Digital Business Transformation und ERP

Katharina Kompalka und Matthias Parlings

Die vierte industrielle Revolution digitalisiert Geschäftsprozesse und vernetzt zunehmend mit autonomen cyber-physischen Systemen (CPS) reale Komponenten mit der digitalen Welt. Dabei umfasst Industrie 4.0 heute schon eine Vielzahl an Geschäftsbereichen. Neue Technologien dringen immer weiter in den Markt und nehmen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit. Aus diesem Grund müssen sich zunehmend auch KMU mit dem Thema auseinandersetzen. Der häufig vorhandene Mangel an Know-how oder finanzielle Beschränkungen rufen Experten auf den Plan, die sich unter dem Stichwort „Digital Business Transformation“ im Rahmen von Analysen und Workshops unter Berücksichtigung der eingesetzten ERP-Software mit den Möglichkeiten von Industrie 4.0 und der konkreten Umsetzung beschäftigen sollen.

Die deutschen mittelständischen Unternehmen sind mehr denn je an der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse interessiert. Ganze 83 Prozent von 189 befragten IT-Verantwortlichen deutscher Unternehmen gaben in einer Studie des Softwareherstellers United Planet an, noch in diesem Jahr deutlich mehr in Digitalisierung investieren und ihren Schwerpunkt auf die Themen Digital Workplace und Industrie 4.0 legen zu wollen [1].

Zu den wichtigsten Technologiefeldern der Industrie 4.0 gehören:

  • Kommunikation 
  • (Echtzeitfähige drahtlose Kommunikation, selbstorganisierende Kommunikationsnetze und mobile Kommunikationskanäle)

  • Sensorik 
  • (Intelligente und vernetzte Sensoren)

  • Eingebettete Systeme 
  • (Miniaturisierte, intelligente eingebettete Systeme, Identifikationsmittel)

  • Aktorik 
  • (intelligente und vernetzte Aktoren)

  • Mensch-Maschinen-Schnittstellen 
  • (Kontextbasierte Informationspräsentation, Semantik-Visualisierung, Sprach- und Gestensteuerung, Fernwartung, Augmented und Virtual Reality)

  • Software/Systemtechnik 
  • (Simulationsumgebungen, Multi-Agenten-Systeme, Maschinelles Lernen, Big Data Analyseverfahren, Cloud-Computing, Mobile Kommunikationskanäle) [2]


Problematisch ist bislang noch die richtige Strategie hinsichtlich der Auswahl und Einführung der oben genannten Industrie 4.0-Technologien. Den meisten Unternehmen mag es sehr aufwendig oder ohne fremde Hilfe schlichtweg nicht umsetzbar erscheinen, die für sie geeignete Technologie auszuwählen zumal der Markt hierfür sich gerade rasant entwickelt. Ferner fehlt es häufig am notwendigen Hintergrundwissen bezüglich der richtigen Vorgehensweise für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen und Einführung moderner Industrie  4.0-
Anwendungen. 


Industrie 4.0 

Entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung ist eine sukzessive Annäherung. Die Umsetzung von Indus-
trie 4.0 ist in Deutschland schon längst angekommen. Dies belegen die Informationen, die die Plattform Industrie  4.0 veröffentlicht. Die durch die Ministerien für Bildung und Forschung sowie Wirtschaft und Energie geförderte Plattform hat über 250 Industrie 4.0-Projekte in einer Deutschlandkarte dargestellt [4]. Die Umsetzung bei KMU ist jedoch zögerlich. Hemmnisse sind die begrenzten finanziellen Mittel insbesondere aber auch der Mangel an Know-how der eigenen Mitarbeiter zum Thema Industrie 4.0. Das Projekt „Digital in NRW - Das Kompetenzzentrum für den Mittelstand“ bereitet die Themen Digitalisierung und Vernetzung gezielt für kleine und mittlere Unternehmen in Nordrhein-Westfalen und über die Landesgrenzen hinweg auf und unterbreitet kostenlose und praxisorientierte Angebote für die gemeinsame Umsetzungsunterstützung. Mit Hilfe der Methode „Digital Business Transformation“ und der in Bild 1 aufgeführten Servicebausteine kann gezielt unterstützt werden. Die Unterstützung beinhaltet fünf Kernbereiche mit entsprechenden Servicebausteinen, die die Migrationsschritte „Informieren“, „Demonstrieren“, „Qualifizieren“, „Konzipieren“ und „Umsetzen“ systematisch unterstützen.


Ausreichende Qualifizierung 

Das Kompetenzzentrum hat ein breites Angebot für den Mittelstand speziell zum Thema Industrie 4.0 entwickelt, um Unternehmen bereits vorhandene Industrie 4.0 Technologien aufzuzeigen und den Mehrwert für das eigene Unternehmen darzustellen. Das Unterstützungsangebot umfasst Vorträge, Unternehmenssprechstunden, Fachtagungen und Roadshows, die für KMU aufgrund der Förderung durch das Bundeswirtschaftsministerium kostenlos sind.  

„Industrie 4.0 zum Anfassen“ heißt das neue Stichwort, unter dem das Kompetenzzentrum konkrete, zukunftsweisende Beispiele aus der Praxis zeigt. Hierzu werden Exkursionen, Praxis-Workshops und Lab-Touren durchgeführt. Um die Mitarbeiter auf Industrie 4.0 vorzubereiten, werden Fach-Seminare, Inhouse-Schulungen, Blended-Learning-Schulungen sowie Train-the-Trainer-Schulungen durchgeführt. Ziel dieser Angebote ist es, den Mitarbeitern zu ermöglichen, zukünftig eigenständig zu analysieren, welche Kompetenzen das Unternehmen benötigt und wie die Digitalisierung vorangetrieben werden kann. 


Bild 1: Servicebausteine des Mittelstand Kompetenzzentrums.


Konzeption

Im Rahmen des Bausteins „Konzipieren“ wird der Reifegrad eines Unternehmens im Hinblick auf Digitalisierung untersucht. Mit dem Ziel, dass Unternehmen zur Selbstbeurteilung befähigt werden, hat das Kompetenzzentrum einen Selbstcheck entwickelt, mit dessen Hilfe Unternehmen auf Basis der eigenen internen Prozesse, Strukturen und IT-Systeme die nächsten Schritte des Transformationsprozesses ableiten können. 

Der Selbstcheck beleuchtet die von einer Veränderung betroffenen Kernbereiche Geschäftsmodelle, Produktentstehung, IT-Systeme und Informationsmanagement, Qualitätsmanagement, Produktionsplanung, Produktionssteuerung und Logistik. Auf Basis des Selbstchecks führt das Kompetenzzentrum dann Potenzialanalyse-Workshops durch, um die Handlungsfelder zu ermitteln und eine unternehmensspezifische „Digitalisierungs-Roadmap“ zu erarbeiten.


Bewertung der Möglichkeiten 

ERP ist immer ein wichtiges Thema in Unternehmen, doch leider ist diese notwendige IT-Infrastruktur nicht immer in ausreichendem Maß vorhanden. Ein ERP-System dient der funktionsübergreifenden, digitalen Abbildung von Geschäftsprozessen (z.  B. Erstellung von Anfragen und Angeboten, Auslösen einer Bestellung oder eines Produktionsauftrages, Verbuchung von Wareneingängen und Ausgängen sowie Rechnungen). Es wird besonders effizient genutzt, wenn es alle relevanten Geschäftsprozesse abbildet und über ausreichend interne und externe Schnittstellen verfügt.


Bild 2: Kern- und Zusatzfunktionen von ERP-Systemen [6].

Zunächst mag der Zusammenhang zwischen Industrie 4.0 und einem ERP-System konträr erscheinen. So werden mit Industrie 4.0 intelligente Maschinen auf Basis von autonomer, dezentraler Selbststeuerung assoziiert, wohingegen das ERP-System für eine zentrale, deterministische betriebliche Software steht. Kurbel verbindet dabei beide Betrachtungsweisen mit folgender Aussage: „Die physischen Objekte, die die intelligenten Anlagen durchlaufen, haben ihr Gegenstück in abstrakten Objekten, die im ERP-System geführt werden“. Der entscheidende Berührungspunkt liegt damit in der Produktion, in der Aufträge und Maschinen zusammen treffen [5]. Darüber hinaus gibt es auch Berührungspunkte wie etwa in der Instandhaltung, in der CPS-gesteuerte Objekte z. B. in Form einer mit Sensoren bestückten und vernetzen Maschine Verschleißinformationen zum automatischen Anlegen von Instandhaltungsaufträgen an ein ERP-System senden. 

Die Digitalisierung setzt also eine moderne Betriebssoftware voraus, die über die notwendigen ERP-Funktionen verfügen sollte. Bild 2 gibt eine Übersicht über Kern- und Zusatzfunktionen, deren Notwendigkeit im Rahmen einer Potenzialanalyse untersucht werden sollte. 

 


Fazit

Die digitale Abbildung der Geschäftsprozesse in Form von ERP-Systemen wird erwartungsgemäß auch zukünftig im Rahmen von Indus-
trie 4.0 die fundamentale Rolle im Geschäftsablauf bilden. Dies belegt auch die Studie „Auswirkungen von Indus-
trie 4.0 auf die Anforderungen an ERP-Systeme“, die von "Digital in NRW - Das Kompetenzzentrum für den Mittelstand" mit dem Team ERP LOGISTICS am Fraunhofer IML durchgeführt wurde [6]. Aus diesem Grund stellt eine umfangreiche Analyse der unternehmensinternen IT-Prozesse die Basis für das Zeitalter der Industrie 4.0 dar.    ν

Schlüsselwörter:

Digitale Transformation, Industrie 4.0, ERP-Systeme

Literatur:

[1] Theijs, M. (2016): Kurzstudie Digitalisierungstrends 2017. United Planet GmbH. https://www.intrexx.com/de/digitalisierungstrends-2017?utm_source=PM01_2.... Abruf 03.03.2017.
[2] Hegmanns, T.; Prasse, C.; Bischoff, J.; Taphorn, C.; Braun, N.; Fellbaum, M. et al. (2015): Erschließen der Potenziale der Anwendung von Industrie 4.0 im Mittelstand. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Dortmund.
[3] Henke, M.; ten Hompel, M. (2017): Logistik 4.0 - Ein Ausblick auf die Planung und das Management der zukünftigen Logistik vor dem Hintergrund der vierten industriellen Revolution. in: Handbuch Industrie 4.0 Bd.4. Allgemeine Grundlagen, Springer. S. 249-259.
[4] Landkarte Industrie 4.0 der Plattform Industrie 4.0: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Bundesministerium für Bildung und Forschung. http://www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/In-der-Praxis/Karte/karte..... Abrufdatum 01.03.2017.
[5] Kurbel, K. (2016): Industrie 4.0 und ERP. ERP-Management. GITO-Verlag, Ausgabe 12/2016. S. 57-59.
[6] Klink, K., Mertens, C., Kompalka, K.: ERP-Marktstudie 2016. Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Anforderungen an ERP-Systeme. Digital in NRW – Das Kompetenzzentrum für den Mittelstand. https://www.digital-in-nrw.de/de/aktuelles/details/neue-marktstudie-von-.... Abrufdatum 15.03.2017.