ERP-Technologie, Business Intelligence (BI)

BI im Spannungsfeld von Hochschulausbildung und Praxis

Wie BI-Lösungen die Profitabilität steigern und Marktveränderungen greifbar machen
Lesedauer:  6 Minuten
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In der Wirtschaftspraxis werden neben den IT-Anwendungen für operative Geschäftsprozesse zunehmend Business Intelligence Anwendungen realisiert, um Managementaufgaben wesentlich besser zu unterstützen. Der Masterstudiengang Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) setzt zunehmend auf ein projektorientiertes Herangehen zu den Themen von Business Intelligence (BI). Wie erfolgreich dieses Konzept an der HTW umgesetzt wird und wie die Studierenden die Aufgaben zur Entwicklung eigenverantwortlicher Lösungen für typische Fragestellungen aus der Praxis bewältigen, soll an ausgewählten Beispielen aufgezeigt werden.

BI ist eines der gefragten Themen am Markt. Dies zeigt sich nicht nur am steigenden Interesse der Unternehmen, auf diesem Gebiet zu investieren, sondern auch an dem breiten Angebot von BI-Suiten, BI-Tools und BI-Lösungen. Die Hochschulen reagieren auf diesen Bedarf: sie bieten Spezialisierungen und neue Studiengänge an, die darauf ausgerichtet sind, Spezialisten auf dem BI-Gebiet auszubilden. Von den Studierenden wird solides theoretisches Wissen, aber auch ein breites Spektrum von Praxiserfahrungen verlangt, um im Job integrierte komplexe Geschäftsprozesse zu gestalten, die dabei sehr unterschiedliche Daten und Tools für Unternehmensentscheidungen nutzen. Ziel dieser Lehrveranstaltungen ist, zu erarbeiten, wie Managementaufgaben in integrierten Geschäftsprozessen durch komplexe Datenaufbereitungen und -analysen mittels BI unterstützt werden können.

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Bild 1: Vereinfachung der Prozesse durch Ersparen von 3 Schritten

Das Konzept der Lehrveranstaltung ist so aufgebaut, dass die Studierenden zwischen zwei angebotenen Kooperationen wählen können, die immer praxisorientiert gestaltet sind:

  1. Kooperation mit Unternehmen: Die Zusammenarbeit der Studierenden mit dem Unternehmen läuft nach dem Prinzip, dass der Kunde (Unternehmen) Anforderungen stellt und die Auftragnehmer (Studierenden) diese erfüllen müssen.
  2. Kooperation mit der Hochschule: Die internen Projekte wurden mit dem Ziel einer Verbesserung der Lehre initiiert.

Im Folgenden sollen ausgewählte BI-Projekte aus diesem Spannungsfeld vorgestellt werden.
Treasury Reporting in einem internationalen Konzern

In diesem Projekt sollte das Team mit zwei Studierenden einen für sie neuen Bereich mit SAP-Software anwendungsbezogen erschließen und dabei in Zusammenarbeit mit einem internationalen Konzern eine Lösung für das Treasury Reporting konzipieren und umsetzen.
Anforderungen und Umsetzung

Das Unternehmen war mit der Bereitstellung der Daten in diesem Bereich nicht mehr zufrieden. Durch die Nutzung des SAP Business Warehouse (BW) sollten die im Data Warehouse enthaltenen Daten für verschiedene Reports automatisiert, transparent und dynamisch verfügbar gemacht werden.

In der vorbereitenden Phase haben die Studierenden erarbeitet, was Treasury und Risk Management ist und wie es mit SAP-Software in der Praxis umgesetzt wird. Dazu gehören die Geldaufnahme und -anlage auf Geld- und Kapitalmärkten, die Untersuchung der Zahlungsströme sowie die Sicherung finanzieller Risiken, wie Liquiditäts- und Finanzplanungen, aber auch Währungs- und Zinsrisikomanagement. Die Mitarbeiter im Finanzbereich müssen immer mehr Informationen in immer kürzeren Zeiträumen verarbeiten und zwischen verschiedenen IT-Anwendungssystemen, Tabellenkalkulationen und Präsentationen wechseln. Diese Prozesse kennzeichnen zahlreiche Medienbrüche. Das sollte mit einer neuen BI-Lösung wesentlich verbessert werden.

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Bild 2: Landkarte der Studie

Die Anforderungen an das Ergebnis wurden in enger Zusammenarbeit mit der Fachabteilung im Konzern ermittelt. Es wurde großen Wert auf die Analyse des Ist-Zustandes sowie auf die solide Spezifikation des Ergebnisses gelegt. Im Laufe des Projektes wurden weitere Details der Systemspezifikation in kontinuierlicher Abstimmung mit dem Konzern fixiert.

Bei der Realisierung wurden mehrere SAP-Produkte einbezogen: SAP R/3 bzw. SAP ERP und SAP BI 7.x auf Basis SAP NetWeaver. Diese SAP-Systeme werden in einer dreistufigen Systemlandschaft mit Entwicklungs-, Abnahme- und Produktivsystem genutzt.

Mit SAP BW-Technologien waren Daten aus mehreren Quellsystemen zu extrahieren, InfoCubes zu erstellen sowie die Queries zu modellieren. Abschließend waren die erzeugten Berichte in das Firmenportal zu integrieren. Es wurde dabei die Möglichkeit geschaffen, die Reports bei jedem Portalaufruf mit den aktuellen Daten des InfoCubes dynamisch zu generieren. Mit dem cundus BI Publisher, einem PowerPoint Add-In, wurden PowerPoint-Objekte mit Datenquellen und allen gängigen Datenbanken verknüpft, so dass das Aktualisieren einer Präsentation per Knopfdruck erfolgen kann.
Ergebnisse

In diesem BI-Projekt im internationalen Konzern wurden mit solidem Konzept und solider Realisierung die Geschäftsprozesse transparenter, schneller und ohne Medienbrüche auf Basis von BI-Technologien umgesetzt (Bild 1).

Die Mitarbeiter haben damit mehr Zeit für die Interpretation der aufbereiteten Ergebnisse. Dieses BI-Projekt mit einem Praxispartner verdeutlicht die Potentiale dieser Zusammenarbeit von Hochschule und Praxispartner.
Fallstudie als Grundlage der BI-Ausbildung

Das folgende Beispiel soll die Möglichkeiten interner BI-Projekte an der Hochschule aufzeigen. Für die Hochschulausbildung bieten die SAP University Competence Center (UCC) Fallstudien an, u.a. eine auf Basis des SAP BW für den Vertrieb. Diese Fallstudie weist in der Dokumentation und Handhabung Einschränkungen auf. Ein Team von drei Studierenden hat diese SAP UCC Fallstudie durch webbasierte Lösungen, die an die jeweilige Hochschulausbildung leicht angepasst werden können, qualitativ weiterentwickelt.
Generelle Anforderungen und Umsetzung

Generell sollte die SAP UCC Fallstudie zunächst an die Hochschulinfrastruktur angepasst werden. Für die User sollten die Funktionalitäten eindeutiger und die Benutzbarkeit der Anleitungen wesentlich verbessert werden. Eine hohe Komplexität und ein hoher Schwierigkeitsgrad sind mit dieser Aufgabe verbunden.

In diesem Projekt waren nicht nur die erforderlichen Inhalte der Fallstudie anzupassen, sondern auch zu ermitteln, wie und in welcher Form die Informationen den Usern zur Verfügung gestellt werden müssen.

Die Prozesse der Fallstudie reichen von einer Auseinandersetzung mit den Ausgangsdaten, über die Modellierung, dem Anlegen und Füllen der InfoCubes bis hin zur Erstellung von Queries und eines Management Cockpits. Alle notwendigen Schritte vom Anlegen der Merkmale und Kennziffern bis zur Präsentation der Daten beschreiben die erzeugten Übungen. Durch eine detaillierte dokumentierte Verfahrensweise im Web in Verbindung mit Videos und anpassbaren schriftlichen Anleitungen in Kurz- und Langfassungen für Studierende und Lehrende wird eine wesentliche Verbesserung der Nutzung dieser Fallstudie erreicht.

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Bild 3: Ablaufplan

Für die Studierenden, die mit diesem Thema in Berührung kommen, erscheint das SAP BW sehr komplex und unübersichtlich. Daher wurde für das bessere Verständnis der Fallstudie eine Landkarte (Bild 2) erzeugt, die dem Nutzer die aktuelle Position, die durchzuführenden Arbeiten sowie die weiteren Schritte (Bild 3) zeigt.

Dabei werden folgende prinzipiellen Schritte als Kernprozess umgesetzt:

Aus methodisch-didaktischer Sicht ist die Fallstudie in verschiedenen Schwierigkeitsgraden erstellt worden. Die Aufteilung erfolgte in:

a)     Studenten, die für einen hohen Lerneffekt neben Texten zusätzliche Illustrationen benötigen

b)     Studenten, die für einen hohen Lerneffekt eher selbständig mit Hilfe von Texten das Ziel erreichen möchten.

Die Individualisierbarkeit sollte nicht nur der Zeitersparnis dienen, sondern auch die Studierenden fördern und motivieren.
Ergebnis

Die jetzt webbasierte BI-Fallstudie wurde den Studierenden der nachfolgenden Semester über das Lernportal zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse wurden auch den SAP UCC für andere Hochschulen übergeben. Erste Feedbacks von diesen Hochschulen, die diese Ergebnisse bereits eingesetzt haben, bestätigen die Erfahrungen der HTW.

Mit den Ergebnissen dieses Projekts ist auch das Potential entstanden, weitere Fallstudien entsprechend zu erstellen und sie in der Lehre einzusetzen.
Bewertung

Mittlerweile wurden bereits fünf Semester im Masterstudiengang Wirtschaftsinformatik im Profil Data-Warehouse-Spezialist ausgebildet. Diese Methodik, projektorientiert in der Hochausbildung zu arbeiten, stellt für Studierende, Lehrende und Praxispartner neue Herausforderungen. Die Studierenden müssen innerhalb kürzester Zeit selbständig das komplexe Thema BI verstehen, um die gestellten Anforderungen zu erfüllen und auftretende Probleme in Griff zu bekommen. Eine hohe Eigeninitiative und Selbstorganisation wird gefordert. Dank der sehr engen Zusammenarbeit mit erfahrenen Mitarbeitern beim Projektpartner und mit dem betreuenden Professor wurden auftretende Probleme rechtzeitig behoben, so dass alle BI-Projekte erfolgreich abgeschlossen werden konnten. Eine fundierte Hochschulausbildung wird so durch praxisorientierte und übergreifende Verknüpfung wissenschaftlicher Themenbereiche gesichert. Die Arbeitsmarktchancen der Absolventen verbessern sich durch diese BI-Projektarbeit erheblich.


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