Digitalisierung, ERP-Einführung, ERP-Technologie

Effektive Steuerung der Supply Chain

Warum moderne ERP-Systeme oft an mangelnder Automatisierung scheitern
Lesedauer:  5 Minuten
© Adobe Stock/brillianata
© Adobe Stock/brillianata

In einer immer mehr vernetzten Wirtschaft ist es für Unternehmen wichtiger denn je, ihre Produktivität zu erhöhen, um im Wettbewerb zu bestehen. Um sich an Marktveränderungen schnell anzupassen, brauchen erfolgreiche Unternehmen effektive Prozesse für die Planung und Steuerung ihrer Supply Chains und der internen Wertschöpfungskette. Obwohl moderne ERP-Systeme eine zentrale Rolle bei der operativen und strategischen Unternehmensführung spielen, führen sie oft nicht zur erhofften Produktivitätssteigerung. Die Ursachen hierfür sind komplex, aber ein wesentlicher Aspekt ist die mangelnde Automatisierung von Planungs- und Steuerungsprozessen.

Ein stärker automatisiertes Planen und Steuern funktioniert bei den meisten Unternehmen und deren ERP-Systemen oft aus mehreren Gründen nicht:

Minderwertige Datenqualität

Die in den ERP-Systemen verwendeten Daten erfüllen häufig nicht die erforderlichen Standards. Viele Unternehmen kämpfen mit unvollständigen, veralteten oder fehlerhaften Informationen, was die Effektivität der ERP-Systeme stark beeinträchtigt.

Zeitmangel

Aus Sicht vieler Unternehmen stellt fehlende Disziplin bei der manuellen Pflege von Dispositionsparametern einen erheblichen Schwachpunkt dar. Viel relevanter erscheint diesbezüglich jedoch, dass der für diesen Prozess notwendige Zeitaufwand oftmals massiv unterschätzt wird.

Komplexität der Dispositionsparameter

Der letzten Endes alles entscheidende Faktor: Dispositionsparameter sind enorm anspruchsvoll und müssen auf spezifische Unternehmens- und Produktionsbedingungen zugeschnitten sein. Die korrekte Einstellung erfordert nicht nur ein tiefes Verständnis der Produktionsprozesse, Materialflüsse und Marktbedingungen, sondern auch der mathematischen Algorithmen, die in einem ERP-System wirken.

Anwendern fehlt oft das tiefe Verständnis dafür, wie Dispositionsparameter interagieren und welche Auswirkungen Änderungen auf die gesamte Supply Chain haben. Hinzu kommt, dass viele Dispositionsparameter, die entscheidenden Einfluss auf die Planungs- und Dispositionsergebnisse haben, den Anwendern nicht bekannt sind.

Ursachen für mangelnde Automatisierung, Supply Chain
Bild 1: Ursachen für mangelnde Automatisierung

Selbst für Spezialisten ist das richtige Einstellen von Dispositionsparametern höchst herausfordernd. Viele Parameter sind miteinander verknüpft und die Änderung eines Parameters kann unerwartete Auswirkungen auf andere Aspekte des Systems haben. Zusätzlich erfordern Produktlebenszyklen, Marktbedingungen, Lieferkettenstörungen und interne Betriebsänderungen ständige Anpassungen, die ohne fortgeschrittene Analytik schwer zu managen sind und ein regelmäßiges und häufiges Nachstellen erfordern.

Eine weitere Ursache für unzureichend automatisierte Planungs- und Steuerungsprozesse liegt deshalb in der fehlenden Automatisierung der Stammdatenpflege selbst: Automatisierte Tools, die die Stammdatenpflege übernehmen könnten, sind bei vielen Unternehmen entweder nicht vorhanden oder nicht ausreichend effektiv, weil sie keine ausreichend differenzierten Einstellungen für die Pflege der Dispositionsparameter über den Lebenszyklus der Artikel und sich verändernde Markt- und Randbedingungen hinweg ermöglichen.

Doch wie lassen sich alle diese Herausforderungen lösen? Mit den richtigen Methoden und Instrumenten ist dies einfacher, als man denken sollte.

Erfahrungsgemäß ist es am effektivsten, für Einstellung und Pflege der Dispositionsparameter moderne Datenanalyse- und Simulationstechniken einzusetzen. Auf diese Weise können die dynamischen Bedürfnisse der heutigen Lieferketten berücksichtigt werden und Entscheidungen auf Grundlage empirischer Daten getroffen werden.

Die Schlüsselelemente dieses Lösungsansatzes sehen wie folgt aus:

1. Verwendung von Simulationstechniken

Simulationen in einem Digitalen Zwilling der Wertströme oder der Supply Chain stellen ein wirkungsvolles Instrument dar, um die Einstellungen der Dispositionsparameter zu optimieren. Durch die Nachstellung verschiedener Szenarien auf Grundlage realer historischer Daten kann ein Unternehmen besser verstehen, wie sich Veränderungen in den Parametern auf die Supply Chain auswirken. Dies hilft, Risiken zu verringern und die Effizienz zu steigern.

2. Nutzung empirischer Daten

Wichtig bei den Simulationen ist, dass sie auf empirischen Daten und nicht auf Spekulationen beruhen. Eine Vorausrechnung von Bestandsentwicklungen und Dispositionsauswirkungen in die Zukunft liefert keine brauchbaren Ergebnisse für die reale Unternehmenswelt. Benötigt werden umfangreiche historische Daten aus dem ERP-System. Diese ermöglichen es, ein reales Bild des Betriebsgeschehens und der Marktbedingungen zu erhalten. Durch die Analyse dieser Daten können Parameter so eingestellt werden, dass sie optimal auf die realen Bedingungen reagieren.

3. Automatische Anwendung regelbasierter Systeme

Die gewonnenen Erkenntnisse müssen in Mechanismen übersetzt werden, die die Einstellungen für Dispositionsparameter so bestimmen und anpassen, dass sie „widerstandsfähig“ sind gegenüber den teilweise chaotischen Markt-, Liefer- und Herstellungsschwankungen. Entscheidungstabellen haben sich hierfür sehr bewährt. Sie müssen in Softwaretools abgebildet werden, die ein automatisches tägliches Nachjustieren von Dispositionsparametern ermöglichen. Ohne automatisierte Durchführung der Stammdatenpflege versandet der gesamte Pflegeprozess.

4. Kontinuierliche Anpassung und Optimierung der Regelwerke

Auch wenn es die Aufgabe eines Tools zur Stammdatenpflege ist, die Dispositionsparameter automatisch nachzusteuern, müssen zusätzlich die Entscheidungstabellen an die sich ändernden Marktbedingungen und internen Betriebsabläufe angepasst werden, um langfristig à jour zu bleiben.

5. Gute Schulung und laufende Unterstützung

Auf die Bedeutung von Schulungen kann nicht oft genug hingewiesen werden. Die Anwender müssen ein Verständnis für die Wirkung der Dispositionsparameter entwickeln. Die Vorbehalte der Anwender gegenüber einer automatisierten Stammdatenpflege und der darauf aufbauenden (stärker) automatisierten Anwendung von Prognose und Umsetzung von Dispositionsvorschlägen müssen ernst genommen werden. Sie sind durchaus mit den Ängsten vergleichbar, die viele empfinden, wenn sie sich vorstellen, in einem autonom agierenden PKW mitzufahren.

Viele Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter und lassen die fachmännische Pflege der Dispositionsparameter durch externe Fachleute übernehmen, wenn sie über keine ausreichend qualifizierten oder ausreichend verfügbaren internen Ressourcen verfügen.

Produktivität der ERP-Systeme.
Bild 2: Produktivität der ERP-Systeme.

Es mag auf den ersten Blick aufwändig erscheinen, sich so intensiv um Dispositionsparameter zu kümmern, aber diese Arbeit ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass ERP-System so „performen“, wie man sich dies bei ihrer Einführung ursprünglich erhofft hatte.

  1. Unternehmen müssen ihre Produktivität erhöhen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, was effektive Planungsprozesse in der Supply Chain erfordert.
  2. Moderne ERP-Systeme führen oft nicht zur gewünschten Produktivitätssteigerung, hauptsächlich aufgrund mangelnder Automatisierung.
  3. Automatisierte Planungs- und Steuerungsprozesse scheitern häufig an minderwertiger Datenqualität, Zeitmangel und Komplexität.
  4. Die Nutzung moderner Datenanalyse- und Simulationstechniken kann helfen, Dispositionsparameter zu optimieren.
  5. Gute Schulung und kontinuierliche Unterstützung der Anwender sind entscheidend, um die Auswirkungen der Dispositionsparameter zu verstehen.

Potenziale: Durchlaufzeit verkürzen Prozesse automatisieren Qualität steigern Transparenz erhöhen

Das könnte Sie auch interessieren

Intelligentes Kalkulationsmanagement

Intelligentes Kalkulationsmanagement

Abweichungen erkennen, bevor sie teuer werden
Budgetabweichungen entstehen im industriellen Projektgeschäft häufig nicht erst während der Ausführung. Ihre Ursachen liegen vielfach bereits in frühen Annahmen, unvollständigen Mengengerüsten und fehlender Abstimmung. Intelligentes Kalkulationsmanagement verbindet Kalkulation, Risikoanalyse, ERP-Daten und Projektsteuerung. Der Beitrag zeigt, wie Unternehmen Abweichungen früher sichtbar machen und Verantwortung systematisch verankern können.
ERP ist nicht mehr das Betriebssystem des Unternehmens

ERP ist nicht mehr das Betriebssystem des Unternehmens

Vom System of Record zum kontrollierten System of Action
ERP-Systeme bleiben das transaktionale Rückgrat von Unternehmen – doch in der KI-nativen Welt reicht ihre Rolle allein nicht mehr aus. Unternehmenswissen verteilt sich über zahlreiche Systeme, während KI Kontext, Governance und systemübergreifende Prozesse benötigt. Ein Business-Operating-System kann diese Lücke schließen: als semantische, KI-fähige und systemunabhängige Schicht zwischen Menschen, Daten, Prozessen und Anwendungen.
Treffsichere Prozessanalysen in Zeiten des Wandels

Treffsichere Prozessanalysen in Zeiten des Wandels

Wie kausales Process-Mining eine schnelle Anbindung ermöglicht
Die grundlegenden Techniken des Process-Mining wurden vor etwa 20 Jahren entwickelt. Ziel war es, mithilfe von Daten aus transaktionalen Systemen detaillierte Analyseergebnisse zu Prozessen zu erlangen [1]. Process-Mining stellte damit einen Gegenentwurf zu zeitaufwändigen, ungenauen Prozesserhebungen mit Interviews und Workshops dar. Um den Austausch von Prozessdaten für die Forschung zu erleichtern, entwickelten Forscher aus der Gruppe von Prof. Dr. Wil van der Aalst an der TU Eindhoven ein XML-Format für Event-Logs. Die Idee war, dass Process-Mining-Werkzeuge dieses Format als Importschnittstelle unterstützen. Nun konnten Unternehmen aus ihren Systemen Prozessdaten in eine Datei in diesem Format transformieren und diese Datei an Projektpartner weiterreichen, um Process-Mining-Techniken darauf anzuwenden. Einige anonymisierte Dateien wurden auch für Forschungszwecke veröffentlicht, was die Forschung in diesem Bereich beflügelte. So dienlich wie Dateiformate für Event-Logs ...
Steuer-Compliance im ERP-Kontext

Steuer-Compliance im ERP-Kontext

Steuer-Compliance im ERP systematisch gestalten
 1. Steuerliche Anpassungen außerhalb des ERP-Systems? Im Jahresabschluss werden steuerliche Abweichungen von handelsrechtlichen Wertansätzen häufig außerhalb des ERP-Systems ermittelt und in Excel fortgeschrieben. So bildete ein Unternehmen handelsrechtlich eine Drohverlustrückstellung von 50 Mio. Euro, die steuerlich grundsätzlich nicht angesetzt werden darf. Die steuerliche Korrektur lag ausschließlich in mehreren Excel-Dateien. Bei einer späteren Prüfung mussten unterschiedliche Versionen abgestimmt und die Verbindung zum ursprünglichen Geschäftsvorfall aufwendig rekonstruiert werden. Das Praxisproblem liegt damit im Medienbruch: Der handelsrechtliche Wert befindet sich im ERP-System, der steuerliche Wert und seine Herleitung dagegen außerhalb. Unterschiedliche Bearbeitungsstände und manuelle Abstimmungen erschweren die Nachvollziehbarkeit. Hinzu kommen Anforderungen der GoBD an Nachvollziehbarkeit und Unveränderbarkeit. Der Tax Ledger als ...
Integrierte Prozessarchitektur: Basis digitaler Wertschöpfung

Integrierte Prozessarchitektur: Basis digitaler Wertschöpfung

Erkenntnisse aus der Wohnungswirtschaft
Die Wohnungswirtschaft braucht neue Antworten auf steigende Komplexität, Kostendruck und wachsende Digitalisierungsanforderungen. Eine integrierte Prozessarchitektur schafft dafür den Ordnungsrahmen: Sie verbindet end-to-end-Prozesse, wiederverwendbare Prozessmodule, Workflows und interoperable IT-Systeme. Das ERP wird dabei vom zentralen Prozessführer zum stabilen System of Record und schafft Raum für flexible, spezialisierte digitale Lösungen.
Datenbasierte Aufwandsprognose von ERP-Einführungsprojekten

Datenbasierte Aufwandsprognose von ERP-Einführungsprojekten

Wie mit einer umfassenden Datenbank Planungssicherheit erhöht wird
Budgetüberschreitungen und Zeitverzögerungen gehören nach wie vor zu den größten Risiken bei der Einführung neuer ERP-Systeme. [1] Dennoch basieren Aufwandsschätzungen in der Praxis häufig auf subjektiven Erfahrungswerten oder ungenauen Anbieterversprechen. Ein gestaltungsorientierter Forschungsansatz zeigt: Die Projektdauer lässt sich verlässlich prognostizieren. So schaffen Entscheidungsträger maximale Planungssicherheit bei der ERP-Transformation.