Digitalisierung

Folge 10: Standardsoftware oder Eigenentwicklung

Lesedauer:  3 Minuten
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Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Norbert Gronau ist Inhaber des Lehrstuhls für Prozesse und Systeme an der Universität Potsdam. Er ist häufiger Key- note Speaker und Gründer der auf Trusted Advisory spezialisierten Potsdam Consulting Advisory GmbH. Zu seinen Kunden zählen Familienunternehmen wie Bahlsen und die Meyer Werft, Konzerne wie Universal Music, Daimler und Lufthansa Technik sowie öffentliche Einrichtungen wie die Landeshauptstadt München und das Land Niedersachsen. Er hat Bücher zu Geschäftsprozessmanagement, ERP und Wissensmanagement verfasst und ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften ACATECH. E-Mail advisor@potsdam-consulting.de

Nicht nur einmal taucht in komplexen IT- und Reorganisationsprojekten die Frage auf, ob die Abbildung eines Prozesses oder einer Leistungserstellung besser durch eine marktverfügbare Standardsoftware oder durch eine Eigenentwicklung erfolgen sollte. Wenn Sie jetzt konkrete Fälle im Kopf haben und denken das ist doch klar, dann lesen Sie bitte auf jeden Fall weiter; Sie könnten sich irren.

Was sind die Argumente für Standardsoftware? Ihr Einsatz verkürzt die Projektdauer, da bereits fertig definierte Lösungsbausteine zur Verfügung stehen, die nur noch angepasst werden müssen. Wenn dieses Argument eingehalten werden kann und passende marktverfügbare Software identifiziert und zum Beispiel im Rahmen eines systematischen Auswahlverfahrens ermittelt wird, dann ist die Entscheidung für Standardsoftware richtig.

Individualsoftware zeichnet sich dadurch aus, dass nur das entwickelt wird, was auch tatsächlich benötigt wird. Typischerweise sind Individualentwicklungen daher softwaretechnisch deutlich schlanker als bei Realisierung mit einer umfassend durchkonfigurierten Standardsoftware. Wenn die Anforderungen auf lange Sicht konstant bleiben und geeignete Entwicklungsteams gefunden werden (aber bitte SCRUM-zertifiziert und auf modularer interoperabler Technologiebasis), dann ist Individualentwicklung die richtige Entscheidung.

Anhand einiger Beispiele aus meiner Praxis als Trusted Advisor möchte ich Ihnen aufzeigen, dass jedes Thema als Einzelfall behandelt werden muss:

Da ist zunächst ein Finanzdienstleister, der ein komplexes Modell mit Regeln aufgestellt hat, um erzielte Einnahmen an seine Stakeholder zu verteilen. Hier wurde eine Individualentwicklung favorisiert, wobei der Regeleditor zur Anpassung der Regeln so ausgelegt wurde, dass diese ohne weitere Entwicklung durch Benutzer angepasst werden können. Damit ist eine langjährige Verwendbarkeit sichergestellt. Im gleichen Unternehmen wurde darüber hinaus ein Verfahren benötigt, welches mehrere 1000 Erlösquellen auf mehrere 100.000 Empfänger verteilt. Das klingt auf den ersten Blick nach mühsamer Individualentwicklung, konnte aber mittels Standardsoftware realisiert werden! Verwendet wurde eine so genannte Billing-Lösung, die zum Beispiel bei Telefongesellschaften im Einsatz ist. Das Vorzeichen ist in diesem Fall unwichtig, ss geht um das Datenmodell und die notwendigen Algorithmen. Das Projekt konnte vollständig mit Standardsoftware realisiert werden, deren Reporting angepasst wurde.

Nicht so glücklich verlief die Einführung einer Standardsoftware eines marktführenden ERP-Anbieters bei einem anderen Finanzdienstleister. Dieses Projekt habe ich forensisch evaluiert, war aber an der Auswahlentscheidung nicht beteiligt. Für eine ähnliche Aufgabe wie oben hatte der Dienstleister für die Anpassung der Software mehr als 13.000 Personentage verbrannt, ohne dass ein Ende absehbar war. Hier war der Griff zur Standardsoftware die falsche Entscheidung.

Grundsätzlich ist zu erheben, ob marktverfügbare Standard-Software an den vorliegenden Anwendungsfall angepasst werden kann. Gelegentlich sind auch Einsatzbereiche möglich, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. So kann der Verkauf von Eintrittskarten durchaus auch mit einem ERP-System abgewickelt werden, wenn Restriktionen in zeitlicher und personeller Art berücksichtigt werden müssen. Es ist in jedem Fall hilfreich, vor der Freigabe eines entsprechenden Projektes einen unabhängigen Dritten auf die Entscheidung schauen zu lassen. 


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