Digitalisierung

Folge 4: Architekturfragen lösen

Lesedauer:  3 Minuten
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Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Norbert Gronau ist Inhaber des Lehrstuhls für Prozesse und Systeme an der Universität Potsdam. Er ist häufiger Key- note Speaker und Gründer der auf Trusted Advisory spezialisierten Potsdam Consulting Advisory GmbH. Zu seinen Kunden zählen Familienunternehmen wie Bahlsen und die Meyer Werft, Konzerne wie Universal Music, Daimler und Lufthansa Technik sowie öffentliche Einrichtungen wie die Landeshauptstadt München und das Land Niedersachsen. Er hat Bücher zu Geschäftsprozessmanagement, ERP und Wissensmanagement verfasst und ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften ACATECH. E-Mail advisor@potsdam-consulting.de

Bei großen Reorganisations- und IT-Projekten werden häufig auch Fragen der Software und Anwendungssystemarchitektur entschieden. Diese Kolumne benennt einige davon und schildert Lösungsverfahren unter Zuhilfenahme eines Trusted Advisors.

Architekturfragen treten häufig erst während eines Projektes auf und müssen dann relativ schnell geklärt werden, um den Zeitplan der Zielerreichung nicht zu gefährden. Ein Beispiel dafür ist die zusätzliche Einführung einer „Add-on-Software“, weil mit dem ursprünglich ausgewählten Informationssystem die funktionalen Anforderungen nicht vollständig erfüllt werden können. Ein weiteres Beispiel ist die notwendige Datenablage einer Eigenentwicklung.

Entscheidungen über die Architektur sind wohlüberlegt zu treffen. Keinesfalls darf nur das schnelle Weiterkommen im Projekt im Vordergrund stehen. Relevant erscheinen mir vor allem diese Aspekte: 

  • Was ist überhaupt eine Architekturfrage?
  • Wo wird über Architekturfragen entschieden?
  • Welche Richtlinien sollten bei der Entscheidung zugrunde gelegt werden?
  • Die Entscheidung betrifft mehrere Projekte und deren Systeme. Dabei kann es um Funktionen, Daten oder Prozesse gehen. 
  • Auswahlentscheidungen über Software mit verbleibender technologischer Unsicherheit sowie Entscheidungen über außerplanmäßige Technologien, die als Zwischenlösungen vorgesehen sind, berühren Architekturfragen.
  • Ebenso sind ein hybrider Betrieb von alter und neuer Software, der Einsatz einer nicht mehr offiziell vom Hersteller unterstützten Technologie oder ein Querschnittsthema mit übergreifenden Auswirkungen auf Prozesse oder Projekte ein Architekturthema.

Über diese Architekturfragen sollte ein Gremium entscheiden, das speziell mit Kompetenzen für dieses Thema ausgerüstet ist. Neben dem Business, der IT, einem Vertreter des Projektes (Projektleiter oder Programmmanager) sollte ein Architekturspezialist dabei sein. In meinen Projekten begleite ich das sogenannte Architectural Review Board (ARB) ebenfalls mit meiner Erfahrung. Entscheidungen in Architekturfragen sollten getroffen werden, wenn folgende Fragestellungen aufkommen:

In welche Richtung sollte nun entschieden werden? Dies ist pauschal sehr schwer zu beantworten. Dennoch möchte ich hier einige Leitlinien aus meiner Erfahrung einbringen:

  • Es ist auf strukturelle Analogien zwischen der Organisation und dem eingesetzten Informationssystem zu achten.
  • Dezentrale Funktionen können mit dezentralen Systemen bedient werden, zentrale Funktionen benötigen zentrale Systeme.
  • Schnittstellen sind nicht um jeden Preis zu vermeiden. Gelingt es, die Schnittstellen zwischen zwei Systemen konstant zu halten, können sich rechts oder links der Schnittstelle Anforderungen ändern und die Schnittstelle wirkt als Komplexitätsbegrenzer.
  • Gerade bei Add-ons ist es nicht nur erforderlich, auf die zusätzlich gewonnene Funktionalität zu achten, sondern auch auf Fragen der Pflege und Anpassung. 

Werden diese Hinweise befolgt, wird die Architekturgestaltung zum strategischen Werkzeug im Projekt. 


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