ERP ist längst Chefsache. Wer das verkennt, stellt die Weichen falsch – mit langfristigen Konsequenzen für das Geschäftsmodell und die Wettbewerbsfähigkeit. Vorausschauende Unternehmen haben ERP-Expertise daher bereits in ihre Governance integriert und nutzen sie als Wettbewerbsvorteil. Moderne ERP-Plattformen entwickeln sich von starren Transaktionssystemen zu intelligenten, offenen Architekturen. Cloud, KI und Automatisierung treiben diesen Wandel voran und verlangen von Führungskräften ein tiefes Verständnis von ERP, um nachhaltige Entscheidungen treffen zu können.
Es kann jedes Unternehmen treffen, Lidl, Haribo und Liqui Moly hat es getroffen: Dreistellige Millionenbeträge wurden in erfolglosen ERP-Projekten versenkt. Der Grund ist stets der gleiche: Weil man in seinem Kerngeschäft erfolgreich war, dachte man, auch ERP zu verstehen. Die Projekte mussten scheitern, weil die ERP-Einführung eigenen Regeln folgt und Prozesse, die Software selbst und das Change Management Hand in Hand gehen müssen.
ERP-Kompetenz in der erweiterten Geschäftsführung ist bereits zum Standard geworden – doch die nächste Stufe zeichnet sich ab. Einige Unternehmen haben bereits ERP-Expertise in ihre Governance integriert, indem sie z. B. ihre Aufsichtsräte gezielt mit ERP-Fachkompetenz besetzt haben. Dieser Schritt wird sich als Best Practice etablieren.
ERP und Strategie sind untrennbar, weil jede strategische Entscheidung – von Expansion über Preisgestaltung bis Kapazitätsplanung – nur so gut ist wie die Datenqualität und Systemfunktionalität, die sie ermöglichen.
ERP ist Strategie
ERP-Systeme werden häufig als operative Werkzeuge wahrgenommen – als Buchhaltungsinstrument mit stark erweiterter Funktionalität. Diese Sichtweise ist nicht nur veraltet, sondern gefährlich. Die Realität ist fundamental anders: Moderne ERP-Systeme entscheiden über den strategischen Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens. CEOs, die ERP als reines IT-Thema behandeln, delegieren damit ihre strategische Handlungsfähigkeit. Das ist ein Fehler mit existenziellen Konsequenzen. Wer ERP als IT-Thema betrachtet, delegiert seine Strategie – denn moderne Unternehmensführung funktioniert nicht ohne die Transparenz, Geschwindigkeit und Skalierbarkeit, die nur ein passgenaues ERP-System liefert.
ERP als strategisches Kontrollsystem
Unternehmen, die ihre strategische Ausrichtung nicht durch ERP-Transparenz untermauern, operieren im Blindflug. Nur das ERP-System kann Daten aus Vertrieb, Produktion, Finanzen und Logistik bündeln und dadurch das schaffen, was strategische Entscheidungen brauchen: einen ganzheitlichen Blick auf das Geschäft. CEOs erhalten reale Echtzeit-Einblicke z. B. in Profitabilität nach Region, Produktkategorie und Kundensegment – nicht erst mit Verzögerung im monatlichen Reporting.
Diese Transparenz transformiert Strategie von Intuition zu Faktenorientierung. In welchen Märkten wollen wir expandieren? Welche Produktlinien generieren echte Ertragskraft? Welche Regionen underperformen aus welchen Gründen? Früher basierten die Antworten auf diese Fragen auf Vermutungen. Heute ermöglicht ERP datengestützte Antworten. Das ist nicht operational – das ist strategisch existenziell.
Wettbewerbsfähigkeit als ERP-Funktion
Der Unterschied ist messbar: Unternehmen mit modernen ERP-Systemen reduzieren ihre Quote-to-Order-Zykluszeit um bis zu 40 % – ein strategischer Vorteil, der im direkten Kundenwettbewerb entscheidend ist. Sie können Marktchancen schneller erkennen und Kapazitäten schneller anpassen. Während Konkurrenten noch auf den Report am Monatsende warten, haben sie längst reagiert.
Besonders bei einer internationalen Expansion ist dies kritisch: Nur ERP-Systeme mit echten Multi-Currency-und Multi-Country-Fähigkeiten ermöglichen die effiziente Umsetzung von Globalisierungsstrategien. Unternehmen ohne diese Infrastruktur bleiben regional gefangen – nicht aus Mangel an Ambitionen, sondern aus systemischen Grenzen.
Der Markt im DACH-Raum
Der ERP-Markt in den deutschsprachigen Ländern ist im Wesentlichen gesättigt. Ein moderates Wachstum ist durch Preiserhöhungen bei Wartungsgebühren und den Zwang zum Umstieg in die Cloud induziert. Das europäische Marktvolumen für ERP liegt nach einschlägigen Studien im niedrigen zweistelligen Milliardenbereich. Deutschland gehört zu den größten Einzelmärkten in Europa, mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil industrieller und exportorientierter Unternehmen, die komplexe Prozesse und hohe Qualitätsanforderungen mitbringen. Daher sehen wir immer wieder versuchte Markteintritte von ausländischen ERP-Anbietern. Diese nehmen in ihren Heimatländern häufig eine marktführende Position ein, kommen aber, zumeist aufgrund mangelhafter Marketingbemühungen, um eine Nischenrolle im DACH-Raum nicht hinaus.
In welchem Verhältnis stehen On-Premises-, Cloud- und Hybrid-ERP-Lösungen künftig zueinander?
„Die Modelle werden alle nebeneinander bestehen, aber mit anderem Fokus. Cloud-ERP wird wachsen, weil es einfacher skalierbar ist, Updates automatisch laufen und wenig Aufwand in Administration notwendig ist. On-Premises bleibt existent, in denen Datenschutz, oder hohe Branchenspezialisierung den Betrieb im eigenen Rechenzentrum (RZ) notwendig machen, weil eine Migration kostspielig oder riskant wäre. Hybrid wird zukünftig ein guter Kompromiss: Kernprozesse bleiben im eigenen RZ, spezialisierte Module —HR oder BI – wandern in die Cloud. Dieses Modell dürfte in den kommenden Jahren zum dominanten Standard werden, weil es Unternehmen erlaubt, ohne „Big Bang“zu modernisieren, und dennoch z. B. KI zu nutzen.“

Robert Lüers
Prokurist und Leitung Vertrieb,
CVS Ingenieurgesellschaft mbH
Besonders charakteristisch für den deutschsprachigen Raum ist die starke Mittelstandsorientierung: Eine Vielzahl spezialisierter ERP-Anbieter bedient branchenspezifische Anforderungen von Industrie, Handel, Handwerk und projektorientierten Dienstleistern. Marktanalysen verweisen seit Jahren auf mehrere Hundert ERP-Lösungen im deutschsprachigen Markt – mit hoher Fragmentierung und teils sehr tiefen Branchenausprägungen.
Private-Equity-Investoren bündeln Portfolios aus ERP-Lösungen und deklarieren so jahrzehntelang bewährte Lösungen zu Auslaufmodellen, weil nur noch die Wartungseinnahmen interessieren und die technische Weiterentwicklung des Systems auf das Nötigste beschränkt wird. Diese Entwicklung hat in den letzten drei Jahren erheblich an Fahrt aufgenommen und es ist zu erwarten, dass sich der Trend beschleunigt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir in einigen Jahren nur noch ca. 50 wirklich unabhängige ERP-Anbieter sehen und alle anderen bisher selbstständigen Lösungen in einer der drei Marktentwicklungen aufgehen (Bild 1).


Eine andere, aus meiner Sicht erfolgversprechende Strategie besteht darin, rund um ein fokales ERP-System ein Ökosystem aus Zukäufen aufzubauen und so dem Kunden ein abgerundetes Portfolio von zueinander passenden Lösungen aus einer Hand anzubieten. Aus der Gruppensicht ergeben sich dadurch Synergien in Entwicklung, Betrieb und Vermarktung.
Für Anwenderunternehmen auf der Suche nach einem neuen ERP-System bedeutet dies, eine fundierte Risikoanalyse durchzuführen: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Anbieter übernommen oder in einen Konzern integriert wird? Was bedeutet das für Roadmap, Support und Lizenzmodell?
Im Rahmen der Auswahl eines neuen ERP-Systems wird sich der Fokus von der reinen Funktionsabdeckung hin zur Zukunftsfähigkeit des Anbieters erweitern. Roadmap, Investitionskraft, Plattformstrategie und Partnerökosystem sollten schon jetzt harte Auswahlkriterien werden.
Die technologische Zukunft der ERP-Systeme
ERP-Systeme können heute im Wesentlichen in folgenden Betriebsformen betrieben werden:
On-Premise für Altsysteme, Speziallösungen und ERP-Systeme in stark sicherheitsrelevanten Bereichen, wo eine entsprechende Sicherheitseinschätzung, eine gewünschte Technologiesouveränität oder eine Regulierung dies fordert.
SaaS-ERP für standardnahe Prozesse und schnell wachsende Unternehmen. Das verändert den Charakter von ERP-Projekten: Statt großer Releasewechsel in großen Abständen verschiebt sich der Fokus auf die Einbindung kontinuierlicher, vom Hersteller getriebener Updates in kurzen Zyklen. Viele IT-Abteilungen in mittelständischen Unternehmen sind auf diese Veränderung überhaupt nicht angemessen vorbereitet!
Ein Cloud-ERP kann in mehreren Szenarien betrieben werden, deren Sinnhaftigkeit und deren Aufwand jeweils individuell betrachtet werden muss:
- Gegenwärtig sehe ich eine wachsende Zahl an hybriden Szenarien, bei denen Kernprozesse in der Cloud laufen, während Spezial- oder Altsysteme on-prem bleiben. Die Gefahr für solche Altsysteme ist, dass sie aus dem Fokus des Managements geraten und irgendwann nicht mehr zum Kernbestandteil der Wertschöpfung gezählt werden, mit entsprechenden Konsequenzen für die erzielbaren Erlöse für die Anbieter.
- Für Unternehmen mit hohen Anforderungen an Compliance, Datenschutz und digitale Souveränität sind Private-Cloud-Modelle gut geeignet. Diese ermöglichen auch nach wie vor eine Anpassung der Cloud-Lösung an individuelle Anforderungen, was allerdings die Kosten der Lösung steigert, da hier keine kostensparenden Effekte durch Skalierung erreicht werden können.
Welche Kompetenzen benötigen ERP-Manager der Zukunft?
„Bei Bison sehen wir den ERP-Manager als strategischen Business-Enabler. Mit technologischer Expertise, Datenkompetenz und Change-Management-Fähigkeiten treiben sie Innovation voran und machen IT zum gleichwertigen Partner für nachhaltigen Unternehmenserfolg.“

Christoph von Lingen
Head Sales & Marketing,
Bison Schweiz AG
In welchem Verhältnis stehen On-Premises-, Cloud- und Hybrid-ERP-Lösungen künftig zueinander?
„Aus meiner Sicht geht die Entwicklung klar in Richtung der Cloud. Schnellere Updates, nie wieder Update-Projekte (im SaaS-Kontext), geringerer administrativer Aufwand, bessere Skalierbarkeit und maximale Sicherheit in Kombination mit optimaler Nutzung der Chance mit KI –die Vorteile sind gleichsam überzeugend und richtungsweisend.“

Udo Lorenz
Geschäftsführer,
GWS Gesellschaft für Warenwirtschafts-Systeme mbH
Künstliche Intelligenz und Automatisierung
Ob KI der zentrale Differenzierungsfaktor künftiger ERP-Generationen sein wird, wird sich noch zeigen. Auf jeden Fall können folgende Einsatzfelder ausgemacht werden:
- Prognosen und Planung: Nachfrage-, Bestands-, Kapazitäts- und Cashflow-Prognosen sowie Szenarienrechnungen.
- Automatisierte Belegverarbeitung: Erkennung, Klassifikation und Buchung von Eingangsrechnungen, Lieferscheinen, Serviceberichten u.v.m.
- Anomalieerkennung: Auffällige Buchungen, Betrugsmuster, Abweichungen in Lieferketten oder Fertigungsprozessen.
- Intelligente Assistenz: Vorschläge für nächste Bearbeitungsschritte, Priorisierung von Vorgängen, Empfehlungen bei Ausnahmesituationen.
- Smarte Textgenerierung: Erzeugung von Geschäftskorrespondenz und Serviceantworten durch generative KI
Sehr mächtige Werkzeuge können durch Kombination des ERP-Systems mit Robotic Process Automation (RPA) bzw. Workflow-Engines entstehen. Diese Technologie kann durchgängige, automatisierte End-to-End-Prozesse ermöglichen, z. B. in Finanzwesen, Einkauf, Logistik und Service. Nur durch solche Mehrwertdienste wird es gelingen, ERP-Systeme nicht nur auf die Stammdatenverwaltung zu beschränken, sondern sie als aktive Treiber von wertschöpfenden Geschäftsprozessen zu erhalten.
Daten, Analytics, IoT und Digitaler Zwilling
Zukünftig werden ERP-Systeme sich enger mit Analytics- und IIoT-Plattformen vernetzen müssen. Erst diese engere Anbindung ermöglicht eine Echtzeit-Datenintegration aus Produktionsanlagen, Logistiksystemen und vernetzten Produkten (IIoT) sowie erweiterte Analytics-Fähigkeiten mit integrierten BI- und Self-Service-Reporting-Fähigkeiten. Noch ganz am Anfang steht die Ausdehnung Digitaler Zwillinge von Produkten, Anlagen und Prozessen auf ERP-Systeme, die ERP-Stammdaten, IoT-Daten und Simulationsmodelle verbinden.
Wie verändert Künstliche Intelligenz die Rolle von ERP-Systemen im Unternehmensalltag?
„Die Bedeutung des ERP steigt in doppelter Weise: Zum einen fällt dem ERP die Rolle als Informationsgeber für die KI zu. Neben Daten muss das System auch die Prozesspfade vorgeben, denen die KI zur Aufgabenbearbeitung folgen soll. Zweitens verändert sich die Nutzungsweise. User führen nicht länger jeden Prozessschritt manuell aus, sondern fokussieren sich auf Entscheidungen. Damit wird das intelligente ERP selbst zum zentralen Effizienzmotor.“

Ralf Bachthaler
Mitglied des Vorstands,
Asseco Solutions
Wie verändert Künstliche Intelligenz die Rolle von ERP-Systemen im Unternehmensalltag?
„Der Einsatz von KI im ERP transformiert das ERP von einem statischen Planungs- und Reporting-System in eine integrierte Plattform für intelligente, adaptive Entscheidungen. Machine Learning und Predictive Analytics automatisieren Prozesse im ERP, erkennen Muster in Daten, unterstützen die Nutzer proaktiv und ermöglichen schnelle, datengestützte Entscheidungen auf allen Unternehmensebenen und eine effektive Reaktion auf den Markt.“

Dr.-Ing. Thomas Müller
Lead Engineer Industrial Intelligence/
Artificial Intelligence, PSI Software SE
Architekturwandel: APIs, Microservices und Low-Code
Zukünftige ERP-Landschaften werden zunehmend als Plattformen mit modularen Services gedacht, nicht als monolithische Pakete. Wesentliche Bausteine sind API-first-Strategien, bei denen standardisierte REST-/Event-Schnittstellen lose gekoppelte Integrationen ermöglichen, Microservice-Architekturen, deren funktionale Bausteine unabhängig entwickelt, deployt und skaliert werden können, sowie Low-Code/No-Code-Fähigkeiten, mittels derer Fachbereiche Workflows, Formulare und kleinere Apps selbst erstellen können.
Diese Entwicklungen stärken die Anpassungsfähigkeit, erhöhen aber die Anforderungen an Governance und Sicherheitsarchitektur. Gerade im deutschsprachigen Mittelstand, der historisch stark auf tiefes Customizing seiner ERP-Lösungen gesetzt hat, muss in Zukunft den Übergang zu Plattform- und Erweiterungsmodellen bewältigen.
Insbesondere auf kleinere Anbieter, die bisher in ihrem hochspezialisierten Umfeld gut gelebt haben, wächst sehr stark der Druck auf eine Modernisierung ihrer Lösungen. Immer mehr Kunden gestalten ihre Geschäftsprozesse als eine Kombination von ERP-Funktionalität mit anderen Lösungen und Low-Code-Anwendungen. Wer hier nicht mindestens über eine REST-API und eine HTML-5-Oberfläche verfügt, landet schnell auf dem Softwarefriedhof.
Das Potenzial zur Differenzierung im Markt ist dabei bei weitem noch nicht ausgeschöpft (Bild 2). Bisher erfolgt eine Differenzierung der Anbieter im Wesentlichen über die Funktionen, während die attraktiven Differenzierungspotenziale der Prozessorchestrierung, der Oberflächen und der Datenbanktechnologien noch weitgehend brachliegen. Dies kann auch durch einen Wettbewerb um unterschiedliche Betriebsangebote auf der Infrastrukturschicht nicht ausgeglichen werden.
Welche Rolle spielen modulare Architekturen und API-Integrationen im ERP von morgen?
„Das ERP von morgen ist keine geschlossene Software mehr, sondern ein digitales Betriebssystem: modular, API-getrieben und anpassbar. Offene Schnittstellen ermöglichen dabei Integration, Automatisierung und kontinuierliche Innovation. Auch unser ERP-System diva ist als Plattform konzipiert: Dank der API-first-Strategie und des Headless Service Layers lassen sich Payment, POS oder Fulfillment flexibel erweitern und skalieren.“

Nicole Wehner
Chief Marketing Officer, MAC IT-Solutions GmbH
Wie fördern ERP-Systeme Nachhaltigkeit und CO₂-Transparenz in der Lieferkette?
„Nachhaltigkeit wird zum strategischen Faktor in globalen Lieferketten. Ohne integrierte digitale Lösungen ist wirksames Nachhaltigkeitsmanagement kaum möglich. ERP-Systeme bündeln ESG-Daten, analysieren sie zentral und machen sie sichtbar. So entstehen Transparenz, fundierte Entscheidungsgrundlagen und echte Fortschritte in der nachhaltigen Wertschöpfung statt reinem Reporting.“

Cornelia Juds
Sales Manager,
IAS – Industrial Application Software
GmbH
Die Zukunft der ERP-Auswahl im deutschsprachigen Raum
Klassische Auswahlprojekte im Mittelstand basierten häufig auf umfangreichen Funktionslisten („Lastenheft“). Diese bleiben wichtig, sind aber nicht geeignet, um Zukunftsfähigkeit zu bewerten. Dies muss durch weitere Dimensionen erfolgen:
- Architektur: API-Strategie, Datenmodell, Erweiterungs- und Integrationskonzept
- Plattform-Ökosystem: Verfügbarkeit branchenspezifischer Add-ons, App-Stores, vorgefertigter Integrationen
- Cloud-Readiness: Multi-Tenancy, Mandantenfähigkeit, Skalierbarkeit, Sicherheits- und Compliance-Konzepte
- Innovationsfähigkeit: KI-Roadmap, Update-Frequenz, Einbindung neuer regulatorischer Anforderungen
Gerade im DACH-Raum, wo viele Unternehmen bereits ein oder mehrere ERP-Systeme im Einsatz haben, verschiebt sich die Perspektive von der „System-Einführung“ zur „Landschafts-Transformation“: Wie passt ein neues ERP in die bestehende IT-Architektur, und wie können Altanwendungen schrittweise abgelöst werden?
Neue Kriterien: Souveränität und Compliance
Mit der EU-Daten- und Digitalpolitik rücken Themen wie Datenschutz, Cybersecurity, digitale Souveränität und branchenspezifische Vorschriften stärker in den Fokus der ERP-Auswahl. Wesentliche Fragen, die zukünftig noch stärker beantwortet werden müssen, sind:
- Wo werden Daten gespeichert (Region, Rechtsraum, Sovereign-Cloud-Modelle)?
- Wie ist der Zugriff durch Hersteller, Betreiber und Dritte geregelt?
- Wie transparent und auditierbar sind KI-gestützte Funktionen?
- Wie geht der Anbieter mit neuen Pflichten wie z. B. der ESG-Berichterstattung um?
Im deutschsprachigen Markt, in dem viele Unternehmen Hidden Champions in regulierten Nischen sind, wird die Fähigkeit, regulatorische Anforderungen frühzeitig und tief im Standard abzubilden, zu einem klaren Wettbewerbsvorteil für die ERP-Anbieter, die die erforderlichen Anforderungen erfüllen können.
Verändertes Vorgehen: Von der funktions- zur wertorientierten Auswahl
Zukunftsorientierte Auswahlprojekte folgen zunehmend einem iterativen, am Unternehmenswert orientierten Ansatz. Zunächst wird ein Zielbild für Prozesse und Systemarchitektur (inkl. Cloud-Strategie) entwickelt. Dann erfolgt ein Marktscreening anhand wesentlicher Funktionen, Branchenfit, technischer Plattform und Roadmap. Eine Überprüfung der Leistungsfähigkeit der Systeme erfolgt in ausgewählten Szenarien, um die reale Eignung anhand von Kernprozessen und Integrationsfähigkeit zu überprüfen. In den Entscheidungsprozess sind die Fachbereiche bzw. Key-User schon in der Auswahlphase einzubinden.
Neutral arbeitende Beratungen, die Markttransparenzherstellen, gewinnen dadurch an Bedeutung, insbesondere für mittelständische Unternehmen ohne große interne ERP-Kompetenz.
Vom Projekt zur dauernden Transformation
EineERP-Einführung wird im Cloud-Zeitalter stärker als Transformationspfad gesehen. In Anlehnung an die Alternativen bei der SAP-Migration können die Transformationspfade Greenfield, Brownfield und Hybrid unterschieden werden:
- Greenfield: Neuaufbau von Prozessen und Stammdaten, konsequente Nutzung des ERP-Standards, passend für Unternehmen mit hoher Änderungsbereitschaft oder stark heterogener Altlandschaft.
- Brownfield: Schrittweise Migration bestehender Prozesse und Daten in ein neues System, oft als Upgrade-Pfad bei etablierten Herstellern.
- Hybrid-/Landscape-Ansätze: Kombination aus neuem Kernsystem und verbleibenden oder ergänzten Speziallösungen, orchestriert über Integrationsplattformen.
Gerade im deutschsprachigen Mittelstand ist ein vollständiger Big-Bang-Wechsel oft zu riskant. Häufig werden zunächst Teilbereiche (z.B. Finanzwesen, Beschaffung) migriert, bevor komplexe Module wie Produktion folgen.
Datenmigration und Prozessstandardisierung
Datenqualität ist einer der zentralen Erfolgsfaktoren moderner ERP-Projekte. In vielen Unternehmen existieren historisch gewachsene Stammdatensilos, uneinheitliche Nummernkreise und vielfältige Prozessvarianten. Zukunftsfähige Einführungsstrategien beinhalten daher:
- ein Stammdatenbereinigungs- und Harmonisierungskonzept vor der eigentlichen Migration,
- klare Verankerung von Stammdatenverantwortlichkeiten und Stammdatenprozessen in der Organisation,
- bewusste Entscheidungen, welche Abschnitte von Prozessen wirklich geschäftskritisch und im Wettbewerb differenzierend sind und welche im Standard vereinheitlicht werden können.
ERP-Advisory
Eine ERP-Einführung wird zukünftig ohne begleitende Advisory nicht mehr in Zeit, Qualität und Budget erfolgen können, weil in nahezu keinem Unternehmen das erforderliche Wissen vorhanden ist. Intelligent sind diejenigen Führungskräfte, die sich des bestmöglichen externen Wissens bedienen, um so schnell wie möglich die anstrengende Phase der Einführung oder Umstellung hinter sich zu lassen. Wir werden in Zukunft auch deutlich mehr Führungswechsel in den Unternehmen sehen, wenn eine ERP-Einführung nicht funktioniert. Ein Abschieben der Verantwortung auf Anbieter oder Systemhäuser ist nicht mehr möglich, denn die zu erfüllenden Anforderungen an eine Trusted Advisory sind inzwischen weithin bekannt.
Fit-to-Standard-Ansätze, die bewusst auf starke Individualentwicklungen im Kern verzichten, werden an Bedeutung gewinnen. Zum einen kann sich kein Unternehmen heute eine mehrjährige Belastung des Gesamtunternehmens mit einer sich voranschleppenden ERP-Einführung mehr leisten. Zum anderen wird in modernen IT-Strategien mehr auf Cloud-Updatefähigkeit, Sicherheit und Integrationsfähigkeit geachtet.
Wie verändert sich die Benutzererfahrung (UX) im ERP-Kontext durch KI und Sprachsteuerung?
„KI und Sprachsteuerung machen ERP deutlich intuitiver: Dialog statt Klicks, adaptive Oberflächen und automatisierte Routinen erleichtern die Nutzung und steigern die Produktivität. Sprachbefehle beschleunigen Hands-free-Abläufe und reduzieren Fehler. Das sorgt für schnelleres Arbeiten und höhere Akzeptanz im Alltag und ist gerade für unterwegs ideal.“

Andreas Fresi
Geschäftsführer,
Step Ahead AG
Change Management und Qualifizierung
Im deutschsprachigen Raum mit oft langjährig etablierten ERP-Lösungen ist die Umstellung auf neue Oberflächen, Abläufe und Automatisierungslevel eine erhebliche Veränderung für die Mitarbeiter. ERP-Einführungsprojekte sind zukünftig nur dann auf Anhieb erfolgreich, wenn systematisch in die Kommunikation mit allen Stakeholdern investiert wird und das Training der Nutzer einschließlich begleitender Coaching-Formate zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Ohne eine umfangreiche Einbindung der Key-User als Multiplikatoren und Product-Owner wird eine ERP-Einführung in Zukunft nicht mehr gelingen.
ERP als lebendes System
Im Cloud-Betrieb liegt ein Großteil der technischen Verantwortung (Infrastruktur, Basissoftware, Patches) beim Anbieter. Für die IT-Organisation der Anwenderunternehmen verschieben sich Aufgaben hin zur Koordination von Releases und Tests, der Sicherstellung stabiler Schnittstellen (ERP–MES–CRM–DMS etc.), der Überwachung von Performance und Verfügbarkeit sowie der Steuerung von Berechtigungen und Sicherheit.
DevOps-Ansätze – also die enge Verzahnung von Entwicklung, Betrieb und Fachbereichen – werden zunehmend auch im ERP-Umfeld relevant, insbesondere wenn viele Erweiterungen, Integrationen und Low-Code-Anwendungen genutzt werden.
Governance für Citizen Development
Mit API-Plattformen und Low-Code-Tools steigt die Zahl der Beteiligten an der ERP-Weiterentwicklung: Fachbereiche bauen eigene Apps, Workflows und Reports. Ohne Governance drohen jedoch Schatten-IT, Sicherheitslücken und inkonsistente Daten.
Zukunftsfähige Governance-Modelle im ERP-Kontext müssen daher klare Rollenmodelle (z. B. Citizen Developer, Solution Architect, Integration Owner) und definierte Freigabeprozesse für neue Apps und Integrationen beinhalten. Es wird notwendig sein, Richtlinien für Datenmodelle, Namenskonventionen und Qualitätssicherung zu entwickeln und darüber hinaus technische „Leitplanken“ wie Sandbox-Umgebungen, API-Gateways und zentrale Monitoring-Lösungen einzuführen.
Sicherheit, Datenschutz und digitale Souveränität
Sicherheits- und Datenschutzanforderungen sind im deutschsprachigen Markt traditionell hoch und werden durch EU-Regulierung weiter verschärft. Daraus resultiert für den künftigen ERP-Betrieb eine verstärkte Nachfrage nach Hosting in europäischen oder nationalen Rechenzentren, verbunden mit höheren Anforderungen an eine verschlüsselte Datenhaltung, rollenbasierte Zugriffssteuerung und revisionssichere Protokollierung. Auch die Gewährung von Administratorzugriffen durch Hersteller und Partner muss transparent abgebildet werden.
Ein derzeit noch ungelöstes Problem stellt die teilweise Nicht-Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen und Modellen dar. Hier muss unter dem Stichwort „explainable AI“ eine jeweils individuell passende Lösung gefunden werden.
Die digitale Souveränität, hier verstanden als die Fähigkeit, kritische Geschäftsprozesse und Daten nach eigenen Regeln in einem kontrollierbaren Ökosystem zu betreiben, wird zu einem weiteren Entscheidungskriterium bei der Wahl von ERP-Anbietern und Betriebsmodellen.
Für Unternehmen im DACH-Raum bedeutet dies: ERP ist in Zukunft weniger ein einzelnes Projekt und mehr ein kontinuierlicher Transformationspfad. Wer frühzeitig ein klares Zielbild für Architektur, Daten, Prozesse und Organisation entwickelt, seine ERP-Strategie eng an Geschäfts- und Digitalstrategie koppelt und Partner nach Plattform- und Innovationsfähigkeit auswählt, wird die kommende Generation von ERP-Systemen als Hebel für Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz nutzen können – statt nur als notwendige Backoffice-Infrastruktur.
Die TOP 5 Management-Prioritäten rund um ERP-Systeme
Die Zukunft von ERP-Systemen im deutschsprachigen Raum wird durch mehrere gleichzeitige Bewegungen geprägt: