Die Europäische Union (EU) und die britische Regierung die haben dieses Jahr verschiedene Strategien und Investitionen angekündigt, die darauf ausgerichtet sind, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und die Region als attraktiven Innovationsstandort zu positionieren.
Die EU startete im Mai ihre Strategie für Start-ups und Scale-ups, um Europa zum weltweit besten Standort für die Gründung und das Wachstum technologieorientierter Unternehmen zu machen. Großbritannien möchte derweil zur globalen KI-Supermacht werden – ein Vorhaben, das zuletzt durch den sogenannten Tech Prosperity Deal mit verschiedenen US-Technologiekonzernen gestärkt wurde und Investitionen in Milliardenhöhe für das Land mit sich bringen könnte.
Auch wenn Zusicherungen wie diese zu begrüßen sind, lässt sich nicht leugnen, dass Europa bei Investitionen in Innovation weiterhin den USA und China hinterherhinkt. Laut einer Studie von McKinsey kann Europa nur bei vier von 14 Technologien, die für die Zukunft der Weltwirtschaft als unerlässlich erachtet werden, effektiv mit den USA und China mithalten. Derselben Studie zufolge liegt der aktuelle Marktanteil Europas an der KI-Wertschöpfungskette unter 5 Prozent. Und 2023 waren die FuE-Ausgaben der sieben führenden US-Technologieunternehmen („Magnificent Seven“) so hoch wie die Hälfte der Gesamtausgaben für FuE, die in ganz Europa im öffentlichen und privaten Sektor für Technologie und andere Bereiche ausgegeben wurden.
Diese Diskrepanz wird sich vermutlich nur schwer aufholen lassen, aber es gibt dennoch große Chancen für europäische Unternehmen jeder Größe, auf globaler Bühne zu dominieren. Unternehmen wie Spotify, Klarna und Revolut zeigen, dass wir erfolgreich sein können. Und Technologien wie generative KI haben das Potenzial, die Produktivität bis 2030 zu steigern und der Wirtschaft in der Region einen Zuwachs von 575 Milliarden US-Dollar zu bescheren. Wäre Europa in der Lage, das Wachstum von Start-ups besser zu unterstützen, könnte sich die jährliche Wertschöpfung für die europäische Wirtschaft auf 500 Milliarden Euro bis 1 Billion Euro belaufen.
Kein Wunder also, dass McKinsey dies als historische Chance für Europa sieht. Wenn europäische Unternehmen in Zukunft global wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen sie sich der transformativen Auswirkungen dieser Technologie-Iteration auf die Arbeit bewusst sein. Meiner Meinung nach sind Unternehmen wie Amazon und Netflix so erfolgreich, weil sie die Schnittstelle zwischen Mensch, Technologie und Prozess verstanden haben. Dadurch waren sie in der Lage, Geschäftschancen zu identifizieren und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die ihnen im Vergleich zu Mitbewerbern eine effektivere (und in einigen Fällen deutlich schnellere) Nutzung der Vorteile von disruptiven Technologien ermöglichten.
Wie werden sich Unternehmen im Post-KI-Zeitalter entwickeln?
Was Investitionen anbelangt, wird es schwierig sein, mit den USA und China mitzuhalten. Der Erfolg von Amazon und Netflix sollte europäischen Unternehmen jedoch Anlass zu Optimismus geben und ihnen signalisieren, dass sie weiterhin auf der Weltbühne konkurrieren können. Sofern sich europäische Unternehmen der Auswirkungen von KI auf ihre Geschäftsmodelle bewusst sind und ihre Organisations- und Betriebsstrukturen durch entsprechende Anpassungen flexibler gestalten, können sie sich einen Wettbewerbsvorsprung verschaffen. Ich bin davon überzeugt, dass kein CEO genau geplant hat, wie sein Geschäftsmodell im Zeitalter der KI aussehen wird. Wir alle wissen, dass KI dazu beiträgt, uns intelligenter und produktiver arbeiten zu lassen, indem sie alltägliche Aufgaben automatisiert und Echtzeit-Analysen und -Einblicke bereitstellt. Wir versuchen jedoch derzeit noch, die langfristigen Auswirkungen auf die Geschäftsprozesse, die Interaktion mit Kunden und die Organisationsstrukturen zu verstehen. Die DNA europäischer Unternehmen wird sich maßgeblich verändern, und in der aktuellen Phase, in der diese Vision der Zukunft Gestalt annimmt, hat Europa die einmalige Gelegenheit, herauszufinden, wie es sich einen Vorsprung verschaffen und sich im Wettbewerb differenzieren kann.
Aus genau diesem Grund sind Initiativen wie Boardwave so wichtig. Sie bringen führende Vertreter der europäischen Technologiebranche zusammen, um den Erfolg europäischer Softwareunternehmen auf der Weltbühne zu unterstützen. Unternehmen müssen mehr Kreativität und Risikobereitschaft an den Tag legen, wenn es darum geht, ihre Arbeitsweise zu transformieren. Nehmen wir beispielsweise die Dienstleistungsbranche, die in der europäischen Wirtschaft eine zentrale Rolle spielt. Allein im Bereich professionelle Dienstleistungen werden Fragen bezüglich der Zukunft führender Akteure laut, die bis dato unvorstellbar waren, und es wird diskutiert, ob agilere, spezialisierte Firmen eine ernsthafte Gefahr für diese Akteure darstellen könnten.
Generative KI transformiert professionelle Dienstleistungen
Thordur Arnason von Capgemini Invent ist Verfasser einer Reihe von Beiträgen über die Zukunft professioneller Dienstleistungen. Er erwähnt darin unter anderem, dass das Pyramidenmodell derzeit durch eine diamantförmige Struktur abgelöst wird. Der untere Bereich der Pyramide besteht traditionell aus Nachwuchskräften, die Aufgaben wie strukturierte Analysen, Berichtsentwürfe und Materialzusammenfassungen erledigen – alles Tätigkeiten, die sich mithilfe von KI automatisieren lassen. In der neuen diamantförmigen Struktur werden mehr hochqualifizierte Führungskräfte der mittleren Ebene durch KI-Tools unterstützt. Doch Thordur zufolge erfordert dieser Ansatz ein grundlegendes Umdenken der Arbeitsweise von Unternehmen.
Dies könnte auch eine Abkehr von den aktuellen Abrechnungsmodellen beinhalten. So führt ein Unternehmen namens Globant derzeit ein abonnementbasiertes Produkt ein, bei dem Kunden durch den Kauf von Token Zugang zu einer virtuellen Belegschaft aus KI-Agenten erhalten, die von menschlichen Beratern beaufsichtigt werden. Beratungsdienstleistungen könnten auch stärker „produktisiert“ werden, indem mithilfe von KI repetitive Aufgaben identifiziert werden, die sich mit handelsüblichen digitalen Produkten bewältigen lassen.
Thordur spricht auch von Fachleuten mit Y-förmigen statt T-förmigen Kompetenzen, die über eine solide Grundlage an Fachwissen verfügen und durch KI so unterstützt werden, dass sie in Echtzeit mehr Wert schöpfen. Er bezeichnet diese künftigen Fachleute als „Dirigenten der Intelligenz“. Ihre Superkräfte sorgen dafür, dass Berater KI-Tools auf eine Weise einsetzen, die Mitbewerbern nicht möglich ist. Dabei verfügen sie gleichzeitig über die nötigen Abfrage- und Kommunikationsfähigkeiten, um die Ergebnisse von KI-Tools in Frage zu stellen.
Die Prioritäten europäischer Unternehmen
Eine Frage, die aus Thordurs Kommentar hervorsticht und die sich alle europäischen Branchen und politischen Entscheidungsträger stellen sollten, ist: „Was wird möglich, wenn Intelligenz unbegrenzt und kostenlos ist?“
Diese Frage ist von zentraler Bedeutung und sollte im Hinblick auf eine Zukunft, in der KI stärker in den Mittelpunkt rückt, den Kernpunkt der Überlegungen bilden. Veränderung braucht Zeit. Unternehmen müssen daher eine langfristige Vision für ihre Entwicklung skizzieren, und CEOs müssen Führungsqualitäten demonstrieren und mutig genug sein, trotz Druck der Stakeholder an ihren Plänen festzuhalten. Ebenso wichtig ist es, dass sie ihre Mitarbeitenden ins Boot holen. Dies erfordert Investitionen in Kompetenzen, die Mitarbeitende dazu befähigen, sich genauer mit der Technologie auseinanderzusetzen und zu verstehen, wie sie ihnen in ihrer Rolle zugutekommt.
Wir sind darauf angewiesen, dass politische Entscheidungsträger in Europa und im Vereinigten Königreich Unternehmen bei der Neugestaltung ihrer Strategien und Organisationen unterstützen. Die Bemühungen der EU, die Gesetzgebung für Unternehmen im Rahmen der 28. Regelung zu straffen, sind positiv zu bewerten. Ebenso wird der Versuch, den Zugang zu Kapital durch die Spar- und Investitionsunion zu beschleunigen, dazu beitragen, Unternehmen zu Innovation anzuspornen.
In Europa und im Vereinigten Königreich gibt es außerdem einige der besten Universitäten der Welt. Es wäre daher interessant, eine Zusammenarbeit zwischen politischen Entscheidungsträgern, Akademikern und Branchenverbänden zu sehen, um Best-Practice-Ansätze zur Neugestaltung von Unternehmen zu ermitteln. Die Unterstützung beim Aufbau der Infrastruktur für KI-fähige Unternehmen ist sehr zu begrüßen, ebenso die Datenhoheit. Und selbstverständlich sind Initiativen, die die Entwicklung der richtigen Kompetenzen für europäische Unternehmen unterstützen, von zentraler Bedeutung. Der Schwerpunkt muss dabei auf kritischem Denken und Analyse, Kommunikation und emotionaler Intelligenz sowie auf technischen Fähigkeiten liegen.
Wenn politische Entscheidungsträger europäischen Unternehmen dabei helfen können, die Neugestaltung in einem Tempo durchzuführen, das dem des technologischen Wandels entspricht (oder zumindest nahekommt), ist dies für die Wettbewerbsfähigkeit der Region von Vorteil.
Simon Paris, Chief Executive Officer, Unit4

Simon Paris ist ein erfolgreicher Manager mit über 25 Jahren Erfahrung in der Technologiebranche, darunter Führungspositionen bei Finastra, SAP und Infor. Er war zudem als Senior Consultant bei McKinsey & Company tätig. Zuletzt war er als CEO bei Finastra beschäftigt, einem globalen Anbieter von Finanzdienstleistungsanwendungen. Dort leitete er die Transformations- und Wachstumsstrategie mit dem Ziel, Finastra zu einem der größten FinTech-Unternehmen der Welt zu machen. Er ist auch Mitglied des Vorstands von Thomson Reuters.
Als CEO von Unit4 liegt seine Priorität darin, den Kunden, Partnern, Mitarbeitenden und Stakeholdern des Unternehmens größtmöglichen Mehrwert zu liefern, ihre Zufriedenheit zu steigern und ihnen zum Erfolg zu verhelfen. Auf dieser Basis treibt er langfristiges, nachhaltiges SaaS-Wachstum voran.
Simon Paris engagiert sich leidenschaftlich für Diversität und Inklusion und ist gemeinsamer Preisträger des Vista CEO Award for Diversity, Equity, and Inclusion (DEI) and Environmental, Social & Governance (ESG). Im Financial Technology Report wird er seit 2020 jedes Jahr als einer der Top-50 CEOs genannt, zudem wurde er bei den CEO Today Awards 2021 ausgezeichnet, zählt laut Software Report 2022 zu den Top-20 CEOs in Europa, belegte den ersten Platz unter den Top-50 CEOs im Bereich Finanztechnologie 2024 und hat bei den Global FinTech Awards 2024 den Lifetime Achievement Award gewonnen.
Er hat einen MBA von INSEAD und einen BA (Hons) von der European Business School.
Mehr erfahren über
Branchen: branchenübergreifend