Trends im ERP-Markt 2019

Norbert Gronau

Nach wie vor kommt die Digitalisierung um ERP-Systeme als wichtigsten Baustein der unternehmensinternen Informationsversorgung nicht herum. Dieser Beitrag beleuchtet anhand einer seit mehreren Jahren durchgeführten Querschnittsstudie des deutschsprachigen ERP-Marktes die wichtigsten Trends im ERP-Markt des Jahres 2019. Dabei werden Herausforderungen, Auswahlgründe, Projektanlässe und Projektziele differenziert und Handlungsempfehlungen für Anwender und Anbieter gegeben.

Marktbeobachtung 

Am Center for Enterprise Research der Universität Potsdam existiert die Datenbank „ERP Wissen“, in der seit 2007 alle publizierten ERP-Projekte in Deutschland verzeichnet werden (Bild 1).

Diese Projekte werden von Wissenschaftlern kontinuierlich um Informationen zu Projektgründen, Projektzielen und Gründen für die Auswahl des zuletzt eingeführten Systems ergänzt. Mit über 1600 Projekten von mehr als 300 Systemen stellt diese Datenbank eine einzigartige Basis für die anwendungsorientierte Forschung dar. Mit den gesammelten und angereicherten Daten ist es z. B. möglich, den Markterfolg der ERP-Anbieter durch Gegenüberstellung von Neukundengewinnung und Verlust von Bestandskunden im deutschsprachigen ERP-Markt zu messen. [1] So entsteht über mehrere Jahre hinweg ein gefestigtes Bild der ERP-Szene. 


Bild 1: Startbildschirm der Datenbank „ERP-Wissen“


Marktanteile

Viele Unternehmen orientieren sich gern bei ihren Investitionsentscheidungen an den Markführern. Eine Ermittlung der Marktführerschaft ist im ERP-Markt nicht ganz so einfach, da ein großer Teil der Systeme im Mittelstand installiert ist (Bild 2). Kleinere Unternehmen bis 50 Mitarbeiter machen in der Größenklasseneinteilung des Statistischen Bundesamtes den Löwenanteil aus, sind hier aber aus zwei Gründen unterrepräsentiert: Zum einen sind diese Unternehmen noch nicht so ERP-affin wie größere Unternehmen, zum anderen sind diese Unternehmen als publizierte Projekte nicht so interessant, da sie niemand kennt. Große Unternehmen hingegen werden sehr viel stärker publiziert und sind hier überproportional vertreten. 

Die überwiegende Zahl der Systeme befinden sich im Bereich zwischen 50 und 500 User, also im Kern des industriellen Mittelstandes. Daher werden in der Marktanteilsermittlung des Center for Enterprise Research Kunden gezählt, nicht aber Lizenzen. Die Ermittlung des publizierten Marktanteils ist um eine sehr hohe Dunkelziffer zu korrigieren. Vermutlich werden ca. 90 % der abgeschlossenen ERP-Projekte nicht publiziert, sei es weil sie ihre Ziele nur teilweise erreichen oder weil sie zeitlich und budgetmäßig deutlich über der Planung endeten. 

Diese - vom Center for Enterprise Research regelmäßig aktualisierte Grafik (Bild 3) zeigt, dass der ERP-Markt nach wie vor sehr zersplittert ist - über 160 verschiedene ERP-Systeme unterschiedlicher Anbieter wurden in den letzten Jahren in Deutschland neu installiert. Den Markt der Top Ten führt wenig überraschend die SAP AG mit ihren Systemen von Business One über (wenige) Business by Design-Projekte bis zum All-in-One und S4/HANA. Danach sind Anbieter zu unterscheiden, die viele Systeme installieren (z. B. Microsoft) und solche, die ein sehr gutes Marketing ihrer Projekterfolge beherrschen (z.B. GUS). infor steht noch an Platz 4, verdankt dies aber überwiegend sehr alten Projekten; seit 2013 ist scheinbar nur noch das Systemhaus TERNA aktiv, nicht mehr aber die infor selbst.


Bild 2: Verteilung der Systemgröße (Anzahl Nutzer) sowie
Vergleich mit den Größenklassen der offiziellen Statistik.


Warum werden ERP-Projekte gestartet?

Bei der Nachqualifizierung der publizierten Projekte wird der Projektleiter des Anwenderunternehmens auch stets nach den Gründen gefragt, warum sein Unternehmen ein neues ERP-System suche. Die genannten Gründe (Bild 4) lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Zum einen werden Fehler und Probleme beseitigt, die frühere möglicherweise überhastete ERP-Einführungen hinterlassen haben. Das kann ein nicht mehr leistungsfähiges Altsystem sein, die fehlende Durchgängigkeit, zu hohe Heterogenität der IT oder unzureichende Schnittstellen zwischen Inselsystemen. 

Daneben ist aber sehr deutlich der Wunsch der Anwender nach einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch das neue ERP-System zu erkennen. Projektgründe wie Wachstum, gestiegene Kundenanforderungen oder neue Geschäftsanforderungen oder der Wunsch nach mehr Flexibilität sind eindeutige Indikatoren dafür. Noch überwiegen die problemlösenden ERP-Projekte. Ich prognostiziere jedoch, dass sich dieses Bild innerhalb der nächsten drei Jahre nahezu vollständig in Richtung Wettbewerbsfähigkeit ändern wird. Anbieter mit veralteten Systemarchitekturen werden dann das Nachsehen haben, wenn es um Smart Factories, Analytics, Künstliche Intelligenz oder Industrie 4.0 geht.


Bild 3: Marktanteile publizierter ERP-Projekte.


Projektziele

Waren die Anlässe, ein ERP-Projekt durchzuführen, noch zu ca. 60 % durch Problembeseitigung gekennzeichnet, so steht bei den publizierten Anwendern genannten Projektziele die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit eindeutig im Vordergrund. Besonders beeindruckend ist die sehr klare Benennung der besseren Geschäftsprozesse als wichtigstes Projektziel (Bild 5). 

Für die Weiterentwicklung von ERP-Systemen bedeutet dies, dass die Verknüpfung von Geschäftsprozessmanagement und ERP-System eine noch größere Rolle spielen wird als bisher. Systeme, die noch keine Prozessengine mit der Möglichkeit der Modellierung von Sollprozessen und der Zuordnung von Systemfunktionen zu diesen Sollprozessen haben, werden erheblich an Bedeutung verlieren. Für Unternehmen, die auf der Suche nach einem neuen ERP-System sind, ist dies inzwischen ein 'must have'. Leider ist es bei Auswahlverfahren, die lediglich Funktionen zählen, kaum möglich, solche Aspekte sinnvoll in den Auswahlprozess einzubringen.


Bild 4: Gründe für ein ERP-Projekt


Auswahlgründe

Die für die Prognose des ERP-Marktes spannendste Auswertung betrachtet die Gründe für die Auswahl eines bestimmten ERP-Systems am Ende eines Auswahlverfahrens. Hier lassen sich die Präferenzen der Anwender am besten beobachten (Bild 6). 

Die auf der Basis von mehr als 1100 ausgewerteten Projekten erhobenen Auswahlgründe zeigen mehrere äußerst interessante Tendenzen auf. Zum einen ist der jahrelange Favorit bei Auswahlentscheidungen, die angebotene Funktionalität, nur noch knapp vorn. Es ist wenig überraschend, dass dieser Aspekt die Auswahl dominiert, denn gerade die im Standard mitgebrachte Funktionalität ist einer der wesentlichen Aspekte, sich für Standardsoftware zu entscheiden. Die zunehmende Volatilität der Märkte, der Kundenanforderungen, des Lieferantenverhaltens und der internationalen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen macht sich jedoch sehr stark im zweitwichtigsten Auswahlgrund, der Flexibilität und Anpassbarkeit, bemerkbar. ERP-Kunden wollen heute Systeme, die sie durch wesentliche Phasen des Lebenszyklus ihres Unternehmens begleiten und zwar unabhängig von der derzeitigen konkreten Ausrichtung des Geschäftsmodells. Dies stellt eine Warnung dar für alle sehr einseitig auf bestimmte Branchen, Kundengrößen oder Regionen konzentrierte ERP-Anbieter dar. Beispielsweise wird eine - für den ERP-Anbieter äußerst komfortable - Fokussierung auf den B-to-B-Handel bei gleichzeitiger Ignoranz des stark zunehmenden B-to-C-Handels nicht länger von den Kunden toleriert. Die im Mittelfeld der Auswahlgründe stehende Forderung nach moderner Technologie ist natürlich genau eines der Mechanismen, mit denen den Kundenanforderungen begegnet werden kann. Verständlich jedoch, dass der Kunde sein unmittelbares Ziel, die Anpassungsfähigkeit und Flexibilität in den Vordergrund stellt und nicht die technische Erreichbarkeit dieses Ziels. 


Bild 5: Ziele von ERP-Projekten.

Eine weitere sehr interessante Entwicklung stellt die zunehmende Forderung nach gut bedienbaren ERP-Systemen dar. Aktuell ist dieser Wunsch fast so stark wie der nach einem starken und erfahrenen Anbieter. Auch hier müssen die ERP-Anbieter erheblich nachlegen, denn viele Systeme wirken so, als wären die Benutzungsoberflächen in den letzten 15 Jahren nicht einmal angefasst worden. Damit ist nicht eine optische Anpassung gemeint, sondern eine echte Umstellung auf die Aufgabenumgebung des jeweiligen Benutzers. Hier besteht noch sehr viel Nachholbedarf, wie z.B. ein aktuelles Forschungsprojekt des FIR an der RWTH Aachen und meines Lehrstuhls zeigt (SURE [2]).

Schließlich sollten bei SAP die Alarmglocken klingeln, denn der Wunsch nach einer Komplettlösung aus einer Hand ist nur noch an zehnter Stelle der Auswahlgründe. In der Vergangenheit war es oft der wichtigste Grund, eine Lösung auszuwählen, die auch noch Personalabrechnung und chinesische Buchhaltung in einem System abzubilden vermochte. Immer mehr Entscheidern in den Anwenderunternehmen ist klar, dass der Trend eindeutig wieder zu Best-of-Breed geht. Nicht einmal SAP, die sich derzeit stark intern auf die Umstellung von SAP ERP auf S/4 HANA fokussieren, kann an dieser Stelle für mittelständisch geprägte Anwender noch punkten.

Empfehlungen für Anbieter

Die seit mehr als zehn Jahren kontinuierlich durchgeführte Bobachtung des deutschsprachigen ERP-Marktes zeigt erhebliche Veränderungen im Nachfrageverhalten der Anwender. Während einige Anbieter dies bereits erkannt haben und umfangreiche Verbesserungen ihres Systems auf den Weg bringen, z.B. Godesys im Bereich Ergonomie, Asseco im Bereich KI und CVS im Bereich Systemarchitektur und Prozessorientierung, so stehen doch noch große Herausforderungen vor den meisten Anbietern. Sie müssen neben den im Beitrag genannten Aspekten vor allem deutlich machen, dass ihr ERP-System als Basis der Digitalen Transformation fungieren kann und nicht, wie in einigen Fällen, als Bremsklotz empfunden wird. Dass dazu erhebliche zusätzliche Anstrengungen in Forschung und Entwicklung erforderlich sind, versteht sich von selbst.


Bild 6: Gründe für die Auswahl eines ERP-Systems“


Empfehlungen für Anwender

Vor der Entscheidung über die ERP-Auswahl sollten Sie das Branchenwissen Ihres präferierten Anbieters gründlich überprüfen. Nichts behindert ein Einführungsprojekt mehr als wenn der Anbieter unterwegs erst noch über die Zielbranche schlaugemacht werden muss – etwas, dass Sie im Übrigen nicht herausfinden, wenn Sie nur Funktionen zählen. Falls der Anbieter doch nicht ganz so viele Erfahrungen aufweisen kann, seine Technologie und Ergonomie und seine Vision von ERP 2025 dennoch überzeugend ist, bauen Sie entsprechende Vorkehrungen in den Projektvertrag ein, um ggf. das Projekt auch mit anderen Dienstleistern fortsetzen zu können. Versuchen Sie nicht, statt des ERP-Systems ein anderes System als Basis für die digitale Transformation einzusetzen. Auch dieses System muss immer wieder sehr stark mit dem ERP-System interagieren, so dass Sie das Problem nur vergrößern, anstatt es zu lösen.

Schließlich ist es elementar wichtig, zuerst die Geschäftsprozesse zu analysieren und zu verbessern, bevor deren technische Implementierung angegangen wird. Dazu ist zwingend die Bereitstellung und Freistellung von Keyusern erforderlich. Geht das nicht, müssen Sie die notwendige Kapazitätserweiterung auf anderem Wege herbeiführen, sonst wird Ihr ERP-Projekt nicht so erfolgreich werden wie Sie es verdienen!

 

 

 

 

Schlüsselwörter:

ERP, ERP-Markt, ERP-Trends, ERP-Systeme, Digitalisierung

Literatur:

[1] Gronau, N.: Die Zufriedenheit der SAP-Anwender, ERP Management 3/2018, S. 47-50
[2] SURE-Projekt: https://www.fir.rwth-aachen.de/forschung/forschungsprojekte/sure-19270-bg