Die ERP-Trends 2021

1. März 2021

Die ERP-Trends 2021

Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Trends des Jahres 2021 im Bereich ERP-Systeme. Alle Vorhersagen beruhen auf der langjährigen Erfahrung und Marktbeobachtung des Autors. Im ERP-Bereich sind 2021 folgende Themenkomplexe wichtig: Welche Technologien spielen eine Rolle, welche Auswirkungen hat die Pandemie auf kommende oder laufende ERP-Projekte, in welche Richtung entwickelt sich der ERP-Markt und was wird im Thema Betrieb von ERP-Systemen passieren. Zum Schluss werden noch einige Aspekte genannt, die leider im gerade angelaufenen Jahr keine große Rolle spielen werden.

Betrieb von ERP-Systemen

In diesem Bereich sind drei Trends zu erkennen: der Druck der Anbieter auf die Cloud, die Optimierung vorhandener Systeme und Veränderungen bei den Lizenzmodellen. 

Anbieter von ERP-Systemen wollen ganz klar ihre Kunden dazu bewegen, sich Cloud-Lösungen zu nähern. Damit können noch höhere Umstiegshürden errichtet werden und weitere Alternativen für eine ergiebige Lizenzierung geschaffen werden (siehe unten). Problematisch erwies sich in diesem Zusammenhang allerdings der Wunsch der ERP-Anwender nach umfassender Individualisierung ihrer Applikation, teilweise aus sachlichen Gründen, teilweise um bisherige Prozesse nicht umstellen zu müssen. Da Änderungen am ERP-System nahezu immer sowohl die Oberfläche, die Applikation selbst als auch das Datenmodell betreffen, ist ein Multi-Tenancy-Konzept mit den bisherigen ERP-Architekturen kaum durchzuhalten. Daher ermöglichen einige ERP-Anbieter es dem Kunden lediglich, ein sog. Single-Tenant-Modell als „Cloud-Lösung“ zu nutzen, das aber eher einem Software as a service-Modell (Bild 1) entspricht und kaum Kostenvorteile gegenüber einem Betrieb im eigenen Rechenzentrum verspricht. Auf diesen Aspekt geht dieser Beitrag im Themenfeld „Markt“ noch einmal ein.

Aus Anwendersicht steht die Optimierung vorhandener Systeme ganz oben auf der Tagesordnung. Immer neue Anforderungen aus den Businessprozessen und viele zusätzliche Anwendungssysteme, die in durchgängige Prozesse integriert werden müssen, erfordern ein sehr hohes Engagement von den ERP-Anbietern. Leider wurde in der Vergangenheit bei vielen Anbietern der Schwerpunkt auf das Neugeschäft gelegt und Bestandskunden eher vernachlässigt. Einige ERP-Anbieter wie z.B. proAlpha haben spezielle Geschäftskundeneinheiten für ihre großen und anspruchsvollen Kunden geschaffen, um diesen Kunden mit ihren komplexen Anforderungen besser gerecht zu werden. Immer auffälliger hingegen wird der Mangel an guten ERP-Beraterinnen und -Beratern, der solche Optimierungsprojekte unnötig verzögert.

Bild 1: Zuordnung von Services zu Cloud-Kategorien [1].

Schließlich scheint die Kreativität der Anbieter bei den Lizenzmodellen kein Ende zu nehmen. Anbieter haben sich an auskömmlichen Margen von 30 bis 40% des Umsatzes gewöhnt und der Markt ist weitgehend gesättigt. Um die komfortable Einnahmesituation zu erhalten – und idealerweise auch noch auszubauen – werden immer neue Lizensierungsanlässe erfunden. Nachdem die Prozessoren der eingesetzten Server bereits für die Datenbank herhalten müssen, sind das Belegvolumen und die Anzahl der angeschlossenen Internet-of-things-Geräte im wahrsten Sinne des Wortes wertvolle Ergänzungen der Lizenzierung. Liegt die ERP-Installation in der Cloud, kommen gern noch Aufschläge für Verfügbarkeit und Speicherplatz hinzu. Leider gibt es nur selten Anlass, der Gier der Anbieter zu entkommen. Erst wenn der Schmerz unerträglich wird, wird ein Ablöseprojekt ins Auge gefasst. Ob der neue Anbieter allerdings dauerhaft günstiger bleiben wird, kann nicht mit Sicherheit angenommen werden. Für einige Jahre können allerdings günstige Lizenzkonditionen gesichert werden.

Technologien

Im Bereich der Technologien werden wir in 2021 erste greifbare Anwendungen von Methoden der Künstlichen Intelligenz integriert in ERP-Systeme sehen. Methoden des Maschinellen Lernens (ML) sind heute für viele Anwendungsbereiche leicht verfügbar und dies machen sich erste Anbieter von ERP-Systemen wie z.B. asseco zunutze. ML-Werkzeuge können ihr Verhalten flexibel an Umgebungsänderungen und Eingabedaten anpassen. Diese Eigenschaft macht die Anwendung des Maschinellen Lernens für viele praktische Aufgaben äußerst wertvoll [2]. Dies betrifft sowohl den Bereich Vertrieb, wo Kundeninformationen durch ein intelligentes Scannen des Internets und eine anschließende Verarbeitung mittels Natural Language Processing angereichert werden wie auch die Materialdisposition, bei der das Einstellen bestimmter Parameter zukünftig durch eine entsprechende KI-Lösung übernommen wird.

Etwas im Schatten der KI, aber nicht weniger spannend ist der Bereich der Augmented Reality. Hier werden Informationen, z.B. aus dem ERP-System, bei der Ausführung eines Prozessschrittes angezeigt (Bild 2). Aus ERP-Sicht äußerst relevant ist dabei, dass diese enge Kopplung mit dem ERP-System nur funktionieren wird, wenn zwei wichtige Voraussetzungen erfüllt sind: zum einen muss das ERP-System mit Instanzen von Artikeln umgehen können (das kann prinzipiell jedes System mit einer ausreichenden Chargen- oder Seriennummernverfolgung), zum anderen muss aber das Konzept des Digitalen Zwillings im ERP-System gelöst worden sein. Das Konzept des Digitalen Zwillings wurde von Grieves und Vickers entwickelt [3] und basiert auf der Abbildung der physischen Produkte im realen Raum, der digitalen Produkte im virtuellen Raum und der Verbindungen der virtuellen und realen Produkte durch Daten und Weitergabe von Informationen [4]. In diesem Themenfeld werden wir 2021 erste Pioniere sehen, die Entwicklung wird noch erheblich weitergehen. 

ERP-Projektgeschehen

Angefacht durch die sehr gute Konjunkturentwicklung in den meisten Branchen bis 2019 wurden viele ERP-Ablöseprojekte gestartet, einige durchaus zunächst als Scouting-Projekte ohne unmittelbar folgende Umsetzung der Ergebnisse. Nach der Erfahrung des Autors können nahezu 90% eines ERP-Auswahlprojektes remote und ohne physischen Besuch des Beraters beim Kunden durchgeführt werden. Nur der Aufbau von Vertrauen zum Anbieter gelingt über digitale Kommunikationsmedien nur sehr unvollkommen. Hier haben sich Fachmedien als äußerst wertvoll für den Vertrauensaufbau erwiesen.

Bild 2: Einblendung von Informationen des Digitalen Zwillings (Quelle: Zentrum Industrie 4.0 Potsdam).

Erstmalig und natürlich bedingt durch die Pandemie wurden einige ERP-Einführungsprojekte ebenfalls ausschließlich digital durchgeführt, etwa von PSIpenta. Hier war allerdings zuvor physisch der Kontakt zwischen Anbieter und Kunde hergestellt worden und damit das notwendige Vertrauen aufgebaut. Inzwischen hat sich auch eine sehr weitgehende Müdigkeit des Umgangs mit digitalen Konferenzwerkzeugen, speziell mit Microsoft Teams eingestellt: Unglaublicher Datenhunger, selbst bei Gast-
Accounts, immer noch sehr mangelhafte Einstellbarkeit von Bildschirmfenstern und der Klassiker „Können Sie meine Präsentation sehen?“, worauf die Antwort zumeist „Nein“ lautet, manchmal aber auch die unveränderte Anzeige der ersten Seite, obwohl der Präsentierende schon weitergeblättert hat. Microsoft verschenkt Teams im Rahmen der O365-Lizenzen und das entspricht wohl auch sehr stark dem Wert dieses Produktes.

Der Markt für ERP-Systeme

Zwei bedeutende Softwareanbieter stellen ihr Angebot derzeit um, mit erheblichen Veränderungserfordernissen für ihre jeweiligen Kunden. SAP will die Kundenbasis auf S/4HANA umstellen. Aufgrund der komplexen Installationen des Vorgängerproduktes SAP R/3 liegen die Kosten für die Umstellung im Bereich einer kompletten Neueinführung. Gerade kleinere und mittlere R/3-Kunden werden sich überlegen, ob sie diesen Weg mitgehen oder eine anbieterneutrale Auswahl starten. Ich rechne fest damit, dass SAP auf diesem Weg den unteren Mittelstand verlieren wird, weil das Alternativprodukt Business One für die bisherigen kleineren R/3-Kunden keine Alternative darstellen wird. 

Microsoft will Kunden der bisherigen Lösung NAV zu ihrem neuen Produkt BC und damit in die Cloud zwingen, dort allerdings ohne Möglichkeit, kundenindividuell das System verändern zu können. Dies bringt noch vor den Kunden die Systemhäuser in große Bedrängnis, denn sie müssen ihre Lösung nun in kurzer Zeit fit für die Cloud machen. Bereits jetzt sind Absetzbewegungen von Systemhäusern zu erkennen. In 2021 wird sich dieser Trend verstärken. Neue Anbieter aus dem Ausland, die in 2021 auf dem deutschen Markt erfolgreich sein werden, sind derzeit nicht zu erkennen.

Kein Trend in 2021: Neue ERP-Architekturen

ERP-Systeme bilden das Rückgrat der Informationsverarbeitung in Unternehmen und anderen Organisationen. Daher müssen die Veränderungen durch die stattfindende digitale Transformation von den ERP-Systemen begleitet und nachvollzogen werden können [1]. Das ERP-System muss in Zukunft in der Lage sein, alle Instanzen aller Geschäftsobjekte zu allen Ebenen der Herstellung und allen Zeitpunkten individualisiert abbilden zu können. Prozesse müssen zukünftig wesentlich intensiver mit dem ERP-System gekoppelt werden, um für die Nachverfolgbarkeit entsprechende Informationen zu gewinnen. Daher müssen die ERP-Systeme Prozessmodelle aufweisen, die zur Laufzeit von den Nutzern individuell angepasst werden können bzw. die auf die von den Nutzern durchgeführten tatsächlichen Prozessschritte angemessen reagieren und diese angemessen aufzeichnen können.

Die Verlagerung von Entscheidungs- und Koordinationsfunktionen aus einem hierarchisch hochgestellten System in die Koordination und Kommunikation zwischen einzelnen Objekten des digitalen Unternehmens bedeutet, dass die analytischen Fähigkeiten der ERP-Systeme stärker ausgebaut werden müssen, um Monitoring-Funktionen, Prognose-, Simulations- und Optimierungsfunktionen zu beinhalten. 

Bisher von Spezialisten durchgeführte Aufgaben wandern zu den Benutzern und Key-Usern. Aufgaben, die bisher Mitarbeiter durchgeführt haben, wandern zu den Führungskräften, neue Fähigkeiten müssen in das Unternehmen hineingeholt werden, um den Bedarf an neuen spezialisierten Aufgaben, wie beispielsweise Analytic, Pflege der Sicherheitsexperten, Pflege der Cloud-Infrastrukturen etc. zu ermöglichen.

Für all dies sind die vorhandenen ERP-Architekturen nur bedingt geeignet. Meine Forschungsgruppe hat daher eine Initiative gestartet, gemeinsam mit Anbietern am ERP-System der Zukunft zu arbeiten. Wenn Sie interessiert sind, melden Sie sich bitte beim Autor!




[1] Gronau, N.: ERP-Systeme. Architektur, Manage ment und Funktionen des Enterprise Resource Planning. 4. Auflage de Gruyter 2021, ISBN
978-3-11-066283-2
[2] Grum, M. u.a.: Tools des Maschinellen Lernens: Marktstudie, Anwendungsbereiche und Lösungen der Künstlichen Intelligenz. Berlin 2020, ISBN
978-3-95545-380-0
[3] Grieves M.: Digital Twin - Manufacturing Excellence through Virtual Factory Replication. Whitepaper (2014).https://theengineer.markallengroup.com/production/content/uploads/2014/12/Digital_Twin_White_Paper_Dr_Grieves.pdf (Abruf: Februar 2021)
[4] Herlyn, W. J.: ERP und Industrie 4.0, ERP Management 4/2019, S. 26-29




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