ERP-Betrieb

SAP-Ausbildung

Digitalisierung und Pandemie als Herausforderung
Lesedauer:  7 Minuten
© Pixabay / geralt
© Pixabay / geralt

Unternehmen und Unternehmens-IT stehen im Zeitalter der Digitalisierung vor großen Umbrüchen. Geschäftsprozesse und die eingesetzten IT-Systemlandschaften verändern sich im schnellen Takt, teilweise werden erprobte Geschäftsmodelle disruptiv durch völlig neue Technologien ergänzt oder gar ersetzt. Dieses schnelllebige Umfeld erfordert eine intensive und qualitativ hochwertige Ausbildung der Mitarbeiter. Präsenzschulungen sind in Zeiten der Corona-Pandemie aber schwer zu realisieren. Wie eine praxisnahe und Fallstudien-basierte Ausbildung im ERP-Kontext trotzdem möglich ist, zeigt das E-Learning-basierte Programm erp4students der Technischen Hochschule Brandenburg am Beispiel von 13 Modulen im Umfeld neuester SAP-Technologien.

Eine klassische akademische Ausbildung, so bemängelt die Wirtschaft häufig, bereitet Teilnehmer zu wenig auf reale Problem- und Aufgabenstellungen der Berufspraxis vor; zu häufig stehen die Vermittlung von Theorie- und Methodenwissen im Vordergrund. Wissen, das für sich alleine betrachtet wenig bei der Lösung von konkreten Problemen am Arbeitsplatz hilft: Dort ist praktische Kompetenz verlangt.

Das erp4students-Programm [1] zielt auf die Kompetenzentwicklung der Lernenden im ERP-Bereich ab, indem die Teilnehmer Fallstudien-basiert mit selbstständig zu lösenden Problemstellungen konfrontiert werden. Dabei ist die Motivierung der Lernenden zur regelmäßigen Reflexion der Erfahrungen aus dem praktischen Umgang mit dem Thema ein zentraler Aspekt. Durch dieses selbstgesteuerte, situative Lernen wirkt das Erlernte nachhaltig, da es den Erwerb von abstrahiertem Wissen fördert. Abstrahiertes Wissen kann besonders durch didaktisch gut aufbereitete und Fallstudien-basierte E-Learning-Veranstaltungen vermittelt werden. Inhaltlich orientieren sich die praktischen Übungen des erp4students-Programms aufgrund der Nachfragesituation an aktuellen SAP-Technologien. 

Konzept

Zu Beginn eines Kurses erhält der Lernende per E-Mail die Zugangsdaten zu einem Lernmanagementsystem (LMS), einem SAP-System und den Kontaktdaten eines Tutors. 

franz 1
Bild 1: Komponenten der Lernumgebung.

Der Lernende steht wie in Bild 1 dargestellt im Zentrum der Lernarchitektur und lädt aus dem LMS die Kursunterlagen herunter. Gleichzeitig bietet das LMS mehrere Foren an, in denen der Austausch und Diskussionen von Lernenden gefördert werden sollen. Der Teilnehmer kann entsprechende Foren abonnieren.

Um dem Lernenden eine maximale Flexibilität zu bieten, bekommt er ca. 4 Monate Zeit für die Bearbeitung eines Kurses, welches ein Volumen von 20 Tagen (Vollzeit 8h/Tag) hat. In diesen 4 Monaten bestimmt der Lernende selbst darüber, wann und von wo er lernen möchte; über die gesamte Kurslaufzeit steht ein Tutor an 7 Tagen/Woche zur Verfügung, die Systeme stehen 24h/Tag jederzeit zur Verfügung. 

Der Lernende beginnt zunächst mit dem ersten Kursabschnitt und arbeitet im Selbststudium das erste Teilkapitel Theorie durch, um dann direkt mit der Bearbeitung der Teilfallstudie im SAP-System zu beginnen. Dabei wendet der Teilnehmer die zuvor erlernte Theorie an, um im SAP-System realitätsnahe Problemstellungen selbstständig zu lösen. Anschließend arbeitet er das nächste Teilkapitel Theorie durch, um dann wieder den nächsten Schritt in der Fallstudie machen zu können. Der Lernende kann so in einzelnen Schritten und mit engem Bezug zur erlernten Theorie die Fallstudien lösen, die praxisnah zu realen Geschäftsprozessen designt sind. Dabei arbeitet der Lernende ca. 50 bis 60 Stunden pro Kurs live am SAP-System, um die Fallstudie zu lösen (exkl. der Zeit für das Erlernen der Theorie).

Während der kompletten Kurslaufzeit werden die Aktivitäten des Lernenden durch einen Tutor begleitet, so dass im Fall von Fragen oder Problemen der Tutor dem Lernenden individuelle Erläuterungen bzw. Hinweise geben kann, wie der Lernende selbstständig zur Lösungsfindung kommt [2]. Dabei muss der Tutor auf der einen Seite sicherstellen, dass die Antwortzeiten angemessen kurz sind (auch an Wochenenden), so dass keine Frustration bei den Lernenden entsteht, aber andererseits lang genug sind, um die Lernenden zu motivieren, sich zunächst mit der Problemstellung eingehend selbst zu beschäftigen und zu versuchen, das Problem selbständig zu lösen. Auf Grund der internationalen Ausrichtung des erp4students-Programms ist es des Weiteren Aufgabe des Tutors, bei der Antwortgestaltung nicht nur auf die inhaltliche Fragestellung des Lernenden – unter Berücksichtigung des bisherigen Fortschritts im Kurs – einzugehen, sondern auch bei der Antwort mögliche kulturelle Hintergründe des Teilnehmers zu berücksichtigen. [3,4,5]

Ein Kurs ist bestanden, wenn der Lernende alle Fallstudien des Kurses innerhalb der Kurslaufzeit von ca. 4 Monaten erfolgreich löst. Für den erfolgreichen Abschluss jeden Kurses wird ein Hochschulzertifikat der Technischen Hochschule Brandenburg ausgestellt, und für einige Kurse wird zusätzlich auch die Teilnahme an offiziellen Zertifizierungsprüfungen der SAP SE angeboten, ohne dass die Teilnehmer die Präsenzschulungen dieses Anbieters besuchen müssen. 

Zahlen und Erfahrungen

Das Kurs-Programm besteht aktuell aus 13 Kursen, von denen 9 nicht nur in Deutsch, sondern auch in Englisch angeboten werden. Aktuell werden alle Kurse zweimal im Jahr (Mai – September sowie November – März) in über 100 Ländern aus den Regionen EMEA (Europe, Middle East and Africa) und Amerikas (Nord- und Südamerika) angeboten. Die Hauptzielgruppe sind Wirtschaftswissenschaftler, Wirtschaftsinformatiker, Informatiker sowie Ingenieure.

Das Programm startete im April 2006 [2,6] mit 63 Teilnehmern und hat heute ca. 4.500 Teilnehmer pro Jahr. Dies zeigt, dass dieses Lernformat gut skalierbar ist.

In den vergangenen fast 15 Jahren wurden ca. 50.000 Teilnehmer ausgebildet. Den weitaus größten Anteil an den Anmeldungen (ca. 80 %) machen Teilnehmer aus der Region DACH aus, wobei ca. 15 % der DACH-Teilnehmer die Kurse auf Englisch belegen. Es folgen die Regionen EU ohne DACH (ca. 10 %), zu dem auch Austauschgruppen aus China, Indien sowie Nigeria gehören, und Saudi-Arabien (ca. 5 %). 

Eine Weiterempfehlungsquote von ca. 90 % zeigt die hohe Zufriedenheit der Teilnehmer mit dem Lernangebot. Weiterhin zeigen sich die positiven Lernerfahrungen auch im Besuch von mehreren Modulen.

Während global die Hälfte der Teilnehmer den Einsteigerkurs zu SAP S/4HANA belegt, ist der Anteil des Einsteigerkurses bei den deutschsprachigen Teilnehmern bei ca. 40 %, gefolgt von ABAP-Programmierung, Controlling, Finanzbuchhaltung, Customizing, Business Warehouse und Produktionsplanung und -steuerung (PPS). Die genaue Aufteilung der Teilnehmer auf die verschiedenen Themengebiete ist in Bild 2 dargestellt.

franz 2
Bild 2: Thematische Verteilung der deutschsprachigen Teilnehmer auf die Kurse.

Die letzten 15 Jahre haben gezeigt, dass die anfängliche Hoffnung, die Kursteilnehmer zu gemeinsamen Diskussionen über Foren zu bewegen, sich nicht erfüllt hat. Die größte Hürde stellt hierbei die Sorge der Teilnehmer da, sich selbst durch einen Beitrag im Kursforum vor den anderen Kursteilnehmern bloßzustellen. Dies ist um so mehr der Fall, je weiter der deutschsprachige Kulturraum verlassen wird [3]. Daher wird bei Problemen oder Fragestellungen in über 80 % der Fälle der Tutor direkt per E-Mail kontaktiert. Die Foren werden somit in erster Linie vom Tutor zum anonymen Posten von Anfragen, die auch andere interessieren könnten, genutzt.

Diese Konzentration auf den Tutor setzt bei einem Fallstudien-basierten Konzept hohe Anforderungen an die Organisation und die Qualität der tutoriellen Betreuung, insb. unter Berücksichtigung der zeitlichen Flexibilität der Kursteilnehmer, die zu Peak-Bildungen in der Zeit von Freitagabend bis Sonntagabend (>50 % der Anfragen) sowie den letzten drei Kurswochen führen. 

Der Erfolg der speziell auf das E-Learning designten Kursunterlagen sowie der individuellen Betreuung der Kursteilnehmer durch erfahrene Tutoren zeigt sich in den Erfolgsquoten der Kurse, dargestellt in Bild 3. Diese liegen unter Berücksichtigung der Nicht-Teilnehmer, also der Personen, die zwar einen Kurs buchen, diesen aber überhaupt nicht bearbeiten, bei bis zu 83 %. Die hohe Nicht-Teilnehmerquote beim Thema ABAP resultiert aus der Tatsache, dass die Teilnehmer sich überschätzen und beide ABAP-Kurse (Einsteigerkurs und Fortgeschrittenenkurs) parallel belegen, so dass für den zweiten Kurs häufig die Zeit nicht mehr ausreicht. 

franz 3
Bild 3: Erfolgsquoten der Teilnehmer nach Themengebieten.

Fazit

Die umfangreichen praktischen Arbeiten während der Kurslaufzeit in einem realen ERP-System anhand typischer Geschäftsprozesse in Kombination mit dem theoretischen Hintergrundwissen, der individuellen Betreuung durch Tutoren zur selbstständigen Lösungsfindung sowie der Austausch mit anderen Teilnehmern fördert die Kompetenzentwicklung und sichert die Qualität dieser Lernform. Das
erp4students-Programm bringt so qualifizierte und gut ausgebildete Fachkräfte auf den Markt und bereitet die Teilnehmer angemessen auf tatsächliche Fragestellungen des Berufslebens vor. Gerade in der schnelllebigen Welt der Unternehmens-IT kann durch das digitale Format dabei gewährleistet werden, dass die Teilnehmer immer auf dem aktuellen Stand der technischen Entwicklung sind und die Ausbildung flexibel in ihr Leben integrieren können.

https://doi.org/10.30844/ERP_20-4_53-55


Literatur

[:de][1] Webseite des Programms:
www.erp4students.org
[2] Richter, T., Adelsberger, H.H., Khatami, P. (2016). MOOCs in POM education. Proceedings of the POMS 27th Annual Conference, 2016, Orlando
[3] Richter, T., Adelsberger, H.H. (2016). Learners’ Cultures in the Context of Education. In: Zvacek, S., Restivo, M.T., Uhomoibhi, J., & Helfert, M. (Eds.), Communications in Computer and Information Science: CSEDU 2015 – Revised Selected Best Papers, Springer, Heidelberg, 2016
[4] Richter, T., Adelsberger, H.H., Katami, P., & Katami, T. (2016). ERP4Students: Introducing a Best Practice Example for Vocational Training in Universities. In: Lecture Notes in Information Systems and Organization (ERP-Future Conference 2015, Munich, Germany). 2016
[5] Adelsberger, H.H., Khatami, P., Khatami, T. (2013). erp4students – Intelligent gesteuerte SAP-Online-Kurse. In: Best-Practice-Studie Intelligente Netze – Beispielhafte IKTProjekte in den Bereichen Bildung, Energie, Gesundheit, Verkehr und Verwaltung. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Berlin, Dezember 2013.
[6] Adelsberger, H.H., Khatami, P., Khatami, T., & Richter, T. (2015). Internet-based SAP courses in the context of Higher Education: “erp4students”. In: Chova, G.L., Martinez, L.A., & Torres, C.I. (Eds.), Proceedings of the 8th International Conference on Education, Research and Innovation, ICERI 2015 (Sevilla), International Association of Technology, Education and Development (IATED), Barcelona, pp. 3516 – 3524.[:en][1] Webseite des Programms:
www.erp4students.org
[2] Richter, T., Adelsberger, H.H., Khatami, P. (2016). MOOCs in POM education. Proceedings of the POMS 27th Annual Conference, 2016, Orlando
[3] Richter, T., Adelsberger, H.H. (2016). Learners’ Cultures in the Context of Education. In: Zvacek, S., Restivo, M.T., Uhomoibhi, J., & Helfert, M. (Eds.), Communications in Computer and Information Science: CSEDU 2015 – Revised Selected Best Papers, Springer, Heidelberg, 2016
[4] Richter, T., Adelsberger, H.H., Katami, P., & Katami, T. (2016). ERP4Students: Introducing a Best Practice Example for Vocational Training in Universities. In: Lecture Notes in Information Systems and Organization (ERP-Future Conference 2015, Munich, Germany). 2016
[5] Adelsberger, H.H., Khatami, P., Khatami, T. (2013). erp4students – Intelligent gesteuerte SAP-Online-Kurse. In: Best-Practice-Studie Intelligente Netze – Beispielhafte IKTProjekte in den Bereichen Bildung, Energie, Gesundheit, Verkehr und Verwaltung. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Berlin, Dezember 2013.
[6] Adelsberger, H.H., Khatami, P., Khatami, T., & Richter, T. (2015). Internet-based SAP courses in the context of Higher Education: “erp4students”. In: Chova, G.L., Martinez, L.A., & Torres, C.I. (Eds.), Proceedings of the 8th International Conference on Education, Research and Innovation, ICERI 2015 (Sevilla), International Association of Technology, Education and Development (IATED), Barcelona, pp. 3516 – 3524.[:]

Das könnte Sie auch interessieren

Adaptive Service Level Agreements

Adaptive Service Level Agreements

Wie flexible Verträge Innovation ermöglichen und welche Risiken sie bergen
Klassische SLAs sichern Stabilität –doch genau das macht sie oft zur Innovationsbremse. Anpassungen werden aufgeschoben, Chancen bleiben ungenutzt. Wie lassen sich Verträge so gestalten, dass Veränderung nicht stört, sondern systematisch ermöglicht wird? Der Beitrag zeigt, wie adaptive SLAs als „Living Contract“funktionieren und Innovation schon während der Laufzeit fördern –praxisnah und direkt umsetzbar für IT- und ERP-Verantwortliche.
Zehn ERP-Praktiker über Projekterfolg

Zehn ERP-Praktiker über Projekterfolg

Was in Auswahl, Implementierung und Betrieb wirklich zählt
ERP-Projekte scheitern selten an der Software selbst, sondern an unklaren Prozessen, fehlender Vorbereitung und mangelnder organisatorischer Einbindung. Zehn erfahrene ERP-Praktiker aus Deutschland und der Schweiz berichten aus ihrer Projektpraxis und zeigen, welche Faktoren bei Auswahl, Einführung und Betrieb von ERP-Systemen wirklich entscheidend sind – von der oft unterschätzten Phase Null bis zur realistischen Einordnung von KI.
Von ERP bis Non-ERP: fünf Reifegrade beim KI-Einsatz

Von ERP bis Non-ERP: fünf Reifegrade beim KI-Einsatz

Warum KI-Agenten das alte ERP-Paradigma radikal verändern
sponsored
ERP-Systeme waren lange reine Verwaltungssoftware im Hintergrund. Mit agentischer KI ändert sich das grundlegend: Aus einem System of Record wird ein System of Action, das Prozesse aktiv steuert und Entscheidungen unterstützt. Der Artikel zeigt, wie Agentic AI ERP Unternehmen produktiver macht, Kosten senkt und neue Wettbewerbsvorteile schafft –und warum Führungskräfte dieses Thema jetzt im Blick haben sollten.
Die Zukunft der ERP-Systeme

Die Zukunft der ERP-Systeme

Strategisch statt operativ: ERP etabliert sich als Top-Management-Thema
ERP ist längst Chefsache. Wer es weiterhin als reines IT-Thema einordnet, unterschätzt seinen strategischen Hebel. Vorausschauende Unternehmen verankern ERP-Kompetenz in ihrer Governance und nutzen sie als Wettbewerbsvorteil. Moderne ERP-Systeme entwickeln sich zu intelligenten, offenen Architekturen –getrieben von Cloud, KI und Automatisierung. Das verlangt von der Unternehmensführung ein tiefes Verständnis von ERP.
Grenzenlos stark im DACH-Markt

Grenzenlos stark im DACH-Markt

ERP-Systeme als Treiber für Effizienz
Die DACH-Region stellt Unternehmen vor besondere Herausforderungen, wie Lieferengpässe, Nachfrageschwankungen und grenzüberschreitende Regularien erfordern flexible Strukturen. Moderne ERP-Systeme bieten modulare Lösungen, die Produktion, Finanzen und Vertrieb standortübergreifend vernetzen, Prozesse optimieren und Transparenz für schnelle Entscheidungen schaffen. Sie ermöglichen eine werksübergreifende Planung. 
Raus aus der Krise mit dem richtigen ERP-Management

Raus aus der Krise mit dem richtigen ERP-Management

Warum Unternehmen trotz guter ERP-Systeme an Handlungsfähigkeit verlieren
ERP-Systeme wurden ursprünglich eingeführt, um mehr zu leisten als die reine Abbildung von Geschäftsprozessen. Sie sollten Transparenz schaffen, Zusammenhänge sichtbar machen und Unternehmen in die Lage versetzen, fundierte Entscheidungen auf einer einheitlichen Datenbasis zu treffen. In der Praxis zeigt sich jedoch zunehmend, dass diese wichtigen Gestaltungshebel nicht oder nur ungenügend genutzt werden.