ERP-Digitalisierung

Ausgezeichnete ERP-Systeme: Die ERP-Systeme des Jahres 2015

4. Dezember 2015 von Norbert Gronau

Ausgezeichnete ERP-Systeme: Die ERP-Systeme des Jahres 2015

Den Wettbewerb zum ERP-System des Jahres gibt es seit zehn Jahren. Dieser Beitrag blickt zurück auf die Anfänge, erläutert das Verfahren, in dem die Preisträger gekürt werden und nennt die ausgezeichneten Systeme des Jahres 2015 sowie die Gründe, die die Jury dafür angab.

Im Sommer 2006 steckten Mitarbeiter des Centers for Enterprise Research an der Universität Potsdam ihre Köpfe zusammen. Gerade hatten sie sich wieder einmal über die Prognosen einiger Analysten geärgert, die einen Siegeszug der sogenannten Marktführer prognostizierten. Diese meist amerikanisch geprägte Weltsicht ließ dabei völlig außer Acht, dass es im deutschsprachigen Raum eine Vielzahl von branchenspezifischen ERP-Lösungen gibt, die hervorragend an die Bedürfnisse ihrer Kunden angepasst sind. Auch können in der Wahrnehmung der Initiatoren des Wettbewerbs Innovationen nicht nur von den großen vermeintlich marktbeherrschenden Anbietern kommen, sondern auch von kleinen und daher mit weniger Marketing-Etat ausgerüsteten Anbietern, die gleichwohl äußerst innovativ sind. So reifte der Gedanke, einmal nicht die umfassendste Funktionalität zu bewerten, sondern die vielen nicht funktionalen Eigenschaften, die in ihrer Summe ebenso über den Erfolg einer ERP-Implementierung entscheiden.


Bild 1: Ablauf des Wettbewerbs.

Es war jedoch gleich klar, dass dieser Wettbewerb speziellen Regeln unterworfen werden musste, denn die Empfindlichkeiten im ERP-Markt sind sehr groß. So musste unter allen Umständen vermieden werden, dass der Nichtgewinn von Systemen oder Anbieter in einer Kategorie von den Wettbewerbern weidlich ausgeschlachtet wird. Aus diesem Grund ist bis heute streng vertraulich, welche Anbieter in der Vorrunde des Wettbewerbs ausscheiden. Dieses Schicksal ereilte übrigens Newcomer genauso wie Branchengrößen, wird aber nicht publiziert. Auch werden die Bewertungen der Gutachter streng vertraulich behandelt, damit diese nicht versehentlich doch den Weg in die Öffentlichkeit finden. Dennoch beruht der Wettbewerb auf einem neutralen und fairen Verfahren, das im folgenden Abschnitt erläutert wird. Über 100 Anbieter haben sich bereits am Wettbewerb beteiligt, der inzwischen zum Benchmark für die Branche geworden ist.


Das Verfahren zur Kür der Preisträger

Anfänglich wurde durch einen öffentlichen Aufruf zur Teilnahme [1] um die Einsendung von schriftlichen Bewerbungsunterlagen im Umfang von etwa 20 Seiten gebeten. Dieses Verfahren wurde in den letzten Jahren von der Jury (Bild 2) geändert. Nunmehr kann sich nur für den Wettbewerb anmelden, wer von der Jury ausdrücklich dafür nominiert wurde. Damit will die Jury gerade innovative Anbieter ermuntern, sich in einer der ausgeschriebenen Kategorien zu bewerben. Erstaunlich ist allerdings, dass nicht alle nominierten Anbieter auch wirklich teilnehmen – teilweise mit abenteuerlichen Begründungen wie „wir sind gerade umgezogen“.

Ebenfalls neu ist, dass die Jury die Kategorien, in denen Bewerbungen erfolgen können, jedes Jahr neu festlegt. Das hat den Hintergrund, den Wettbewerb nicht langweilig werden zu lassen (der Anbieter Sage Bäurer gewann z. B. 4x hintereinander den Preis in der Kategorie Handel) und um aktuelle Entwicklungen wie z. B. die zunehmende Durchdringung mit ERP-Systemen in bisher IT-fernen Branchen.


Tabelle 1: Bewertungskriterien.

Die Kategorien (Tabelle 2) differenzieren nach verschiedenen Branchen. Ein System im Handel kann nicht mit einem System zur Abbildung der projektorientierten Einmalfertigung verglichen werden kann. Die Funktion, aber auch der Kundennutzen in den jeweiligen Branchen, sind höchst unterschiedlich. Eine automatische Plausibilitätsprüfung von Eingangsrechnungen ist z. B. im Handel ein Wettbewerbsvorteil, in der Einmalfertigung würde sie das System jedoch nur unnötig aufblähen. 

Ebenso wurde mit sehr großem Erfolg die Kategorie „ERP-Systemhaus des Jahres“ geschaffen; speziell für SAP- und Microsoft-Systemhäuser. Die Bewertungskategorien wurden für Systemhäuser leicht angepasst, da sie auf einige Aspekte weniger Einfluss haben als die Anbieter selbst. 

Die nominierten Anbieter sollen anhand von sieben vorgegebenen Kriterien und bezogen auf eine von ihnen selbst ausgewählte Kategorie erläutern, welche Eigenschaften und Vorteile ihr System, auch im Praxiseinsatz bei Kunden, aufweist.

Die Bewertungskriterien (Tabelle 1) werden durch die Jury festgelegt und vor Beginn des Wettbewerbs gewichtet. 

Folgende Kriterien wurden 2015 an das Teilnehmerfeld der ERP-Anbieter gestellt, unabhängig ob Anbieter oder Systemhaus:

Einführungsmethodik

Welches Vorgehen wird bei der Einführung eines ERP- Systems verfolgt? An dieser Stelle ist die Vorgehensweise der Einführung des ERP-Systems bei einem Kunden zu beschreiben und zu begründen.


Tabelle 2: Kategorien.


Kundenkommunikation / Vertriebsmarketing

Hier ist eine kurze Darstellung von Initiativen zur Förderung des Bekanntheitsgrades, der Darstellung und Vermittlung von Customer Awareness und eigener Kompetenz gefragt.


Forschung und Entwicklung

In dieser Kategorie sollen die Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung vorgestellt sowie eventuelle Kooperationen zu Forschungseinrichtungen erläutert werden. Dies kann anhand geeigneter Projekte oder weiterer Vorhaben geschehen.


Konkreter Kundennutzen

In dieser Kategorie soll eine Stellungnahme eines Kunden zum konkreten Nutzen aufgrund der Einführung des Systems beispielsweise auf der Basis von Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen erläutert werden.

Nur für ERP-Anbieter wurden zudem folgende ergänzende Kriterien aufgestellt: Brancheneignung durch spezifische Funktionen.

Bei diesem Kriterium soll die besondere Eignung des Systems für die gewählte Kategorie dargestellt werden. Dabei sollen die speziellen Anforderungen sowie die Umsetzung durch die ERP-Lösung beschrieben werden.


Ergonomie

Die Ergonomie beschreibt die benutzergerechte Gestaltung eines Systems. Für eine Einschätzung der Ergonomie soll beschrieben werden, wie sich die Einhaltung ergonomischer Prinzipien im System widerspiegelt. Zwei aussagekräftige Screenshots mit Erläuterungen sollten ergänzend eingereicht werden.


Technologie und Integrationsumfang

Dieses Kriterium erfordert eine Beschreibung der Systemarchitektur, der Wandlungsfähigkeit und Flexibilität des ERP-Systems. Ebenfalls sollten Aussagen zur Releasefähigkeit von Individualanpassungen getroffen werden. Eine Darstellung der Integrationsfähigkeit des Systems in bestehende auch unternehmensübergreifende Systemlandschaften ist außerdem in dieser Kategorie erwünscht. Ferner wird eine Beschreibung der Anbindung von Lieferanten und Kunden über das Internet sowie die Interoperabilität mit anderen Anwendungssystemen gefordert.

Für die Systemhauswettbewerbe wurden folgende ergänzende Kriterien aufgestellt:


Systemspezifische Zusatzfunktionen

Bei diesem Kriterium soll beschrieben werden, wie das Standardsystem um ergänzende Funktionen erweitert wurde. Diese können branchen- oder nicht-branchenspezifisch sein; es geht darum, ob das Systemhaus zusätzlich zum Anbieter eigene (Standard-) Entwicklungsleistungen erbringt und verantwortet. Diese Leistungen stellen auch einen Maßstab für die Abgrenzung zwischen verschiedenen Systemhäusern eines ERP-Anbieters dar.


Bandbreite der Dienstleistungen

In dieser Kategorie sollen die ergänzenden Leistungen des Systemhauses „rund um ERP“, beschrieben werden. Besonderer Fokus sollte dabei auf der Darstellung des Angebotes einer ganzheitlichen Betreuungsleistung gegenüber dem Kunden liegen.


Bandbreite der Beratungsleistung

Neben der Einführung eines Systems sind weitere Beratungsleistungen für den Kunden von Nutzen. In dieser Kategorie soll die verschiedenen Beratungsleistungen des Systemhauses aufgezeigt werden.

Die schriftlichen Bewerbungen werden von der Jury einer ausführlichen Begutachtung unterzogen. Dabei bewerten stets mindestens drei Juroren jede Einsendung unabhängig voneinander. Zusätzlich wird geprüft, dass die Einsendung in der richtigen Kategorie teilnimmt und mindestens 500 von den maximal 1 000 erreichbaren Punkten erhält. In jeder Kategorie kommen höchstens die drei besten Anbieter weiter [2].


Bild 2: Sieger des ERP-System des Jahres 2015.

Alle Anbieter werden ausführlich über ihr Abschneiden – auch im Vergleich zum Durchschnitt aller Teilnehmer – informiert. Diejenigen Anbieter und Systeme, die zur öffentlichen Anbieterpräsentation eingeladen werden, erhalten bereits die Auszeichnung „nominiert für das ERP-System des Jahres“. Bei der öffentlichen Anbieterpräsentation, die im Oktober 2015 unter großer öffentlicher Anteilnahme auf der Messe IT & Business in Stuttgart stattfand, stehen dann bis zu drei Bestplatzierte jeder Kategorie der gesamten Jury gegenüber. Die Anbieter wählen aus den sieben Kriterien diejenigen vier aus, die sie öffentlich präsentieren wollen. Für die drei übrigen Kriterien wird die Vornote aus der schriftlichen Bewerbung übernommen. Die Präsentation, ergänzt durch anschließende Rückfragen der Jury an den Anbieter, wird durch alle Jurymitglieder gleichzeitig bewertet. Bei 10 bis 12 Einzelvoten zu jedem Anbieter und Kriterium gewinnt dasjenige System in jeder Kategorie, das die Gesamtheit der Jury am besten überzeugt, den Titel „ERP-System des Jahres“.


Die Sieger 2015

In der Kategorie Maschinenbau war der Gewinner das System APplus des Anbieters ASSECO. Die Jury zeichnete dieses System aus wegen seiner überzeugenden Einführungsmethodik einschließlich der Nutzung eines eigenen Werkzeugs, der sehr guten Vorkonfiguration und der für einen Mittelständler ungewöhnlich regen Aktivität in der Forschung. ASSECO betreibt parallel sechs Kooperationen mit namhaften Hochschulen zu verschiedenen Themen der ERP-Weiterentwicklung. Weitere Aspekte waren das überarbeitete Look & Feel des Systems, neue Ideen zur Benutzerführung und die Modernität der Architektur.

In der Medizintechnik hieß der Gewinner dieses Jahr business Express vom Anbieter dontenwill. Die Juryentscheidung fiel sehr knapp aus; lediglich 20 Punkte trennten den Zweitplatzierten vom Sieg. Argumente der Jury für business Express waren die überzeugende Darstellung des Kundennutzens für KMU, der von dontenwill verwendete agile Entwicklungsprozess sowie die vielfältigen Funktionen für die Medizintechnik. Darüber hinaus lobte die Jury die klare Fokussierung auf den Mittelstand.

In der Kategorie Onlinehandel gab es dieses Jahr eine Premiere: Zum ersten Mal im Wettbewerb waren zwei Systeme exakt punktgleich. Daher sind die Gewinner sowohl DiVA von MAC als auch Alphaplan von CVS. Beide Systeme haben die Jury überzeugt, wobei MAC stark im Bereich der Logistikprozesse war und bei CVS auch Funktionen für den B2B Onlinehandel vorhanden sind.

Erstmalig wurde in der Kategorie SAP Systemhaus des Jahres ein Gewinner gekürt, das Unternehmen Innovabee. Die Jury zeigte sich beeindruckt von dem SAP Check up vor der Einführung, den Plänen zur Abbildung der Customer Journey im ERP-Marketing, der überzeugenden Mittelstandsorientierung und dem Branchenfokus auf die Prozessindustrie, verbunden mit ergänzender Beratung.

Gleichfalls zum ersten Mal wurde ein Microsoft Systemhaus des Jahres gekürt. Als Gewinner ging das Dynamics AX-Systemhaus Ordat aus dem Wettbewerb hervor. Ausgezeichnet empfand die Jury die vielfältige Mitarbeit in Branchengremien, die Vernetzung in der Zielbranche, die Branchenkompetenz durch zahlreiche Zusatzfunktionen und den breiten Marketingmix sowie die breite Beratungsleistung.

Der KMU-Sonderpreis ging in diesem Jahr an Actindo. Dieser Anbieter wurde ausgezeichnet wegen der schnellen Einführung, der Kombination von ERP-System und Shop sowie der Verfügbarkeit als Cloudlösung und der vielen KMU-Referenzen.

Der Innovationspreis, mit dem die technische Exzellenz der ERP-Branche gewürdigt wird, ging 2015 an die Gebauer GmbH, die mit ihrem eigenen Entwicklungssystem eine Technologieplattform aufbaute, die einen neuen Ansatz ermöglichte: Der Kunde kann seine Module im Rahmen eines Rapid Application Development selbst bauen. Sehr überzeugend die hervorragende Performance des Systems sowie die multiple Unterstützung beim Oberflächendesign.


Ausblick

Was bedeutet nun ein derartiger Preis für einen Anwender, der ein neues ERP-System sucht? Der Preis steht für Orientierung im Markt. Der Anbieter, der nominiert wurde, hat den Mut bewiesen, sich einer vergleichenden Konkurrenzanalyse zu stellen und er war dabei erfolgreich. Allerdings nehmen nicht alle Anbieter am Wettbewerb teil. Die ERP-Auswahl muss daher um weitere Aspekte ergänzt werden [3].    

 

 

Bandbreite der DienstleistungenEntwicklungErgonomieERP-System des Jahres 2015ForschungIntegrationsumfangKundenkommunikationKundennutzenTechnologieVertriebsmarketing


[1] www.system-des-jahres.de.
[2] Gronau, N.: Der Wettbewerb zum ERP-System des Jahres. ERP Management, 7. Jg. 2011, Seite 17 - 21.
[3] Gronau, N.: Handbuch der ERP-Auswahl. Berlin 2012.




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