Digitalisierung

Einsatz einer mobilen Unternehmensplattform

Chancen und Herausforderungen
Lesedauer:  7 Minuten
Mobiles Endgeraet

Der Einsatz mobiler Endgeräte und zugehöriger mobiler Anwendungen in Unternehmen bringt eine Vielzahl von Herausforderungen mit sich. Beispiele sind die effiziente Kommunikation der mobilen Anwendungen mit unterschiedlichen Backendsystemen sowie die Administration der mobilen Endgeräte und deren Anwendungen. Mobile Unternehmensplattformen stellen als zentrales Bindeglied zwischen mobilen Endgeräten und Backendsystemen eine Vielzahl von Funktionen zur Verfügung, um diesen Herausforderungen zu begegnen. In diesem Beitrag wird das Konzept von mobilen Unternehmensplattformen und deren Funktionen vorgestellt. Zudem wird diskutiert, welche Herausforderungen der Einsatz einer mobilen Unternehmensplattform mit sich bringt.

Mobile Endgeräte ermöglichen einen zeit- und standortunabhängigen Zugriff auf Unternehmensdaten. Durch ihre stetige Verfügbarkeit können die Besitzer der Geräte zudem proaktiv über wichtige Ereignisse informiert werden. Außerdem ermöglichen moderne mobile Endgeräte, wie Smartphones und Tablets, durch ihre integrierten Sensoren zusätzliche Anwendungsfelder. Neben den technologischen Möglichkeiten erfreuen sich mobile Endgeräte im privaten und beruflichen Umfeld einer großen Popularität. In Summe bieten diese Aspekte Unternehmen das Potenzial, ihre bestehenden Geschäftsprozesse zu verbessern oder neue Geschäftsfelder zu erschließen [1, 2]. Beispiele hierfür sind eine höhere Arbeitsproduktivität der Mitarbeiter, geringe Verzögerungen bei Genehmigungsprozessen, geringe Fehlerraten durch die Vermeidung von Medienbrüchen oder eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit [2, 3].

Aufgrund des allgemeinen Interesses an mobilen Anwendungen im Unternehmensumfeld haben unterschiedliche Softwareanbieter bereits mobile Anwendungen für unterschiedliche Einsatzzwecke entwickelt. Besonders groß ist das Angebot in den klassischen Aufgabenbereichen mobiler Mitarbeiter, wie beispielsweise dem Vertrieb oder Außendienst [2]. Beispiele für Funktionen von mobilen Anwendungen in diesem Bereich sind [2, 4]:

  • Koordination von Kundenbesuchen,
  • Suche im Produktkatalog,
  • Erfassung von Kundenaufträgen und Prüfung der Lieferfähigkeit vor Ort,
  • Zugriff auf Reparaturanleitungen vor Ort und
  • Erfassung von Arbeitszeiten und Reisespesen.

Herausforderungen mobiler Geräte und Anwendungen

Aufgrund der kleineren Displaygrößen und unterschiedlichen Interaktionsmuster können bestehenden Desktop-Anwendungen nicht ohne Weiteres auf mobile Geräte portiert werden. In vielen Fällen ist eine komplette Neuentwicklung der mobilen Anwendung zu empfehlen. Hierbei muss die im mobilen Umfeld notwendige Funktionalität identifiziert werden und das Bedienkonzept sorgfältig ausgearbeitet werden.
Durch die hohe Heterogenität mobiler Endgeräte und deren Betriebssysteme müssen Unternehmen ihre Anwendungen oftmals für mehrere mobile Plattformen, wie beispielsweise iOS, Android, Blackberry OS oder Windows Phone, entwickeln. Dieser Aspekt wird zusätzlich durch den „Bring Your Own Device“ Trend verstärkt, welcher es Mitarbeitern ermöglicht private mobile Endgeräte im geschäftlichen Umfeld zu nutzen [4].

Zur Entwicklung mobiler Anwendungen für die unterschiedlichen mobilen Plattformen werden derzeit unterschiedliche Programmiersprachen, Entwicklungsbibliotheken und -werkzeuge eingesetzt [5]. Deren Anwendung erfordert entsprechende Mitarbeiterfähigkeiten und teilweise zusätzliche Lizenzkosten.

bild1
Bild 1: Anwendungstypen einer mobilen Unternehmensplattform (in Anlehnung an [5]).

In den IT-Landschaften von Unternehmen sind üblicherweise unterschiedliche Backendsysteme im Einsatz. Beispiele sind: Enterprise-Ressource-Planning, Customer-Relationship-Management- oder Supply-Chain-Management-Systeme [6, 7]. Diese Systeme werden oftmals von unterschiedlichen Software-Anbietern entwickelt, haben unterschiedliche Programmierschnittstellen und nutzen unterschiedliche Netzwerkprotokolle. Zudem sollten bei Datenabfragen aus Backend-Systemen die oftmals geringeren Bandbreiten und die Stabilität mobiler Datennetze berücksichtigt werden. Um eine effiziente Kommunikation zwischen mobilen Anwendungen und Backend-Systemen zu ermöglichen, sollte die zu übertragene Datenmenge auf das absolut notwendige Maß reduziert werden [4, 5]. Mit einer steigenden Anzahl mobiler Anwendungen, die direkt auf die unterschiedlichen Backend-Systeme zugreifen, steigt auch die Zahl der Punk-zu-Punkt-Verbindungen. Dies führt ab einer gewissen Menge zu einer schwer überschaubaren und schwer wartbaren Umgebung [5].

Eine weitere Herausforderung stellen unterschiedliche Sicherheitsaspekte dar. Zum einen können mobile Geräte verloren gehen oder gestohlen werden. Falls auf dem mobilen Endgerät wichtige Geschäftsdaten oder Zugangsdaten gespeichert sind, stellt dies ein hohes Sicherheitsrisiko dar [4]. Zum anderen greifen mobile Geräte in der Regel auch über unsichere mobile Datennetze auf die IT-Landschaft des Unternehmens zu. Um das Sicherheitsrisiko in diesem Fall zu minimieren, sollten entsprechende Authentifizierungs- und Datenverschlüsselungsmechanismen angewendet werden [4].

Auch die Vermischung von privater und geschäftlicher Nutzung von mobilen Endgeräten birgt Gefahren. Um beispielsweise zu verhindern, dass unbefugte Anwendungen den Zugang zu den mobilen Unternehmensanwendungen erlangen, müssen entsprechenden Policies und Nutzungskonzepte implementiert werden [2]. Im folgenden Abschnitt wird das Konzept einer mobilen Unternehmensplattform vorstellt und erläutert, welche Lösungsmöglichkeiten dieses für die genannten Problemstellungen anbietet.

Mobile Unternehmensplattformen

Mobile Unternehmensplattformen stellen das zentrale Bindeglied zwischen den mobilen Endgeräten und den Backendsystemen dar. Oftmals wird für mobile Unternehmensplattformen der vom Marktforschungsunternehmen Gartner geprägte Begriff „Mobile Enterprise Application Platform“ (MEAP) verwendet [8]. Herzstück einer mobilen Unternehmensplattform ist ein Middleware-Server, welcher u.a. die Kommunikationsverbindungen zwischen den mobilen Endgeräten und den Backendsystemen verwaltet.

Neben dem Middleware-Server stellt eine mobile Unternehmensplattform weitere Komponenten bereit. Insgesamt sollten folgende Funktionen abgedeckt werden [5]:

  • Integrierte Entwicklungsumgebung mit einem Modellierungswerkzeug
  • Werkzeug für die Integration von Backendsystemen
  • Programmbibliotheken, Konnektoren sowie wiederverwendbare Softwarekomponenten
  • Verwaltungskonsole für mobile Endgeräte
  • Programmierschnittstelle bzw. Application Programming Interface

Bild 1 illustriert das Konzept einer mobilen Unternehmensplattform. Mithilfe der integrierten Entwicklungsumgebung sowie der bereitgestellten Backend-Konnektoren ist es möglich, ohne Programmieraufwand eine Verbindung zu verschiedenen Backendsystemen, z.B. einem SAP-ERP-System, zu konfigurieren [5]. Die mobilen Endgeräte authentifizieren sich am MEAP-Server und haben anschließend Zugriff auf die ihnen zugeteilten mobilen Anwendungen. Durch die Verwaltungskonsole können die Verbindungen zu den Backendsystemen und den mobilen Endgeräten verwaltet sowie diverse Sicherheits- und Monitoring-Funktionen konfiguriert und überwacht werden. Zudem besitzen manche MEAP-Server die Möglichkeit, häufig abgefragte Daten von Backendsystemen zwischenzuspeichern und hierdurch die Anzahl der Backendanfragen zu reduzieren [5]. Damit kann die Leistungsfähigkeit einer mobilen Anwendung gesteigert werden.

Mobile Unternehmensplattformen unterstützen aktuell bis zu vier verschiedene Anwendungstypen (Bild 2). Dabei wird zwischen den folgenden Anwendungstypen unterschieden [4, 5]:

  • Native Anwendungen werden mit gerätespezifischen Entwicklungswerkzeugen implementiert und als nativer Code auf dem mobilen Gerät ausgeführt. Sie sind generell am leistungsfähigsten und haben Zugriff auf Geräte- und Betriebssystem-spezifische Funktionen. Jedoch sind diese Anwendungen nur auf einer mobilen Plattform lauffähig.
  • Web-Anwendungen werden mit Webtechnologien entwickelt, in einem Webbrowser ausgeführt und sind prinzipiell plattformübergreifend lauffähig. Sie haben jedoch nur eingeschränkten Zugriff auf die Gerätefunktionen.
  • Hybrid-Anwendungen werden ebenfalls mit Webtechnologien entwickelt und sind plattformübergreifend lauffähig. Zusätzlich verpackt mit einem sogenannten Runtime-Wrapper wird ein verbesserter Zugriff auf die Gerätefunktionen ermöglicht.
  • Container-Anwendungen sind hybriden Anwendungen sehr ähnlich. Sie werden in einer speziellen nativen Anwendung, dem Container, ausgeführt. Dieser wird oftmals von MEAP-Herstellern bereitgestellt und verfügt daher über eine Programmierschnittstelle zur Kommunikation mit dem MEAP-Server.
Bild 2
Bild 2: Anwendungstypen einer mobilen Unternehmensplattform.

Derzeit werden von mehreren Herstellern mobile Unternehmensplattformen angeboten. Beispiele für umfangreichere mobile Unternehmensplattformen sind die SAP Mobile Platform oder IBM Worklight. Neben mobilen Unternehmensplattformen bieten einige Hersteller zusätzliche Geräte-Verwaltungswerkzeuge, sogenannte Mobile Device Management (MDM) Tools an. Mit deren Hilfe können u.a. Softwareaktualisierungen durchgeführt oder Sicherheitsregeln umgesetzt werden. Beispielsweise ist es möglich, ein mobiles Endgerät „remote“ zu sperren und dessen gespeicherte Daten zu löschen, falls das Gerät verloren geht [4, 5].

Entscheidungsaspekte beim Einsatz einer mobilen Unternehmensplattform

Neben den genannten Vorteilen einer mobilen Unternehmensplattform sollten jedoch auch einige Einschränkungen berücksichtigt werden. Zum einen ist zu bedenken, dass es sich bei einer mobilen Unternehmensplattform um eine umfangreiche, neue Softwarelösung handelt, deren Administration zunächst erlernt werden muss; gleiches gilt für den Entwicklungsprozess und die zugehörigen Entwicklungswerkzeuge. Beim Einsatz einer kommerziellen mobilen Unternehmensplattform muss i.d.R. auch mit zusätzlichen Lizenzkosten gerechnet werden.

Um die Entscheidungsfindung für oder gegen eine mobile Unternehmensplattform zu erleichtern, schlägt Gartner mit der „rule of three“ [8] eine einfache Daumenregel vor. Demnach lohnt sich eine mobile Unternehmensplattform, falls folgende Szenarien vorliegen:

  • Drei oder mehr im Unternehmen genutzte mobile Anwendungen
  • Drei oder mehr mobile Plattformen sollen unterstützt werden
  • Drei oder mehr Backendsysteme sollen unterstützt werden

Diese Daumenregel ist sicherlich zu einfach, um eine solide Entscheidung zu treffen. Sie zeigt jedoch, dass sich eine mobile Unternehmensplattform ab einer gewissen Komplexitätsstufe lohnt. Um eine fundierte Entscheidung zu treffen, sollten jedoch die Kosten und Aufwände der Einführung und des Betriebs einer mobilen Unternehmensplattform mit den durch die mobile Unternehmensplattform erzielten Vorteilen im Rahmen der eigenen Mobilitätsstrategie im Einzelfall abgewogen werden.


Literatur

[1] Mladenova, V., Homann, M., Kienegger, H., Wittges, H., & Krcmar, H. (2011). Towards an Approach to Identify and Assess the Mobile Eligibility of Business Processes. In: American Conference of Information Systems, Detroit.
[2] Gronau, N., Fohrholz, C., & Plygun, A. (2012). Mobile Prozesse im ERP. HMD – Praxis für Wirtschaftsinformatik, Schwerpunktthema: Mobile Computing, 23-31. Heidelberg: dpunkt Verlag.
[3] Niemann, F. (2011). ERP to Go – Trends bei mobiler Business-Software. In: Gronau, N., & Fohrholz, C. (Eds.), Wirtschaftliche Geschäftsprozesse durch mobile ERP-Systeme. Potsdam: GITO-Verlag.
[4] Beckert, A., Beckert, S., & Escherich, B. (2012). Mobile Lösungen mit SAP. Bonn: Galileo Press.
[5] Homann, M., Wittges, H., & Krcmar, H. (2013). Entwicklung mobiler Anwendungen mit SAP. Bonn: Galileo Press.
[6] Gronau, N. (2010). Enterprise Resource Planning: Architektur, Funktionen und Management von ERP-Systemen (2nd ed.). München: Oldenbourg-Verlag.
[7] Krcmar, H. (2010). Informationsmanagement (5th ed.). Heidelberg: Springer-Verlag.
[8] Gartner (2009). Magic Quadrant for Mobile Enterprise Application Platforms. Stamford: Gartner Research.


Das könnte Sie auch interessieren

Digitale Geschäftsprozesse im Mehrwegbehältermanagement

Digitale Geschäftsprozesse im Mehrwegbehältermanagement

Technologien und Applikationen für effiziente digitale Mehrwegkreisläufe
Mehrwegkreisläufe effizient zu steuern ist komplex –doch neue digitale Technologien eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Der Artikel zeigt, wie No-Code-Development, Computer Vision und IoT-Architekturen das operative Mehrwegbehältermanagement automatisieren und manuelle Prozesse deutlich reduzieren. Praxisnahe Beispiele aus dem Projekt DIBCO geben spannende Einblicke, wie Unternehmen ihre Behälteraufbereitung effizienter und zukunftsfähig gestalten können.
Die Zukunft der ERP-Systeme

Die Zukunft der ERP-Systeme

Strategisch statt operativ: ERP etabliert sich als Top-Management-Thema
ERP ist längst Chefsache. Wer es weiterhin als reines IT-Thema einordnet, unterschätzt seinen strategischen Hebel. Vorausschauende Unternehmen verankern ERP-Kompetenz in ihrer Governance und nutzen sie als Wettbewerbsvorteil. Moderne ERP-Systeme entwickeln sich zu intelligenten, offenen Architekturen –getrieben von Cloud, KI und Automatisierung. Das verlangt von der Unternehmensführung ein tiefes Verständnis von ERP.
BIM trifft ERP: Mit AAS zum digitalen Zwilling

BIM trifft ERP: Mit AAS zum digitalen Zwilling

Planung und Betrieb rücken im digitalen Bauwesen zusammen
Die Digitalisierung des Bauwesens schreitet voran, doch zwischen Planung und Betrieb besteht weiterhin eine Lücke im Informationsfluss. Während BIM die Grundlage für die digitale Modellierung von Bauwerken liefert und ERP-Systeme betriebswirtschaftliche Prozesse steuern, sorgt die Asset Administration Shell (AAS) für die Verbindung beider Welten. Sie macht Daten aus Planung und Betrieb nutzbar und ebnet den Weg zum digitalen Zwilling.
Hoch skalierbares kollaboratives Schreiben

Hoch skalierbares kollaboratives Schreiben

Was wir aus der Softwareentwicklung lernen können
Kollaboratives Schreiben ist mehr als das gemeinsame Bearbeiten eines Dokuments. Es ist ein Prozess, der effiziente Strukturen und Werkzeuge erfordert. Der Ansatz der Autoren kombiniert die Markup-Sprache AsciiDoc mit der Versionsverwaltung Git und überträgt so Methoden aus der Softwareentwicklung auf das gemeinsame Erstellen von Texten. Das Ergebnis: ein flexibles, skalierbares und transparentes Framework für Teams in Wissenschaft und Industrie.
Best-Of ERP 2025: Branchenübergreifend / Cross-Industry

Best-Of ERP 2025: Branchenübergreifend / Cross-Industry

ERP-System des Jahres: Comarch AG wird mit Gold prämiert
Mit beeindruckender technologischer Bandbreite und echter Kundennähe ist Comarch der Gewinner in der Kategorie Cross-Industry. Die Lösung verbindet Handel und Produktion in einer durchgängigen, digitalen Prozesskette – vom Webshop bis in die Fertigung. Dank modularer Architektur, Multi-Site-Struktur und offener Integrationsstandards bleibt das System anpassungsfähig und zukunftssicher.
KI-Agenten statt reiner Datenverwaltung

KI-Agenten statt reiner Datenverwaltung

Moderne CRM-Plattformen bringen den Durchbruch für Vertrieb, Marketing und Service
CRM entwickelt sich durch moderne Plattformen, agile Methoden und den Einsatz von KI grundlegend weiter. Kundenzentrierung wird zum strategischen Erfolgsfaktor, während Change Management und regulatorische Vorgaben die Umsetzung prägen. Unternehmen profitieren von höherer Geschwindigkeit, flexibler Anpassung und einer stärkeren Fokussierung auf individuelle Kundenbedürfnisse.