaS-Lösung bedingten, massiven Veränderungen kritisch evaluieren.

Schlüsselwörter:

Cloud Computing, Servicemodelle, Wertbeitrag

Literatur:

[1] Mell, P.; Grance, T.: The NIST Definition of Cloud Computing (Draft), 2011, Online im Internet: http://csrc.nist.gov/publications/drafts/800-145/Draft-SP-800-145_cloud-... (Abrufdatum: 18.07.2011).
[2] Salleh, S. M.; Teoh, S. Y.; Chan, C.: Cloud Enterprise Systems: A Review of Literature and its Adoption. Proceedings of the 16th Pacific Asia Conference on Information Systems (PACIS), 2012.
[3] Schlecht, M.: Prozessmanagement in der Cloud, ERP Management, 9. Jg. 2013, Heft 4, S. 34-35.
[4] Gronau, N.: Betriebsformen für ERP-Systeme, ERP Management, 9. Jg. 2013, Heft 4, S. 20-23.
[5] Brynjolfsson, H.; Hitt, L.: Beyond the Productivity Paradox, Communications of the ACM, 41. Jg. 1998, S. 49-55.