ERP-Technologie

Prägende Merkmale von ERP-Lösungen der Zukunft

11. März 2016 von Volker Schnittler

Prägende Merkmale von ERP-Lösungen der Zukunft

Aufgrund der demographischen Entwicklung in den Industrienationen verändert sich die Benutzerstruktur bei ERP-Anwendern. Einerseits drängen die „digital natives“ in das Berufsleben, die völlig selbstverständlich mit der Benutzung von IT-Systemen aufgewachsen sind. Andererseits verbleiben Mitarbeiter, aufgrund von Finanzierungsengpässen bei der Altersversorgung und mangels ausreichend qualifizierten Nachwuchses, länger in den Unternehmen, als dies noch vor Jahren zu beobachten war. Darüber hinaus ist der Weltmarkt längst vom Trend zur alltäglichen Wirklichkeit geworden. 

 

Gegenüber all diesen Entwicklungen sind herkömmliche ERP-Lösungen nicht ausreichend gewappnet und es zeichnet sich ein Paradigmenwechsel bei der technischen Ausprägung von Unternehmenssoftwarelösungen ab.
 

Entwicklungsschritte von ERP

Seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, finden IT-unterstützte Unternehmenssoftwarelösungen breite Anwendung in Industrie-unternehmen. Zunächst sind diese Lösungen auf proprietären Hostsystemen mit zentraler Datenhaltung und Verarbeitung lokal verfügbar. Die Frontends sind zeichenbasierte ASCII Bildschirme, mit denen Daten in Dateisysteme oder später auch Datenbanken eingegeben werden, um sie dann zu verarbeiten und weiter zu nutzen. Die einzelnen Aufgabenbereiche sind zunächst nicht vernetzt, so dass Finanzbuchhaltungssysteme, Warenwirtschaftssysteme und Produktionsplanungssysteme isoliert voneinander zur Anwendung kommen und der Transfer der Information zwischen ihnen durch manuelle Eingaben der Anwender organisiert ist.

Ein Paradigmenwechsel ergibt sich durch den Erfolg der multitaskingfähigen Windows Technologie und der kurze Zeit später erfolgreichen Client-Server Architektur, zusammen mit dem Siegeszug relationaler Datenbanksysteme. Nun wird es möglich, die Datenhaltung in der relationalen Datenbank auf dem Server und Datenverarbeitung auf dem Client voneinander zu trennen. Die Clients ermöglichen durch ihre Multitaskingfähigkeit die parallele Bearbeitung mehrerer Vorgänge auf dem gleichen Frontend. Die ehedem voneinander unabhängigen Softwarelösungen für Finanzbuchhaltung, Warenwirtschaft und Produktion werden auf nun viel leistungsfähigeren Datenbanken zusammengeführt und logisch miteinander vernetzt. Auf dieser Grundlage entstehen funktional immer mächtigere hoch integrierte betriebswirtschaftliche Lösungen, die ihr Portfolio mit einer großen Anzahl weiterer Module wie CRM, SCM, APS, DMS, u. a. ergänzen und abrunden.

 


Bild 1: Entwicklungsschritte von ERP.
 

 

Treiber für Veränderungen

Die immer höhere Komplexität von ERP-Lösungen ist jedoch bereits der Treiber für notwendige Veränderungen in zukünftigen Unternehmenssoftwarelösungen. Die innere logische Vernetzung der unterschiedlichen ERP-Module bedingt immer starrere Regeln zur fehlerfreien Nutzung dieser Lösungen. So sind ein immer höheres Fachwissen und ein immer besseres Verständnis der gesamten Zusammenhänge zum optimalen Betrieb erforderlich. Gleichzeitig muss der Nutzer jedoch mit tabellenartigen, funktional überladenen Bedienmasken umgehen, die umständlich zu bedienen sind, umfangreiche Kenntnisse vom Nutzer verlangen und nicht nur wegen der kleinen Schriften sehr schwierig zu lesen und zu interpretieren sind.

Hier stoßen die aktuellen ERP-Lösungen nicht nur auf Akzeptanzprobleme bei den älteren Benutzern, die schon auf Grund nachlassender Sehstärke ihre liebe Not mit den eingesetzten Lösungen haben. Auch die jungen Mitarbeiter, die „digital natives“ haben eine völlig andere Vorstellung von der Kommunikation und Interaktion mit IT-Systemen als der, die sie bei heute marktgängigen ERP-Lösungen vorfinden.

Zudem entstehen in einer globalisierten und sich ständig und schnell verändernden Welt neue Anforderungen an die globale Vernetzung und Einsetzbarkeit von Unternehmenssoftwarelösungen. Hier ist einerseits die rasche und problemlose Einbindung weltweiter Organisationsstrukturen ebenso auf der Agenda, wie der Bedarf an agilen, handlichen und spezialisierten Lösungen, die weniger einer einheitlichen Logik als vielmehr der kostengünstigen Lösung spezifischer Problemstellungen genügen müssen, ohne dabei ihre Kommunikationsfähigkeit mit den anderen Teilnehmern des Wertschöpfungsnetzwerks einzubüßen.

In Folge der Erkenntnis, dass nicht unbedingt der große dem kleinen überlegen ist, sondern der anpassungsfähige dem trägen, wächst der Bedarf zum Einsatz von „best of breed“ Lösungen, die in ihrer Leistungsfähigkeit stärker ausgeprägt sind als die universellen Lösungsansätze der monolithischen Systeme. Nachdem sich Unternehmen immer weniger durch ihre Produkte im Markt differenzieren können, müssen sie versuchen sich über ihre Wertschöpfungsmethodik von Mitbewerb abzusetzen. Je besser sie ihre Stärken in Unternehmenssoftwarelösungen abbilden können, desto erfolgreicher sind sie. Würden umgekehrt alle die gleiche Lösung mit den gleichen Geschäftsprozessen einsetzen, wären auch alle gleich gut – oder gleich schlecht!
 

Ergonomische Anforderungen an moderne ERP Lösungen

Seit vielen Jahren sind die ergonomischen Anforderungen an Bedienoberflächen erforscht und bekannt. Gefangen im Denkansatz, möglichst alle betriebswirtschaftlichen Probleme in einer einzigen Applikation zu lösen und limitiert durch die Grenzen der Client-Server Technologie, haben die meisten ERP Anbieter das Gegenteil von dem geschaffen, was man als bedienerfreundliche Benutzeroberfläche bezeichnen könnte. 

Bereits bei grundlegenden Anforderungen an der Schnittstelle zwischen System und Benutzer lassen sich vielfach mehr oder weniger große Defizite ausmachen. Die Bedienoberflächen sind in den wenigsten Fällen selbsterklärend, so dass bezüglich der Erwartung des Anwenders auf den Effekt seiner Bedienaktion und der tatsächlichen Auswirkung derselben häufig erhebliche Diskrepanzen bestehen. In glücklichen Fällen findet sich eine Online-Hilfe, aber die Systeme sind weit davon entfernt, den Benutzer tatsächlich zu führen, ihm Vorschläge für nachfolgende Bedienoptionen zu machen, so wie dies zum Beispiel bei modernen Bank- oder Fahrkartenautomaten der Fall ist. 

Eine intuitive Bedienbarkeit von ERP-Systemen im Sinne einer echten Führung des Benutzers die ihm hilft die ablaufenden Prozessschritte zu interpretieren und die Auswirkungen der unterschiedlichen Handlungsoptionen vorauszusehen, zum Beispiel auf Grundlage einer geeigneten Prozessvisualisierung, würden nicht nur die Benutzerakzeptanz deutlich erhöhen. Sie würde insgesamt zur Bediensicherheit beitragen, um schnell das richtige zu tun, die Komplexität beherrschbar machen und die Einarbeitungszeit für neue Benutzer deutlich verkürzen. Angesichts aktueller technischer Möglichkeiten wäre dies jedoch nur ein Anfang. Durch die Einbindung neuartiger Sensorik und Bildverarbeitungstechnik könnte eine Interaktion mit allen Sinnen (Gestik, Haptik, Akustik) geschaffen werden, die sich viel unmittelbarer auf die Erfahrungen der Benutzer aus ihrer natürlichen Umgebung beziehen und somit die Schnittstelle zwischen Mensch und IT-Lösung maßgeblich erweitert. Ein anschauliches Beispiel für die Richtung, welche dies nehmen könnte, zeigt sich in den Möglichkeiten moderner, interaktiver Computerspiele.
 


Bild 2: Typische ASCII-ERP-Oberfläche.
 


   

Technische Anforderungen an moderne ERP Lösungen    

Die Anforderungen an eine technische Weiterentwicklung von ERP-Lösungen ergeben sich im Wesentlichen aus zwei Aspekten. Einerseits spielt die einfache und schnelle internationale Verfügbarkeit von ERP-Lösungen eine immer wichtigere Rolle. Schnell in neuen Märkten Fuß zu fassen und die Leistungsfähigkeit des Unternehmens dort zu etablieren, ist in volatilen Märkten ein Erfolgskriterium. Langatmige „Roll-Out“ Projekte lokaler, zentralisierter Lösungen sind keine Antwort auf die in diesem Zusammenhang bestehenden Herausforderungen. Zudem ist es häufig so, dass am internationalen Standort nur ein Bruchteil der Funktionalität benötigt wird, die das zentrale System bereit stellt. Aus diesem Grunde werden dann die Lösungen mühsam auf „Templates“ zurückgeschnitten, die dann an diesen Standorten unisono eingeführt werden. Dies natürlich, ohne auf die spezifischen lokalen Besonderheiten der einzelnen Außenstelle einzugehen. Dabei ist es naheliegend, dass ein brasilianischer Kollege auf Grund seiner Kultur und Sozialisation ein völlig anderes Arbeitsverhalten zeigt als die Kollegin in China. Wäre es da nicht attraktiver, lokalisierte, auf die jeweilige Anforderung spezifizierte „Applets“ zu integrieren und so ein optimiertes Leistungsangebot zur Verfügung zu stellen?

Andererseits ist der bereits erwähnte demographische Wandel so wie eine Ressourcen schonende Wirtschaftsweise maßgeblich für veränderte technische Anforderungen an ERP. Nicht erst seit kurzem wird in Wirtschaft und Politik die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass uns die Fachleute knapp werden, brauchen wir die intelligenten und gut ausgebildeten Frauen im Berufsleben. In dem Maße, wie diese ihre Tätigkeit auch von zu Hause aus und zu flexiblen Zeiten, parallel zum Engagement in ihrer Familie, ausüben können, sind sie als wichtige Ressource für die Unternehmen auch verfügbar. Weiterhin ist sicherlich auch in Frage zu stellen, wie sinnvoll es ist, dass ein kaufmännischer Sachbearbeiter täglich eine Tonne Stahl in Form seines Kraftfahrzeuges über viele Kilometer hin und her bewegt, um im Unternehmen eine Tätigkeit zu vollbringen, die er auch von daheim aus bewältigen könnte, hätte er nur komfortablen Zugriff auf sein ERP-System. Bei einem angenommenen Kraftstoffverbrauch von 5 Litern täglich wären so pro Mitarbeiter 1000 Liter pro Jahr einzusparen, und natürlich auch die damit verbundenen Emissionen.

 


Bild 3: Typische Windows-ERP-Oberfläche.

 

Welche prägenden Merkmale braucht eine ERP-Lösung in der Zukunft?

Um die Akzeptanz bei den Benutzern zu erhöhen, sind in Zukunft Systeme erforderlich, die über eine moderne, ergonomische Benutzeroberfläche verfügen die eine schnelle, sichere, unmittelbare und interaktive Kommunikation zulassen. Dabei werden Lösungen ihre Vorteile ausspielen, die sich hoch spezifiziert an die individuellen Anforderungen und Prozesse von Unternehmen anpassen lassen. Weiterhin ist zur Unterstützung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit die weltweite Verfügbarkeit lokalisierter Lösungen erforderlich, die sich genau auf den benötigten Leistungsumfang anpassen lassen. Schließlich ist die Mobilität und ständige externe Verfügbarkeit von Unternehmenssoftware ein wichtiger Faktor, um im Wettbewerb um die besten Personalressourcen nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Angesichts der aktuellen, modernen Lösungsansätze, die in anderen Bereichen der IT bereits in den Markt drängen, fehlt es nicht an tragfähigen Lösungsansätzen. Entscheidend ist vielmehr der Transfer der Erfahrungen und technischen Lösungen in eine neue Generation von ERP.        

 

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