ERP-Technologie

Kostenaspekte von Public Cloud-Angeboten

Lesedauer:  6 Minuten
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Anwendende Unternehmen verbinden mit dem Cloud Computing neben Vorzügen wie höhere Agilität vor allem betriebswirtschaftliche Vorteile. Der vorliegende Beitrag führt kurz in das grundlegende Konzept des Cloud Computing ein und erläutert auf dieser Basis die grundlegenden Kostenhebel, die sich nicht im Abschmelzen großer Fixkostenblöcke erschöpfen, sondern auch in weiteren Bereichen (wie z.B. der Unternehmensfinanzierung) positive Effekte entfalten können. Es wird deutlich, dass insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) von den Kostencharakteristika des Cloud Computing überdurchschnittlich profitieren können, während sich bei wachsender Unternehmensgröße ein zunehmend gemischteres Bild ergibt.

Cloud Computing  [1, 2] umfasst sowohl technische als auch betriebswirtschaftliche Ansätze. Unter technischen Aspekten steht Cloud Computing  für die automatisierte Bereitstellung von hoch skalierbaren IT-Diensten. Diese IT-Dienste (wie z.B. SAP Business ByDesign) werden direkt vom Benutzer angefordert und konfiguriert, ohne dass ein manueller Eingriff eines Administrators notwendig wäre. Daher geschieht die Bereitstellung von Cloud-Services fast ohne zeitliche Verzögerung. Durch eine sogenannte Multi-Tenant-Architektur, kann der gleiche Basisdienst nach Konfiguration einer Vielzahl von Nutzern zur Verfügung gestellt werden.
Unter betriebswirtschaftlichen Aspekten lassen sich folgende – idealisierte – Eigenschaften des Cloud Computings festhalten: Zur Nutzung von Cloud-Services sind keine oder nur sehr geringe Anfangsinvestitionen erforderlich. Bei wachsendem Bedarf können zusätzliche Kapazitäten hinzugebucht werden, die bei sinkendem Bedarf wieder abgegeben werden können. Dieser Sachverhalt ist in Bild 1 dargestellt.

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Bild 1: Ressourcen-Verbrauch, Zeit und Kosten als Determinanten
für den Einsatz von Cloud Computing (idealisiert).

Cloud-Services können sowohl von einem externen (Public Cloud) wie internen Dienstleister (Private Cloud) bezogen werden. Public Clouds bieten die größten Skaleneffekte, werden aber von manchen Unternehmen als kritisch bezüglich der Datensicherheit angesehen. So verlagern einige Cloud-Anbieter Daten in Länder außerhalb der EU, was bei personenbezogenen Daten problematisch ist. Im Gegensatz zur Public Cloud verbleiben bei der Private Cloud jedoch alle Ressourcen unter Kontrolle des Unternehmens.
Häufig wird der Ansatz der Private Cloud kombiniert mit der Nutzung einzelner Dienste aus einer Public Cloud. Dieser Ansatz wird Hybrid Cloud genannt. Dienste aus der Public Cloud ergänzen die Dienste der Pri-vate Cloud.

Cloud-Angebote in einer Public Cloud-Infrastruktur beinhalten meist Konditionengestaltungen, bei denen sich die Kosten bei Nicht-Nutzung i.d.R. auf null oder einen geringen Kostenanteil reduzieren lassen. Dadurch entstehen für den Angebotsnutzer nur variable Kosten bzw. nur ein sehr geringer Fixkosten-Anteil [3, 4]. Diese Veränderung der Kostenfunktion ist in Bild 2 veranschaulicht.

Der Effekt von sprungfixen Kosten (bei geringem Zusatzbedarf von Kapazitäten) wird vermieden. Die Organisation kann die Inanspruchnahme von Cloud-Diensten an Beschäftigungsschwankungen anpassen und dadurch die Leerkosten (Kapazitäten, die nicht genutzt werden) reduzieren und ggf. auf null senken.

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Bild 2: Kostenfunktionen bei und ohne
Nutzung von Cloud-Angeboten.

Die Abrechnung wird oftmals nach folgenden Modellen umgesetzt [5]:

  • Zeitbezogene Abrechnungsmodelle (bspw. je nach Dauer der Nutzung des Dienstes)
  • Infrastrukturbezogene Abrechnungsmodelle (bspw. je nach benutzte Prozessorzeit oder Speichervolumen)
  • Nutzerbezogene Abrechnungsmodelle (bspw. je nach Anzahl der Nutzer)
  • Wertbezogene Abrechnungsmodelle (bspw. in Bezug zu einer definierten Kennzahl wie etwa der Personalbestand)

Bei Cloud-Diensten im Bereich der ERP- und CRM-Software sind meist nutzerbezogene und zeitbezogene Abrechnungsmodelle vorzufinden. SAP Business ByDesign wird beispielsweise ab 79 EUR pro Monat und Nutzer als nutzer- und zeitbezogenes Abrechnungsmodell angeboten [4, 6].

Anbieter von Cloud-Angeboten können Betriebsgrößeneffekte (Economies of Scale) sowie Erfahrungskurveneffekte erzielen [1, 6] und damit auch kleineren Abnehmern (wie etwa KMUs) Cloud-Dienste kostengünstig anbieten. Vor Verfügbarkeit dieser Angebote war es für diese Kundenzielgruppe sehr schwierig, Services wie Exchange, CRM oder ERP kostengünstig (aufgrund geringer Nutzerzahl und verhältnismäßig hoher Fixkosten) in diesem Bereich zu nutzen.

Der Kapitalbedarf des Unternehmens sinkt durch die Nutzung von Cloud-Angeboten, da weniger Kapital für Investitionen in IT-Infrastruktur (wie bspw. Server, Netzwerke, Wartung) benötigt wird. Entsprechend sinkt das im Anlagevermögen gebundene Kapital. Das frei gewordene Kapital kann nun etwa für eine Anlage am Kapitalmarkt, notwendige anderweitige Investitionen oder Ausschüttungen Eigenkapitalgeber verwendet werden. Grundsätzlich attraktiv ist eine Verkürzung der Bilanz (das im Anlagevermögen freiwerdende Kapital wird nicht reinvestiert, sondern zur Tilgung von Fremdkapital verwendet). Die somit abnehmende Fremdkapitalquote kann dem Unternehmen ein besseres Rating bei Banken verschaffen. Da Banken spätestens seit Basel II Darlehen risikoadjustiert bepreisen (Unternehmen mit besserem Rating erhalten bessere Kreditkonditionen, da auch die Banken schlechtere Risiken mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen und weiterhin verstärkte Risikovorsorge benötigen), können Unternehmen mit gutem Rating in erheblichem Umfang Kapitalkosten einsparen (Darlehen können zu einem günstigeren Zinssatz aufgenommen werden). Demgegenüber steht entsteht i.d.R. eine höhere laufende monatliche Belastung durch die Nutzung von Cloud Computing  im Vergleich zur internen Lösung [6].
Da bei der Nutzung von Cloud-Angeboten keine neuen Vermögensgegenstände im Unternehmen angeschafft werden, sondern es sich um eine Art „Miete“ der Infrastruktur beim Cloud-Anbieter handelt, können die monatlichen Kosten für die Nutzung in voller Höhe angesetzt werden und bedürfen keiner aufwendigen steuerlichen und handelsrechtlichen Abschreibung (vgl. bspw. §7 EStG, §253 HGB).
Bei Erreichung einer optimalen Betriebsgröße und Nutzungszeit kehren sich einige Effekte um, sodass die interne Lösung nach dem Erreichen dieses „Break-Even-Point“ kostengünstiger ist [6]. Denn im Gegensatz zur internen Leistung zahlt der Cloud-Dienstleistungsnehmer immer eine je nach Nutzung anfallende gleichbleibende Gebühr, wobei die Kosten einer internen Lösung nach der Anfangsinvestition bis zur Ersatzinvestition sinken bzw. auf einem niedrigeren Kostenniveau liegen. Daher sollten die Kostenaspekte je nach organisationsspezifischer Rahmenbedingungen und zukünftigen Entwicklungen ermittelt und daraus resultierend eine informierte make-or-buy-Entscheidung getroffen werden.
Ein weiterer Nachteil ist der entstehende Lock-In-Effekt des Kunden bei dem Cloud-Anbieter, der die Höhe der Wechselkosten für diesen erhöht. Denn der Kunde hat i.d.R. alle Daten bei dem Dienstleister ausgelagert, darüber hinaus existiert eine Informationsassymetrie zu Lasten des Kundenunternehmens. Ein Wechsel von Dienstleister zu Dienstleister ist kostenintensiver als beim Wechsel von einer Inhouse-Lösung zu einem Dienstleister, da der Kunde hierbei über die Hoheit seiner Daten und organisationsspezifischen Anpassungen verfügt.

Vorteilhaft hingegen ist, dass der Cloud-Dienstleister für den Kunden häufig alle notwendigen Wartungsarbeiten an der Cloud-Infrastruktur vornimmt. Damit entfallen die diesbezüglichen Wartungskosten oder können weitestgehend gesenkt werden. Oftmals ist auch ein einfaches und damit kostengünstiges Customizing an die betrieblichen Rahmenbedingungen möglich [6].

Darüber hinaus können sich auch Kostenvorteile bei der IT-Governance ergeben: So ist eine (Teil-) Auslagerung der ggf. nötiger IT-Zertifizierungen (bspw. AICPA SAS 70 Type II.) möglich.
Zusammengefasst besitzt Cloud Computing  gerade für KMU ein erhebliches Potenzial zur Kostenreduktion. Die Nutzung bestimmter, in klassischer Eigenerstellung sehr kostenintensiver IT-Funktionalitäten (z.B. von ERP-Systemen), wird somit für kleinere Unternehmensgrößen betriebswirtschaftlich sinnvoll möglich. Ebenso bedeutsam ist der sinkende Kapitalbedarf bei konsequenter Nutzung von Cloud Computing, woraus sich Freiräume für Investitionen in die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens ergeben. Nicht zuletzt ist auch die Transformation von Fixkosten in variable Kosten ein kaum zu überschätzender Beitrag zur Flexibilisierung von Kostenstrukturen, den gerade Unternehmen in sehr dynamischen oder saisonal geprägten Marktumfeldern (insbesondere in B2B-Märkten) zu schätzen wissen dürften.

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Literatur

[1] M. Armbrust, A. Fox, R. Griffith, A. D. Joseph, R. H. Katz, A. Konwinski, G. Lee, D. A. Patterson, A. Rabkin and I. Stoica, “Above the clouds: A berkeley view of cloud computing”, EECS Department, University of California, Berkeley, Tech. Rep. UCB/EECS-2009-28, 2009.
[2] P. Mell and T. Grance, “The NIST Definition of Cloud Computing”, 07-Oct-2009. [Online]. Available: http://csrc.nist.gov/groups/SNS/Cloud Computing/. [Accessed: 06-Jan-2011].
[3] M. Böhm, S. Leimeister, C. Riedl and H. Krcmar, “Cloud Computing: Outsourcing 2.0 oder ein neues GeschäftsmodelI zur BereitstelIung von IT-Ressourcen?,” Fachzeitschrift für Information Management und Consulting (02/2009), S. 6-14.
[4] “SAP Business ByDesign ” [Online]. Available: http://www.sap.com/germany/solutions/products/sap-bydesign/buy-now/index.epx. [Accessed: 08-Jul-2012]. [5] H. Krcmar, “Informationsmanagement”, Springer, Berlin 2010.
[6] “Wieviel kostet die Cloud: Cloud Computing im Kosten-Check – computerwoche.de.” [Online]. Available: http://www.computerwoche.de/management/CloudComputing/1235100/. [Accessed: 08-Jul-2012].

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