KI-Integration

„Es geht uns darum, den ERP-Nutzern Zeit zurückzugeben“

Interview mit CEO und CTO von UNIT4 über die Zukunft von ERP
10.05.2026 - von Redaktion ERP
Lesedauer:  6 Minuten
Simon Paris deutsch
Seit einem Jahr CEO bei UNIT4: Simon Paris © UNIT4

Read this interview in English

Ein Jahr, zwei C-Level Leader, eine Vision: Simon Paris, seit einem Jahr CEO bei UNIT 4 und CTO Claus Jepsen vereinen frischen Blick und tiefe Expertise. Im Interview mit Prof. Dr. Norbert Gronau sprechen sie über die Zukunft des multinationalen Softwareanbieters.

Simon Paris: Frankreich und die DACH-Region sind natürlich die größten Volkswirtschaften und damit die wichtigsten Wettbewerbsfelder für ERP-Anbieter. Daher hat Deutschland für das Team und mich absolute Priorität. 

Claus Jepsen: Wir konzentrieren uns derzeit auf den Mittelstand, also Unternehmen mit etwa 200 bis 5.000 Mitarbeitern. Wir können aber auch weit darüber hinausgehen. In Norwegen beispielsweise haben wir Kunden mit 20.000–30.000 Mitarbeitern. Wir wollen etwas unter dem Radar von SAP, Workday, Microsoft und Oracle bleiben, aber wir wollen auf dem Radar eines nationalen Marktführers sein, wenn dieser eine internationale Lösung braucht.

Claus Jepsen
Claus Jepsen, CTO von Unit4: Er ist seit zwölf Jahren im Unternehmen – stets in einer Führungsposition im Engineering © by UNIT4

Simon Paris: Seit Beginn meiner Tätigkeit haben wir UNIT4 in drei Bereiche umstrukturiert. Unser Kerngeschäft ist ERP. Durch strategische Zukäufe haben wir unser Portfolio um Erweiterungslösungen ergänzt, die wir gezielt im Cross-Selling an unsere bestehenden Kunden vermarkten. Der dritte Stream enthält Lösungen, von denen wir uns in naher Zukunft trennen werden.

Simon Paris: Wir sehen zum Beispiel in den nordischen Ländern, dass für die Umsetzung eines Transformationsprojekts ein breiterer Konsens erforderlich ist. In Großbritannien wiederum kann die Hierarchie etwas ausgeprägter sein, sodass möglicherweise ein kleineres Team die Entscheidung trifft. Der Entscheidungsprozess läuft so schneller. Natürlich ist die deutsche Wirtschaft etwas anders aufgebaut als beispielsweise die britische, aber sie ähnelt zum Beispiel der schwedischen ziemlich stark.

Claus Jepsen: In diesem Fall waren wir das tatsächlich. Die Idee, auf eine neue Weise mit dem ERP zu kommunizieren, hat das Gespräch als Basis gehabt. Mit dieser Entwicklung hatten wir aus technologischer Sicht bereits viele Grundlagen geschaffen, die es uns ermöglichten, ziemlich schnell auf AVA umzuschwenken, unseren Advanced Virtual Agent. Der Aufwand für die Entwicklung und das Erproben hat sich also gelohnt.

Claus Jepsen: Die Daten sind hier entscheidend. Rohdaten allein haben keinen Wert – entscheidend ist, dass sie interpretiert werden können. Wir haben daher zwischen den Transaktionsdaten und dem Nutzer eine sogenannte Bedeutungsebene eingezogen. Diese Schicht übersetzt die Frage des Nutzers in die relevanten Datenpunkte, ohne direkt auf die Datenbank zugreifen zu müssen. Sie versteht die Absicht hinter der Anfrage und liefert genau das, was gebraucht wird. Das Ergebnis: Nutzer können in natürlicher Sprache beliebige Fragen stellen – und bekommen präzise Antworten.

Claus Jepsen: Wir nennen dieses Problem das Souveränitätsdilemma. Es gibt Vorschriften zur Datenlokalisierung, und auf oberster Ebene gibt es die Cloud-Souveränität. Wir sprechen von „Cloud-Mobilität“ – also der Fähigkeit, unsere Kunden über verschiedene Hyperscaler zu bedienen. Außerdem haben wir eine „Double-Key-Lösung“. Der Kunde bringt seinen eigenen Schlüssel mit. Wir speichern den Schlüssel in unserer privaten Cloud. Er befindet sich also nicht beim Cloud-Anbieter. Ferner verfügen wir über unsere eigenen Schlüssel, um auf unsere Infrastruktur zuzugreifen. UNIT4 verfügt über eine Infrastruktur, die in der Cloud schlüsselgeschützt ist, und innerhalb dieses Schlüsselschutzes hat jeder Kunde ebenfalls seinen eigenen Schlüssel.

Simon Paris: Mir gefällt die Vorstellung, dass wir ein sehr zweckorientiertes Unternehmen sind. Wir denken darüber nach, wie wir den Benutzern unserer Systeme Zeit zurückgeben können. In  einer gemeinnützigen Organisation bedeutet das zum Beispiel, den Freiwilligen Zeit für ihre Mission zurückzugeben. Im öffentlichen Sektor, bedeutet es, Zeit für den Dienst an der Gesellschaft zu ermöglichen. Das wird möglich, wenn kognitive Aufgaben vom Menschen auf die Maschine übertragen werden und die Maschine dann transparent mit dem Menschen interagiert und sich mit ihm berät.

Claus Jepsen: Ich denke, wenn man diese Systeme einführt, wird man zunächst eine starke Einbindung des Menschen in den Prozess vorsehen, um das menschliche Urteilsvermögen einzubinden. Mit der Zeit wird das Vertrauen in die Systeme wachsen, und dann wird die Einbindung des Menschen zurückgehen. Alle sensiblen Informationen über Mitarbeiter würde ich möglicherweise in menschlicher Hand belassen. Im Gegensatz dazu werden Rechnungsbearbeitung, die Genehmigung von Abwesenheiten oder Spesenabrechnungen in Zukunft vollständig automatisiert sein.

Simon Paris: Wenn ich mich für eine Sache entscheiden müsste, wäre es wohl Fachkompetenz. Ich glaube, dass mit zunehmender Leistungsfähigkeit der Technologie die vertikale Fachkompetenz immer relevanter wird. Daher würde ich mich auf die menschliche Seite konzentrieren: die Fähigkeiten, die Organisation, das Betriebsmodell, die Kompetenzen der Mitarbeiter, ihre Begabungen und ihre Einstellung. Claus und ich verbringen viel Zeit mit Einstellungen und Begabungen und viel weniger Zeit mit rein technologischen Entscheidungen.

Simon Paris: Ein hoch performantes Team benötigt ein breites Spektrum an Erfahrungen und Fähigkeiten, wobei technische Fähigkeiten auf jeden Fall mit am Tisch sein müssen. Ich gehe bei der Zusammenstellung meines Führungsteams sehr bewusst vor und höre auf die Stimmen des Chief Technology Officers und des Chief Product Officers. Wir haben drei Informatiker im Führungsteam. Darüber hinaus höre ich mir gerne auch unterschiedliche Perspektiven aus den Bereichen Recht, Personal oder Märkte an. 

Simon Paris: Europäischer Software-Marktführer mit Fokus auf menschenzentrierte Branchen. 85 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir in Europa. Ein europäischer Software-Marktführer zu sein, ist daher eine sehr wichtige Position für uns. 

Simon Paris: Unsere wichtigste Priorität ist es, unsere Stärke in den Zielbranchen weiter auszubauen – durch organisches Wachstum ebenso wie durch gezielte Akquisitionen. Der Schlüssel dazu liegt in tiefem Branchenwissen, das wir in unsere KI-Schichten – die Reasoning- und die semantische Ebene – einfließen lassen. Strategische Priorität Nummer zwei ist die Vertiefung unserer europäischen Präsenz, derzeit vor allem mit dem Fokus auf Deutschland und Frankreich. Nummer drei ist das Erreichen unserer Zielgröße, d. h. der Übergang von unserem heutigen Umsatz von rund einer halben Milliarde Euro Umsatz auf etwa eine Milliarde Euro bis 2030.

Claus Jepsen: Die Technologie untermauert diese Vision in jeder Hinsicht. Mit den neuen Technologien, die auf den Markt kommen, lassen sich einige der regulatorischen und Compliance-Herausforderungen lösen, die typischerweise mit einem neuen Markt einhergehen.

Das Interview führte Dr. Norbert Gronau, Chefredakteur von ERP Management.

Mehr erfahren über


Das könnte Sie auch interessieren