Evaluierung nicht-funktionaler Anforderungen an ERP-Systeme

Michael Gall, Thomas Grechenig und Christian Sterba

Mit abnehmender Unternehmensgröße werden Entscheidungen bezüglich der ERP Auswahl in der Regel direkt und ohne langwieriges und kostspieliges Auswahlverfahren getroffen. Die zunehmende technologische Komplexität sowie die steigenden Anforderungen von Klein- und Mittelbetrieben an die technische Integrationsfähigkeit der eingesetzten ERP Lösung erhöhen für den Entscheider aber zunehmend das Risiko einer nachträglicher kostenintensiven Fehlentscheidung. Eine Betrachtung der in der Praxis angewendeten Auswahlverfahren zeigt, dass technische Aspekte aufgrund fehlender Entscheidungshilfen für einen effizienten Umgang mit technischer Komplexität kaum Teil der Entscheidungsbasis sind. Dieser Beitrag stellt eine Kriterientopologie vor, welche sowohl technologische, als auch strategische Aspekte der ERP Auswahl abdeckt.

Wenn ein Unternehmen ein ERP System erwirbt und einführt, dann sollen mit diesem System verschiedene funktionale und nicht funktionale Anforderungen abgedeckt werden [1]. In Klein- und Mittelbetrieben wird die ERP- Auswahl von den Entscheidungsträgern unter Einbeziehung unternehmensinterner Unterstützung durch die Key User beziehungsweise IT Manager direkt getroffen. Externe Berater werden in diesen Prozess nicht involviert [2]. Während des ERP Auswahlprozesses wird das Hauptaugenmerk auf die funktionalen Anforderungen gelegt. Die nicht funktionalen Anforderungen, welche durch die technischen Merkmale der ERP Lösung unterstützt werden, werden während des ERP Auswahlprozesses vernachlässigt. Der Schwerpunkt dieses Beitrages liegt auf den technischen Aspekten von ERP Lösungen und in der Erarbeitung einer zweistufigen Kriterientopologie, welche eine strukturierte Vorgehensweise beim Vergleich der technischen Merkmale einer ERP Lösung ermöglicht. Zur Analyse der nicht funktionalen Anforderungen werden zwei Aspekte in Betracht gezogen. Zum einen werden die in der Literatur aufgeführten nicht funktionalen Anforderungen betrachtet. Diese werden bei verschiedenen Studien unterschiedlich benannt, sind aber bei näherer Betrachtung auf dieselben nicht funktionalen Anforderungen zurückzuführen. Zum anderen wurde ein Fragebogen, welcher an Klein und Mittelunternehmen ausgesandt wurde als Datenbasis verwendet. Dieser Fragebogen zeigte, dass zwei nicht funktionale Anforderungen, welche in der Literatur noch nicht behandelt wurden (Migrationsfähigkeit und Wartbarkeit), wesentlich und relevant sind. Diese zwei Betrachtungsweisen führen zu verschiedenen nicht funktionalen Anforderungen, welche die wichtigsten Dimensionen repräsentieren die im Zuge des ERP Auswahlprozess zu evaluieren sind. Jeder dieser Dimension werden dann charakterisierende Merkmale zugeordnet. 


Bild 1: Evaluierungsdimensionen.

Eine ERP Lösung ist ein Softwarepaket, dass gewisse Funktionalität zur Verfügung stellt, auf einer bestimmten Architektur beruht und in einer bestimmten Art und Weise realisiert ist. Des Weiteren, verfolgt der Hersteller dieses Softwarepaketes verschiedene Strategien hinsichtlich des ERP Paketes. Dadurch ergeben sich die Merkmalsgruppen Funktionalität, Architektur, Implementierung und Strategie, welche beeinflussen, wie die verschiedenen Evaluierungsdimensionen (= Nicht funktionale Anforderungen) abgedeckt sind und zu bewerten sind. Um die Merkmalsgruppen noch zu Verfeinern, wird die Korrelation zwischen den verschiedenen Evaluierungsdimensionen und den einzelnen Merkmalsgruppen in Betracht gezogen. 


Evaluierungsdimensionen

In der Literatur finden sich verschiedene Studien [3]; [4]; [5] welche sich mit den für Klein und Mittelbetriebe maßgeblichen Bemessungskriterien in Bezug auf die Anschaffung einer neuen ERP Lösung beschäftigt haben. Ausgehend von diesen Literaturquellen konnten die folgenden Evaluierungsdimensionen abgeleitet werden:

•    Anpassbarkeit

•    Integrationsfähigkeit

•    Migrationsfähigkeit

•    Leistungsfähigkeit

•    Wartbarkeit

Dies kann in nachfolgender Abbildung nochmals verdeutlicht werden:


Technologisch strategische Merkmale

Für eine Erfüllung dieser nicht funktionalen Anforderungen sind zwei Aspekte in Betracht zu ziehen. Zum einen ist der technologische Aspekt, also die Architektur, Funktionalität und Implementierung der ERP Lösung ausschlaggebend. Darüber hinaus beeinflussen aber auch strategische Entscheidungen des Herstellers, wie ein Produkt hinsichtlich dieser Eigenschaften bewertet wird. Somit können die Merkmale in zwei Kategorien gegliedert werden.


Strategisches Momentum des Herstellers

Die derzeit am ERP Markt vorhandenen Hersteller von ERP Lösung verfolgen unterschiedliche Strategien hinsichtlich verschiedenster Aspekte, wie zum Beispiel der  Wartung, Entwicklung und Weiterentwicklung der ERP Lösung. 


Technologische Merkmale der ERP Lösung

In diese Kategorie fallen die Architektur, konkreten Implementierung der ERP Lösung und welche Komponenten im Lieferumfang mit enthalten sind: 

•    Technologische Standardfunktionalität
Eine ERP Lösung hat bestimmte technische Funktionalitäten, welche im Standardumfang mit enthalten sind. Damit sind verschiedenste Tools, aber auch Programmkomponenten wie zum Beispiel Dialogfunktionen gemeint, welche beispielsweise für die Durchführung von Wartungsarbeiten verwendet werden. 

•   Architektur

Eine ERP Lösung ist auf eine bestimmte Architektur aufgebaut. Die verschiedenen Architekturen beeinflusst ebenfalls, was ein ERP System hinsichtlich der Evaluierungskriterien leistet. 

•  Realisierung

Als letzter Punkt ist nun noch relevant, wie die ERP Lösung durch den Softwarehersteller umgesetzt wurde, also die softwaretechnische Implementierung.

Um nun eine weitere Aufspaltung der Merkmalskategorien in die einzelnen Merkmale abzuleiten wird die Korrelation einer Merkmalskategorie zu den 

pezifischen Evaluierungsdimension betrachtet.


Merkmale mit einer direkten Korrelation zu einer Evaluierungsdimension

Für die Kategorie „Strategisches Momentum des Herstellers“ kann für jede der verschiedenen Evaluierungsdimensionen ein spezifisches strategisches Merkmal gefunden werden, welches direkt diese eine Evaluierungsdimension beeinflusst. Der Softwarehersteller kann hinsichtlich jeder nicht funktionalen Anforderung eine unterschiedliche Strategie verfolgen. 

Für die technologischen Merkmale zeigt sich ein unterschiedliches Verhalten für die einzelnen Subkategorien. So existiert technologische Standardfunktionalität für jede der verschiedenen Evaluierungsdimensionen während die Architektur und Realisierung der Lösung evaluierungsdimensionsübergreifend sind.


Bild 2: Technologisch strategische Merkmale, nach Merkmalsgruppen.


Evaluierungs- dimensionsübergreifende Merkmale

Ein Ansatz für Aufspaltung der Merkmalskategorie „Architektur“ ist durch eine Betrachtung der Architektur aus verschiedenen Abstraktionsgraden [7] möglich. Dazu kann eine logische, softwaretechnische und physikalische Sichtweise verwendet werden Die logische Sichtweise ist für den Kontext dieses Beitrages nicht relevant, da auf dieser Ebene primär funktionale Aspekte beschrieben werden. Hinsichtlich der softwaretechnischen und physikalischen Sicht verwendet die Open Group [8] den Begriff Technologiearchitektur, welcher sowohl die softwaretechnische, als auch die physikalische Sicht abdeckt. Somit bleibt in der Merkmalskategorie „Architektur“ nur das Merkmal „Technologiearchitektur“, welches mehrere Evaluierungsdimensionen beeinflusst. Dieses Merkmal beschreibt die Systemarchitektur aus softwaretechnischer und physikalischer Sicht betrachtet.

Für die Merkmalskategorie „Realisierung“ wurden verschiedene Ansätze zur weiteren Gliederung in Betracht gezogen. Diese wurden jedoch wieder verworfen, da eine weitere Detaillierung, in zum Beispiel eine Realisierung der Geschäftslogik oder eine Realisierung der Datenlogik, im Zuge der ERP Auswahl und der kurzen Zeit, welche für diesen Prozess in einem Orchesterunternehmen zur Verfügung steht, nicht auswertbar ist. Daher ergibt sich für diese Merkmalskategorie nur ein Merkmal, die softwaretechnische Implementierung, welche eine ausschlaggebende Rolle hinsichtlich der Erfüllung der nicht funktionalen Anforderungen spielt. 


Nachfolgende Abbildung zeigt die Kriterientopologie:

Diese zweistufige Kriterientopologie kann während der vergleichenden Gegenüberstellung von ERP Systemen während der ERP Auswahl verwendet werden, um neben den funktionalen Anforderungen auch die nicht funktionalen Anforderung zu bewerten. Als weiterführenden Schritt können den einzelnen Merkmalen noch Vergleichskriterien, wie sie von Gall et. al. [9] beschrieben wurden zugeordnet werden. 

 

 

Schlüsselwörter:

ERP Auswahl, Vergleichskriterien, Klein- und Mittelunternehmen, Kriterientopologie

Literatur:

[1] Alleman, G.: Architecture–Centered ERP Systems in the Manufacturing Domain, Niwot, 2003
[2] Barbacci M.: SEI Architecture Analysis Techniques and when to use them, Carnegie Mellon Software Engineering Institute, 2002
[3] Dooly, J.: Austria Enterprise Application Software 2004 – 2008 Forecast and 2003 Vendor Shares, IDC, 2004
[4] Bernroider, E. und Koch S., ERP selection process in midsized and large organizations, Business Process Management Journal; 2001; 7, 3; ABI/INFORM Global, pp. 251 – 257, 2001
[5] Baki, B. und Cakar, K., Determining the ERP package selecting criteria, Business Proscess Management Journal, Vol. 11, No. 1, 2005, pp 75 - 86
[6] Hecht, B. Managing resources – choose the right ERP software, Datamation, Vol. 43, No. 3, pp. 56-58, 1997
[7] Kruchten P.: Architectural Blueprints – The „4+1“ View Model of Software Architecture, IEEE Software, Vol. 12, Nr.6, 1995
[8] The Open Group, TOGAF (The Open Group Architecture Framework). Version 8.1 “Enterprise Edition”, The Open Group, 2003.
[9] M. Gall, C. Sterba, T. Grechenig: “Vergleich moderner ERP Systeme für den Einsatz im Orchesterunternehmen“; ERP Management Journal, 1 (2009), S. 41 - 47.