ERP-Auswahl

Usability für den Mittelstand

Lesedauer:  5 Minuten
© Pixabay / TayebMEZAHDIA
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Betriebliche Anwendungssoftware ist im Hinblick auf Usability schwer zu begutachten, denn gerade ERP-Systeme sind durch eine komplexe Struktur und modularen Aufbau gekennzeichnet, was eine Usability-Bewertung durch die Hersteller selbst und auch für externe Usability-Experten aufwendig macht. Typische Usability-Verfahren, wie Expertenevaluationen, sind für die Domäne wenig effektiv und unspezifisch gestaltet. In diesem Beitrag lesen Sie, wie in einem Forschungsprojekt der TU Chemnitz effektive und effiziente Methoden speziell für die Usability-Prüfung betrieblicher Anwendungssoftware entwickelt worden sind.

Das Expertenevaluationstool

Welche Usability-Prinzipien müssen beachtet werden, um die Gebrauchstauglichkeit betrieblicher Software sicherzustellen?
Ziele

ERP-Software soll für verschiedene Nutzergruppen im Unternehmen gebrauchstauglich gestaltet sein. Ein Großteil der in Deutschland eingesetzten betrieblichen Anwendungssoftware entspricht jedoch nicht den Usability-Richtlinien der Dialoggestaltung [1]. Die Ursachen für Usability-Schwachstellen sind dabei vielfältig. So fehlen Software-Herstellern oftmals das Know-how und die entsprechenden Ressourcen, um Usability bei der Entwicklung zu berücksichtigen. Darüber hinaus gründen Usability-Mängel betrieblicher Anwendungssoftware in deren komplexen Funktionsweisen [2]. ALs Dienstleistern, bei denen Hersteller Usability-Bewertungen einkaufen, fehlt es Usability-Experten zudem oft an Lösungskompetenzen in der Anpassung generischer Usability-Methoden an spezifischer, hier: komplexe betriebliche, Anwendungssoftware. Ohne Domänenwissen können Expertenevaluationsverfahren typischerweise nur kosmetische Probleme aufzeigen [3]. Zielstellung des Forschungsprojektes KUM (Kompetenzzentrum Usability für den Mittelstand) war es deshalb u. a. domänenspezifische Usability-Prinzipien für den Anwendungsbereich ERP zu entwickeln.
Vorgehen

Entlang typischer Arbeitsaufgaben wurden zunächst erste heuristische Walkthroughs an drei Softwareprodukten aus dem adressierten Bereich durchgeführt. Dabei nahmen vier Usability-Experten der TU Chemnitz die Rolle potenzieller Nutzer ein und bewerteten die Usability der Softwareprodukte unter dem besonderen Fokus, ob den von den Entwicklern vorgegebenen Handlungsabläufen tatsächlich und korrekt gefolgt werden kann [4]. Dabei sind die identifizierten Usability-Probleme in Ursache und Wirkung protokolliert und zu Typen verdichtet worden. Auf dieser Basis wurden im Folgenden weitere Softwareanwendungen der Domäne evaluiert (N=16). Die so entstandenen Evaluationsprotokolle wurden mittels der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse strukturierend zu Ordnungskriterien und Usability-Prinzipien zusammengefasst [5]. Aus den ursprünglich knapp 600 detektierten Usability-Problem-Fällen konnten so Problemtypen abgeleitet werden.

 

Usability
Bild 1: Screenshot eines im Evaluationstools enthaltenen Mock-ups

Ergebnisse

Die gefundenen Probleme lassen sich auf oberster Ebene in drei Ordnungskategorien von Usability-Problemen zusammenfassen: Präsentation, Navigation und Informationszugang und Aufgabenunterstützung. Diese Ordnungskategorien können als dreistufige Pyramide visualisiert werden [6]. Die Stufen sind an der Charakteristik der Nutzungssituation, in der die Usability-Probleme auftreten, orientiert. Dabei wird auf der ersten Stufe, Präsentation, von Usability-Problemen in einer allgemeinen Nutzungssituation ausgegangen, in der sich Nutzer häufig befinden. Hier finden keine dynamischen Abläufe statt. Sie ist stark von Rezeption geprägt. Auf der zweiten Stufe, Navigation und Informationszugang, werden Usability-Probleme eingeordnet, die sich in spezifischen Nutzungssituationen mit dynamischen Abläufen ergeben. Auf der letzten Stufe, Aufgabenunterstützung, werden konkrete Usability-Probleme angesprochen, die hoch-situationsspezifisch und an eine bestimmte Arbeitsaufgabe geknüpft sind. Die Stufen sind in einer Pyramide angeordnet, um aufzuzeigen, dass Usability-Probleme auf einer untergeordneten immer auch Probleme auf der nächsthöheren Stufe nach sich ziehen können.

Im Folgenden ist eine Auswahl der 40 aus dem empirischen Material destillierten Usability-Prinzipien dargestellt. Diese sind den drei Ordnungskategorien unterstellt:

  • Ordnungskategorie 1: Präsentation
  • Usability-Prinzip 1.1: Vermeide eine visuelle Komplexität der Darstellung von Interaktionselementen.
  • Usability-Prinzip 1.2: Ordne Interaktionselemente räumlich nach Sachlogik an.
  • Usability-Prinzip 1.3: Vermeide Inkonsistenzen in der Darstellung von Interaktionselementen über Dialoge hinweg.
  • Usability-Prinzip 1.4: Gestalte distinkte Interaktionselemente.
  • Ordnungskategorie 2: Navigation und Informationszugang
    • Usability-Prinzip 2.1: Stelle die Wiederauffindbarkeit von Daten und Steuerungselementen sicher.
    • Usability-Prinzip 2.2: Bilde Interaktionselemente entsprechend ihrer hierarchischen Beziehung zueinander ab.
  • Ordnungskategorie 3: Aufgabenunterstützung
  • Usability-Prinzip 3.1: Gestalte Interaktionselemente so, dass diese in Aussehen und Verhalten den Vorerfahrungen der Nutzer entsprechen.
  • Usability-Prinzip 3.2: Stelle Systemintelligenz sicher.
  • Usability-Prinzip 3.3: Unterstütze den Nutzer bei der Bearbeitung komplexer Bedienfolgen.

Umsetzung

Die dargestellten Ordnungskategorien und Usability-Prinzipien bilden als empirische Ergebnisse die Grundlage für das entwickelte Evaluationstool. Die Umsetzung des Werkzeugs erfolgte programmiertechnisch und praxisnah als ohne Installation ausführbare Datei.

Das Werkzeug beinhaltet folgende Funktionen für Evaluierende:

Hilfe bei der Detektion ERP-spezifischer Usability-Probleme mittels der oben beschriebenen Ordnungskategorien und Usability-Prinzipen,

Möglichkeiten der quantitativen und qualitativen Bewertung der gefundenen Usability-Probleme,

deskriptive Auswertungsmöglichkeiten der gefundenen Usability-Probleme, sowie

Aufdecken von Verbesserungspotenzialen unterstützt durch illustrative Mock-Ups.

Nachdem die Auswahl der jeweiligen Ordnungskategorie (Präsentation, Navigation und Informationszugang oder Aufgabenunterstützung) vom Evaluierenden getroffen wurde, werden die zugeordneten Usability-Prinzipien dargeboten und ausgewählt. Die jeweiligen Usability-Prinzipien enthalten eine Beschreibung und Visualisierung der typischen Probleme in Form von Mock-Ups und zeigen dem evaluierenden Anwender zugleich auch mögliche Verbesserungspotenziale auf (Bild 1). So werden auch Hersteller als Anwender des Tools mit wenig Usability-Wissen in die Lage versetzt, die Usability-Probleme ihrer Software effizient und effektiv zu identifizieren.

Im exemplarisch dargestellten Mock-Up wird das ERP-typische Problem einer nicht erwartungskonformen Darstellung von Interaktionselementen visuell beschrieben. Zusätzlich ist die Folge, die Unsicherheit des Nutzers hinsichtlich der Konsequenz der ausgeführten Aktion, dargestellt. Weiterhin findet sich ein Lösungsvorschlag beschrieben. Interaktionselemente sollten entsprechend gängiger Konventionen angeordnet und platziert werden. Des Weiteren werden Querverweise zu verwandten Heuristiken vorgeblendet. Außerdem wird ersichtlich, wie häufig das Problem in der Praxis auftaucht und welchen Schweregrad es besitzt.

Zu jedem Problem gibt es die Möglichkeit für den Evaluierenden, Anzahl und Schweregrad (kosmetisches Problem, bis hin zur Usability-Katastrophe) zu bewerten. Zudem steht ein Freitextfeld zur Verfügung, um zusätzlich eine qualitative Bewertung des Problems vornehmen zu können. Nach Beendigung der heuristisch geleiteten Evaluation, bietet das Werkzeug die Möglichkeit der deskriptiven Datenauswertung.

 

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Literatur

[1] Leimbach, T. (2010): Analyse von Wachstumshemmnissen mittelständischer Unternehmen am Beispiel der IT – Branche. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, http://www.bmwi.de//PDF/Publikationen/Studien/analyse-von-wachstumshemmnissen-kleiner-u-mittlerer-unternehmen-it-branche-endbericht.pdf, 2010.
[2] Woywode, M., Mädche, A., Wallach, D., Plach, M.: Gebrauchstauglichkeit von Anwendungssoftware als Wettbewerbsfaktor für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). www.usability-in-germany.de, 2011.
[3] Bär, N., Döbelt, S., Seeling, T., Dittrich, F. (2013): Zur Notwendigkeit anwendungsspezifischer Usability-Verfahren für betriebliche Software. Interaktive Vielfalt, Tagungsband Usability-Professionals. 8. September 2013 – 11. September 2013, Bremen, S. 318-321.
[4] Sears, A. (1997). Heuristic Walkthroughs: Finding the Problems Without the Noise, International Journal of Human-Computer Interaction, 9, 3, p. 213-234.
[5] Kuckartz, U. (2010): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Beltz Juventa.
[6] Bär, N., Döbelt, S., Seeling T.(2015). MU.ERP – Ein Modell zur Usability von ERP-Software als Hilfestellung für die Praxis. In: Prof. Dr. Klaus Gramann, Dr. Thorsten O. Zander, Dr. Carolin Wienrich, Prof. Dr.-Ing. Matthias Rötting (Eds.), Tagungsband 11. Berliner Werkstatt Mensch-Maschine-Systeme, Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, pp. 113-118.
[7] Prümper, J. (1997). Der Benutzungsfragebogen ISONORM 9241/10: Ergebnisse zur Reliabilität und Validität. In: Software-Ergonomie’97 (pp. 253-262). Vieweg+ Teubner Verlag.
[8] DIN EN ISO 9241-11: Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit. Beuth, 2011.

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