ERP-Technologie, Business Intelligence (BI)

Mobile Business Intelligence

Lesedauer:  7 Minuten
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Der mobile Zugriff auf Daten und Analysen gehört zu einer der wesentlichen Anforderungen an Informationssysteme. Das mobile Business Intelligence (BI) soll dazu beitragen, Entscheidungen unabhängig von Ort und Zeit zu treffen. Aufgrund der technischen und funktionalen Weiterentwicklung mobiler Endgeräte in den letzten Jahren sind auch die Funktionen und die Performance mobiler BI-Lösungen gestiegen. Der Beitrag zeigt die technischen Grundlagen von mobile BI auf und erörtert die Vor- und Nachteile der Realisierungsformen. Ein Überblick von Anwendungsbeispielen soll die Nutzenpotenziale von mobile BI verdeutlichen. Immer mehr Daten stehen den Entscheidern in Unternehmen in unterschiedlich aggregierter Form zur Verfügung. Dabei ist es zunehmend wichtig, diese in Echtzeit und mobil abzurufen. Smartphones und Tablet-PCs können zur Erfüllung dieser Anforderungen beitragen. Dabei müssen die Vorteile, die diese Geräte mit sich bringen, auch nutzbringend eingesetzt werden. Denn die Darstellungsmöglichkeiten sind bei mobilen Geräten begrenzt oder bringen auf der Grundlage der Multi-Touch-Technologie neue Funktionen daher. Es gilt, relevante Informationen zu verdichten und unter Verwendung der neuen Möglichkeiten neu aufzubereiten.
Insbesondere das mobile Business Intelligence (mobile BI) befasst sich mit dem Zugang zu der Visualisierung von geschäftlichen Daten auf mobilen Geräten. Ziel von mobile BI ist es, die Entscheidungsunterstützung zu verbessern, Zeit zu sparen und die Kundenzufriedenheit zu steigern.

Technische Herausforderungen
Mobile BI lässt sich als integrierter Bestandteil oder Ergänzung existierender BI-Architekturen verstehen. Dabei ist zunächst die Art des Zugriffs auf den zentralen Datenbestand (Data Warehouse) zu betrachten. Die Verbindung mobiler Geräte durch Wi-Fi oder mobiles Internet erweist sich heute als Standard. Dabei ist die Art der gewünschten Informationen ausschlaggebend für die Performanceanforderungen an die Internetverbindung. Während sich eine Suche über Google auch mit einer schlechten Verbindung realisieren lässt, erfordern das Abrufen von Videos oder die Internettelefonie wesentlich höhere Bandbreiten. Hinzu kommt, dass freies WLAN in Deutschland immer noch zur Ausnahme gehört. Ferner sind typische Internetverträge für Smartphones und Tablets oftmals mit einer Drosselung versehen. Weiterhin sind Szenarien während der dienstlichen Mobilität zu berücksichtigen. Der eingeschränkte Netzzugriff während Zugfahrten gehört dabei ebenso zu den Ärgernissen von Dienstreisenden, wie die unzureichende Versorgung mit schnellem Internet im ländlichen Raum. Hinzu kommt die völlige Abschottung vom Internet während Flugreisen, die eigentlich genügend Zeit für den Check wichtiger Geschäftsinformationen und Reports bieten. Ein Online-Zugriff auf Datenbestände scheint demnach mit Problemen verbunden. Um diesen entgegenzuwirken, bietet sich eine Offline-Lösung an. Die Datenhaltung und die damit verbundenen Funktionen werden direkt auf dem Endgerät realisiert. Somit stellt diese Variante die höchsten Anforderungen an das Gerät hinsichtlich Prozessorleistung und Speicherkapazität. Aufgrund dieser Einschränkungen sind Datenbestände und Funktionen begrenzt. Für Szenarien, die einen höheren Funktionsumfang und eine laufende Synchronisation erfordern, empfiehlt sich daher eine Online-Lösung unter Berücksichtigung der erörterten Einschränkungen der Bandbreite. Eine Datenhaltung und -verarbeitung auf dem mobilen Endgerät ist nicht erforderlich und findet im herkömmlichen stationären BI-Backend statt. Als Kompromiss zwischen diesen beiden Formen werden auch hybride Lösungen realisiert, die die Vorteile beider Varianten vereinigen. Eine Online-Anbindung wird hierbei berücksichtigt. Die lokale Datenhaltung auf dem Endgerät beschränkt sich jedoch auf ausgewählte abgefragte Datenbestände [1].
Tabelle 1 fasst die Anbindungsmöglichkeiten zusammen.

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Tabelle 1: Anbindung mobiler Endgeräte an das BI-System.

Zweifelsohne bringen alle Varianten Überlegungen hinsichtlich der Datensicherheit mit sich. Lösungen, die auf einer Online-Anbindung basieren, erfordern umfangreichere Anforderungen bei der Verschlüsselung und eine sichere Internetverbindung. Für die Offline-Szenarien bzw. einer teilweisen Speicherung von persistenten Datenbeständen ist ein Verlust des Geräts ein erhebliches Sicherheitsrisiko, wenn dieses umfangreiche sensible Datenbestände enthält. Eine Remote-Sperre und Löschung der Daten sollte deshalb nach Verlust des Geräts durchführbar sein. So bietet Android sowohl die Ortung des Gerätes als auch die Sperrung oder Löschung der darauf befindlichen Daten [2]. Auch Apple gewährt diese Funktionen, wobei sich die Daten bei Nutzung von iCloud Backup sogar wieder herstellen lassen [3].

Mobile Endgeräte sind leicht und handlich, allerdings weniger leistungsfähig als stationäre PCs. Außerdem unterscheidet sich die Steuerung, da mobile Endgeräte nicht über Tastatur und Maus verfügen, sondern über Touchscreen und Sprachsteuerung. Kleinere Displays erfordern Überlegungen bei der Informationsauswahl und -präsentation. Während beispielsweise das iPad Air noch über ein 24,6 cm großes Display verfügt, sind es beim iPhone 6 lediglich 11,9 cm. Ein für das Tablet zugeschnittenes Dashboard müsste demzufolge auf einem Smartphone mit 48 % des Platzes auskommen. Eine Herunterskalierung und damit eine kleinere Darstellung derselben Inhalte führt zu einer optisch nicht befriedigenden Lösung für den Nutzer. In welcher Form die Darstellung von Informationen tatsächlich realisiert wird, hängt von der Auswahl der Anwendungssoftware ab.

Native App und Web App
Native Apps sind Anwendungsprogramme für mobile Endgeräte. Ihre Installation erfolgt direkt auf dem mobilen Gerät und die Entwicklung für ein bestimmtes Betriebssystem gewährleistet eine sichere Hardwareanbindung, wie bspw. von GPS-Sensor oder Kamera. Daraus resultiert ein wesentlicher Vorteil der nativen App dahingehend, dass die Funktionen und Darstellungen der mobilen BI-Lösung bestmöglich an das Endgerät angepasst sind. Die Nutzung einer nativen App erfolgt nicht zwangsläufig über eine ständige Internetverbindung im Online-Modus, vielmehr erweist sich ein Offline-Szenario als denkbar. Das Erfordernis spezieller Ausführungen für unterschiedliche Betriebssysteme muss bei nativen Apps allerdings als negativ bewertet werden. Als Alternative stehen Web Apps zur Verfügung, die (im Gegensatz zu nativen Apps) nicht auf einer Programmiersprache, sondern auf HTML als gebräuchliche „Browser-Sprache“ basieren. Damit erfolgt eine Nutzung ohne Herunterladen und Installieren von Software unmittelbar über den Browser. Als Endgeräte kommen hier nicht nur Smartphones und Tablets, sondern auch herkömmliche PCs in Betracht. Als nachteilig wirkt sich aus, dass diese HTML-Anwendungen nicht wie native Apps auf das Endgerät zugeschnitten sind und sich daher die verschiedenen Bedienungskonzepte mobiler Geräte nicht vollumfänglich verwenden lassen. Einen Kompromiss, um die Vorteile beider Varianten zu nutzen, bietet das Responsive Design. Die Visualisierung soll an jedes mobile oder stationäre Gerät sowie an beliebige Bildschirmgrößen angepasst sein [4]. Bild 1 zeigt schemenhaft die Anpassung von Dashboards.

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Bild 1: Responsive Design auf unterschiedlichen Displaygrößen.

Der Anwender bekommt so den Eindruck, eine native App zu verwenden, obwohl lediglich die Betrachtung einer Website erfolgt. Dadurch, dass sich das Erscheinungsbild der Anwendung an einer nativen App orientiert, stellt sich hierbei eine App-ähnliche Erfahrung ein. Allerdings erfordert diese Lösung eine Internet-Verbindung, da die Realisierung als Online- oder Hybrid-Lösung erfolgen muss.

Anwendungspraxis
BI dient der Entscheidungsvorbereitung und -findung anhand der Analyse von Unternehmensdaten. Mobile BI unterstützt dabei die Anwender unabhängig von Zeit und Ort durch eine Visualisierung von betriebswirtschaftlichem Datenmaterial, insbesondere durch die Darstellung von Kennzahlen. Dabei geht es nicht darum, vorhandene Reports (bpsw. als PDF-Dokumente) mobil bereitzustellen, sondern grundlegende Funktionen wie Drill-Down und Roll-Up zu integrieren, die sich durch Fingerbewegungen auf dem Tablet oder Smartphone sehr gut verwenden lassen.

Bei der Ausgestaltung ist auch der Anwenderkreis der mobile BI-Lösung zu berücksichtigen, da Mitarbeiter aus unterschiedlichen Abteilungen und Hierarchiestufen auch mit voneinander abweichenden Entscheidungsbefugnissen sowie mit divergenten technischen Vorkenntnissen ausgestattet sind [5]. Insbesondere in Projektorganisationen mit großen Teams und unterschiedlichen Fachdomänen erweisen sich die Unterschiede als offenkundig. So sind die Darstellungen und Funktionen auf die einzelnen Benutzergruppen, wie Außendienstmitarbeiter, interne Projektmitarbeiter, Supervisor, Field Manager oder auch externe Gruppen, wie Auftraggeber, anzupassen.

Jedem kundenorientierten Unternehmen stellt sich die Frage, wie sich die Kundenzufriedenheit steigern lässt. Wie eingangs erwähnt, kann mobile BI auch zu diesem Ziel beitragen. So unterstützen mobile Dashboards den Vertrieb beim Kundenkontakt vor Ort. Außendienstmitarbeiter greifen während des Kundengesprächs auf Kundenprofile zu und rufen im Falle einer Online-Anbindung auch bedarfsgerecht aktuelle Informationen ab, um unmittelbar auf Kundenbedürfnisse zu reagieren. Zur Unterstützung des Verkaufsgesprächs lassen sich interaktiv Grafiken und Analysen präsentieren, um Cross-Selling-Potenziale direkt zu überprüfen oder flexibel Konditionen, Boni und Rabatte vor Ort anzubieten.


Literatur

[1] Geiss, O.: Herausforderung Mobile BI. Integration in bestehende BI-Landschaften. In: BI-Spektrum 2012 (1), S. 6 – 12.
[2] k. A.: Android Geräte-Manager aktivieren oder deaktivieren. https://support.google.com/accounts/answer/3265955?hl=de, 16.06.2015.
[3] k. A.: iPhone, iPad und Mac suchen. https://www.apple.com/de/icloud/find-my-iphone.html, 16.06.2015.
[4] Martin, M.: Mobile-BI – Responsive Design macht App-Entwicklung produktiver. In: Computerwoche 20.03.2014, http://www.computerwoche.de/a/mobile-bi-responsive-design-macht-app-entwicklung-produktiver,2556132, 12.06.2015.
[5] Martens, T.: Business Intelligence to go. Der mobile Weg ist gangbar. In: BI-Spektrum 2013 (5), S. 20 – 22.

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