ERP-Beratung

Gebrauchsanweisung für einen Trusted Advisor

The Trusted Advisor
13.12.2023 - von Norbert Gronau ORCID Icon
Lesedauer:  3 Minuten
TA sanssouci

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Organisations- und IT-Experten mit mehr als 20 Jahren C-Level-Advisory-Erfahrung. Wie Sie sein Wissen, seine Erfahrung und seine Expertise am besten nutzen können, beschreibt dieser Beitrag.

Die wichtigsten Beiträge kann ein Trusted Advisor liefern, wenn Entscheidungen anstehen und Sie zwischen unterschiedlichen Alternativen mit Vor- und Nachteilen wählen müssen. Dann sollten Sie immer Ihren Trusted Advisor fragen und um eine Stellungnahme bitten. Da der Trusted Advisor meistens für die Dauer des Projektes oder für ein ganzes Jahr engagiert wird, ist er deshalb mit Ihrer Situation sehr gut vertraut und kann sein Fachwissen und seine Erfahrung voll zu Ihren Gunsten einsetzen. So wurde neulich diskutiert, ob ein Systemupgrade noch in der Projektlaufzeit erfolgen sollte. Vorteil wäre unter anderem, dass das Projekt mit einem aktuellen System endet, Nachteil wäre, dass ein geringer Teil an Key-User-Ressourcen zusätzlich benötigt würde. Ich wies darauf hin, dass jetzt ein geringer Aufwand, nach Produktivsetzung des Gesamtsystems jedoch ein sehr hoher Aufwand erforderlich wäre, der von – erst nach Produktivsetzung möglichen – Optimierungen abhalten würde.

Auch bei Planungen sollten Sie Ihren Trusted Advisor um Rat fragen. Seien es ein Projekt- oder Terminplan, ein größeres Investitionsvorhaben oder andere strategische Überlegungen, die Auswirkungen auf Organisation und IT haben – er wird dazu eine Meinung haben und Sie beraten können.

Vor einigen Monaten wurde ich gefragt, ob mit den internen Ressourcen der vorgelegte Projektplan des IT-Dienstleisters machbar sei. Ich wies auf einige Bedingungen hin, die im Hause erfüllt sein müssten, damit der Projektplan gelingen könne. Könnten diese Bedingungen (unter anderem Freistellung der Key User für mindestens drei Arbeitstage je Woche) erfüllt werden, sähe ich kein Problem.

Meinungsverschiedenheiten im Haus sind ein weiterer Anlass, den Trusted Advisor um Rat zu fragen. Hat die IT recht oder der Fachbereich? Lassen Sie beide Seiten ihre Argumente vortragen und durch den Trusted Advisor bewerten. Der Vorteil für Sie: Sie können sich ihre eigene Meinung bilden und haben zusätzlich noch jemanden, der Ihnen sachliche Argumente liefern kann.

So bat die IT eines Unternehmens um die Besetzung weiterer Stellen, und ich konnte der Unternehmensleitung verdeutlichen, dass sich die Freigabe dieser Stellen sehr positiv auf die Wettbewerbssituation des Unternehmens auswirken würde.

Verträge, insbesondere mit Softwareunternehmen und IT-Dienstleistern, sind eine weitere Einsatzmöglichkeit für Ihren Trusted Advisor: Lassen Sie ihn die Verträge auf für Sie nachteilige Formulierungen durchsehen. Meist sind die geldwerten Vorteile aus einem verhandelten Vertrag schon höher als die komplette Investition in den Trusted Advisor.

Bei einem Vertrag zur SAP-Einführung konnte ich Bonus-/Malus-Regelungen in erheblicher Höhe durchsetzen, die gleichzeitig Anwender und Dienstleister motivieren.

Die Bewertung von Leistungen in einem Projekt oder einem Programm kann ebenfalls durch Ihren Trusted Adviser erfolgen. Geldabflüsse und das Erreichen von Kalenderdaten lassen sich schnell erkennen, aber der Gegenwert in Gestalt des Projektfortschritts ist erheblich schwerer einzuschätzen.

In einem Projekt gab es erhebliche Differenzen zwischen dem Software entwickelnden IT-Bereich und dem Fachbereich, der diese Software nutzen sollte. Ein von mir angesetztes Projektreview deckte diese Haltungen auf und führte zu einer konstruktiven Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit.

Schließlich ist der Trusted Advisor eine äußerst wertvolle Hilfestellung bei Personalfragen. Ist ein Mitarbeiter „reif“ für eine höhere Führungsposition, kann Ihr Trusted Advisor dazu eine Einschätzung geben. Dabei kommt es allerdings vor, dass ich von der Beförderung abraten muss, weil gleichzeitig ein guter Fachexperte verloren geht und ein schlechter Manager (der nicht mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen kann) hinzukommen würde.

Mehr Kolumnen des Trusted Advisors lesen Sie HIER.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Norbert Gronau ist Inhaber des Lehrstuhls für Prozesse und Systeme an der Universität Potsdam. Er ist häufiger Keynote Speaker und Gründer der auf Trusted Advisory spezialisierten Potsdam Consulting Advisory GmbH.

E-Mail: advisor@potsdam-consulting.de


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