ERP-Anpassung an demografische Entwicklungen

Michael Krutzke und Sandy Eggert

Der demografische Wandel ist durch einen starken Rückgang der Geburtenrate bei gleichzeitig höherer Lebenserwartung gekennzeichnet. Im Zuge dieser Entwicklung wird sich die Anzahl der Beschäftigten über 55 Jahre in den kommenden Jahren verdoppeln [1]. Diese Entwicklung hat auch Effekte auf die Systemlandschaft von Unternehmen. In diesem Beitrag werden die Auswirkungen auf die Anforderungen von ERP-Systemen fokussiert.

 

Die gegenläufigen Trends bei der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland – steigende Lebenserwartung und Rückgang der Geburtenzahlen – ändern die Alterszusammensetzung unserer Gesellschaft grundlegend. Mehr Menschen mit altersbedingten Einschränkungen (und jüngere mit Ausbildungs- und Sprachproblemen) werden produktiv zu beschäftigen sein. Dabei spielt die Informationstechnik eine Schlüsselrolle.

Ab 2029 wird die Altersklasse der 60- bis 67-Jährigen dem Arbeitsmarkt vollständig zur Verfügung stehen. Die Unternehmen werden dann mit einer stärkeren Altersspreizung ihrer Belegschaft und den damit einhergehenden Auswirkungen auf die Produktivität umgehen müssen. So wird sich auch das aktuell vorherrschende Benutzermodell der betrieblichen Anwendungen ändern, welches von einem sehr gut ausgebildeten Experten ausgeht, der sich ebenso gut mit Fachterminologie auskennt und aus demselben Kulturkreis, wie die Entwickler des Informationssystems stammt [2]. Auch kann die Altersdurchmischung problematische gruppendynamische Situationen bewirken, beispielsweise in Teams. Um diese Entwicklung zu steuern, sind interdisziplinäre Anstrengungen erforderlich. Dazu sollten zunächst die durch demografische Veränderungen ausgelösten Faktoren und ihre Beeinflussung betrieblicher Anwendungen, wie etwa ERP-Systeme, betrachtet werden.

 


Bild 1: Faktoren und Auswirkungen des demografischen Wandels.

 

Leistungsfähigkeit

Zu nachlassenden mentalen Fähigkeiten älterer Menschen hat Schaie in einer Längsschnittstudie zwischen 1956 und 2005 Personengruppen im Abstand von jeweils sieben Jahren nach sechs Intelligenzfaktoren untersucht [3, 4].

Der deutliche Abfall der Kurven ab 60 Jahren entspricht dem verbreiteten Bild. Tatsächlich sind die Rückgänge aber gering, denn T-Werte zwischen 40 und 60 liegen im Durchschnittsbereich (siehe dazu [6]). Vorhandenen Einschränkungen steht außerdem ein potenziell ausgleichendes – und nutzbares – Erfahrungswissen gegenüber. Cattell entwarf dazu ein Intelligenzmodell mit den Komponenten „fluid“ und „kristallin“. Die kristalline Intelligenz ist dementsprechend das Endprodukt dessen, was fluide Intelligenz und Bildung gemeinsam hervorgebracht haben [7]. Darauf basierend stellen Zülch und Schmidt die grundsätzliche Entwicklung der Intelligenzleistung über dem Lebensalter dar [8].

Die sogenannte kristalline Intelligenz, die stellvertretend für das erlangte Wissen im beruflichen Einsatz sowie soziale Intelligenz steht, verzeichnet sogar weiterhin einen leichten Anstieg bis ins höhere Alter. Bei einer stärkeren Altersspreizung der Belegschaften trifft diese ältere Gruppe auf all jene jüngeren Mitarbeiter, deren Weg zur Fachkraft möglicherweise durch Ausbildungs- und Sprachprobleme be-gleitet wurde. Neuartige Beschäftigungs- und Arbeitsplatzmodelle sind gefragt.

Die aufgeführten Veränderungen, die sich durch den demografischen Wandel ergeben, haben unmittelbare Auswirkungen auf die Anforderungen an ERP-Systeme. ERP-Systeme sind komplexe betriebliche Anwendungen, die einen hohen Stellenwert in Unternehmen haben. Die betrachteten Bereiche, in denen die demografischen Veränderungen neue Anforderungen generieren, sind: Usability und Schulungskonzepte, Betreibermodelle sowie Wandlungsfähigkeit und Umgang mit Systemkomplexität.

 


Bild 2: Intelligenzfaktoren im Altersverlauf [5].

Usability und Schulungskonzepte

Usability beschreibt das Ausmaß, in dem ein Produkt von einem bestimmten Benutzer verwendet werden kann, um bestimmte Ziele in einem konkreten Kontext effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen [9]. Die sich daraus ergebende Anforderung an ERP-Systeme ist eine möglichst intuitiv bedienbare Benutzeroberfläche, kombiniert mit nachvollziehbarerer Funktionalität. Usability bezieht sich folglich auf die ergonomischen Anforderungen zur Benutzung von ERP-Systemen [10].

Neben dem bestehenden Anspruch an Usability, ausgelöst durch technologische Veränderungen, kommen in Bezug auf den demografischen Wandel auch Veränderungen der physischen Fähigkeiten, der Arbeitsplatzgestaltung sowie des Anspruchs an neue Oberflächenkonzepte durch die steigende Nutzung von Apps im Zusammenhang mit mobilen Endgeräten hinzu. Leider spielte das Vorhandensein einer bedienerfreundlichen Benutzeroberfläche in der Vergangenheit eine untergeordnete Rolle, sodass bspw. das Realisieren einer einfachen Anforderung nicht im Rahmen des einfachen Customizing möglich war, sondern tieferes Systemwissen verlangte [10].

Die Bedeutung der Usability bei Softwareprodukten, welche intensives und teures Training verlangen, wird nicht zuletzt durch demografische Impulse weiter ansteigen. Auswirkungen werden sich vor allem in der Erlernbarkeit der ERP-Systeme zeigen und unmittelbar zur Reduzierung von Schulungs- und Trainingskosten beitragen. Weiterhin können Fehlerraten und Supportkosten reduziert werden, was nicht nur zu einer höheren Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter führt, sondern auch Auswirkungen auf die Kundenseite haben wird [10].
 

Betreibermodelle

Mit der demografischen Entwicklung geht die Notwendigkeit zur Veränderung der Arbeitsplatzgestaltung und damit auch der Betreibermodelle von ERP-Systemen einher. Das mobile und flexible Arbeiten wird zunehmend im Mittelpunkt stehen. Dies rückt unmittelbar eine Cloud-basierte, verbrauchsabhängige Nutzung von ERP-Systemen in den Vordergrund. Damit verbunden sind vor allem Kostenersparnis und ein geringerer Support- und Administrationsaufwand.

 


Bild 3: Kristalline und fluide Intelligenz [8].

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Schlüsselwörter:

demografischer Wandel, ERP Systeme

Literatur:

[1] Meier, H.; Krückhans, B. (2012): Innovatives technisches Assistenzsystem zur Optimierung der Arbeitsgestaltung. In: Müller, E. (Hrsg.): Demographischer Wandel: Herausforderung für die Arbeits- und Betriebsorganisation der Zukunft. (Schriftenreihe der Hochschulgruppe für Arbeits- und Betriebsorganisation e.V. (HAB)) GITO Verlag (Berlin).
[2] Gronau, N.; Fohrholz, C. (2013): Anpassung der Bedienung komplexer Informationssysteme an die demografische Entwicklung. In: Industrie Management Nr. 3, S. 15 - 19.
[3] Schaie, K. W. (2005): Developmental influences on adult intelligence: The Seattle longitudinal study. Oxford University Press (New York).
[4] Thurstone, L. L. (1938): Primary mental abilities. The University of Chicago Press (Chicago).
[5] Zülch, G. (2010): Stand und Entwicklungstendenzen der personalorientierten Simulation. In: Zülch, G.; Stock, P.: Integrationsaspekte der Simulation: Technik, Organisation und Personal. KIT Scientific Publishing (Karlsruhe) S. 1 - 19.
[6] Petermann, F.; Macha, T. (2005): Psychologische Tests für Kinderärzte. Hogrefe (Göttingen).
[7] Cattell, R. B. (1987): Intelligence: its Structure, Growth and Action. Elsevier (Amsterdam).
[8] Zülch, G.; Schmidt, D. (2011): Simulation von routinemäßigen Tätigkeiten mit vorwiegend mentalen Anforderungen. In: Spath, D. (Hrsg.): Wissensarbeit – Zwischen strengen Prozessen und kreativem Spielraum. GITO Verlag (Berlin), S. 303 - 324.
[9] DIN EN ISO 9241 Teil 11, http://usability.is.uni-sb.de.
[10] Eggert, S. (2014): Usability. In: ERP Management Nr. 4., S. 20.
[11] Gronau, N. (2012): Handbuch der ERP-Auswahl. GITO Verlag (Berlin).
[12] Eggert, S. (2010): Wandlungsfähigkeit von Enterprise Content Management, Gestaltung wandlungsfähiger ECM-Prozesse unter Verwendung kartographischer Methoden. GITO Verlag (Berlin).
[13] Gronau, N. (2012): Anpassung der Bedienung komplexer Informationssysteme an die demographische Entwicklung. In: Müller, E. (Hrsg.): Demographischer Wandel: Herausforderung für die Arbeits-und Betriebsorganisation der Zukunft, GITO Verlag (Berlin). S. 149 - 164.