Digitalisierung

Folge 9: Schnittstellen oder integriertes System

Lesedauer:  3 Minuten
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Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Norbert Gronau ist Inhaber des Lehrstuhls für Prozesse und Systeme an der Universität Potsdam. Er ist häufiger Key- note Speaker und Gründer der auf Trusted Advisory spezialisierten Potsdam Consulting Advisory GmbH. Zu seinen Kunden zählen Familienunternehmen wie Bahlsen und die Meyer Werft, Konzerne wie Universal Music, Daimler und Lufthansa Technik sowie öffentliche Einrichtungen wie die Landeshauptstadt München und das Land Niedersachsen. Er hat Bücher zu Geschäftsprozessmanagement, ERP und Wissensmanagement verfasst und ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften ACATECH. E-Mail advisor@potsdam-consulting.de

Die Vereinheitlichung, Vereinfachung und Standardisierung der betrieblichen Anwendungssysteme ist eine Herkulesaufgabe. Die steigende Komplexität von Prozessen und Produkten, veränderte und immer stärker differenzierte Anforderungen von Märkten und Kunden erzeugen in den meisten Unternehmen eine tief differenzierte Landschaft aus unterschiedlichen Systemen mit unterschiedlichen Technologien, Funktionsumfängen und Prozessabdeckungen. Diese, häufig einem Flickenteppich gleichende Menge von Anwendungssystemen, wird durch eine große Zahl ebenso heterogener und zumeist nur unzureichend dokumentierter Schnittstellen zusammengehalten.

Da wirkt der von Anbietern gern vorgetragene Hinweis, durch ein integriertes System könne man die ganzen Probleme gewissermaßen unsichtbar machen und damit zum Verschwinden bringen, sehr verheißungsvoll. Meine Aufgabe als Trusted Advisor ist es hier meistens, die schöne Illusion erst als solche zu entlarven und anschließend zu zerstören. Meine Argumentation basiert dabei zumeist auf folgenden beiden Säulen:

Zum einen sind nicht alle Schnittstellen gleich. Wenn die IT ein Systemdiagramm zeichnet, sind alle „Kästchen“ (=Systeme) mit „Linien“ (=Schnittstellen) verbunden, die zwar gleich aussehen, aber sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können, u.a. im Hinblick auf Frequenz, Strukturtiefe der übertragenen Daten, Richtung und Volumen. So muss z. B. eine Schnittstelle zwischen Webshop und ERP kaufmännische Auftragsdaten an das ERP übermitteln und Bestandsdaten abgleichen. Jedoch muss nur der Austausch von Bestandsdaten sehr schnell gehen, die Zuordnung der Umsätze zu Warengruppen und Kundensegmenten hingegen kann auch mal bis zum Feierabend warten. Wenn jetzt in einem integrierten System Performanceprobleme auftreten, dann ist die Ursache dafür nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Bei einer Schnittstelle hingegen bestehen Eingriffsmöglichkeiten, ohne die beiden verbundenen Systeme überhaupt auch nur anzurühren. Von daher plädiere ich für eine systematische Bestandsaufnahme, Strukturierung und Differenzierung von Schnittstellen. Nur diejenigen, die sehr zeitnah in beide Richtungen Daten übertragen müssen, sind überhaupt als Kandidaten für eine Ablösung durch ein integriertes System geeignet.

Für alle Schnittstellen hingegen gilt mein zweites Argument: Schnittstellen helfen bei der Komplexitätsbewältigung. Liegt eine gut dokumentierte und belastbare Schnittstelle vor, können Änderungen im Ziel- und Quellsystem unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeitpunkten vorgenommen werden, solange die Schnittstelle gleich bleibt. Von daher kann der Änderungsaufwand und -zeitumfang durch Schnittstellen deutlich reduziert werden. Dies führt unmittelbar zu schnelleren Änderungszyklen – weil es ja nicht so aufwendig ist – und damit zu aktuelleren Systemen.

Von daher empfehle ich in denen von mir als Trusted Advisor betreuten Produkten stets, Schnittstellen als bewusste Gestaltungselemente beim Umbau der Informationssystemarchitektur anzusehen und nicht den verlockenden Versprechungen der Anbieter zu erliegen, die Schnittstellen überflüssig machen wollen. Die vermutliche Erleichterung macht sich nämlich sofort in einer sehr deutlichen Komplexitätssteigerung des integrierten Systems bemerkbar – mit dem Ergebnis, dass selbst kleine Änderungen sehr lange dauern und sehr teuer sind. Hinzu kommt, dass die meisten „integrierten“ Systeme der Anbieter häufig gar keine integrierten Systeme sind, sondern ebenfalls aus einer Menge durch interne Schnittstellen verbundenen Systemen bestehen – mit dem Unterschied, dass der Anwender an diese Schnittstellen nicht so leicht herankommt.


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