ERP-Technologie

Blockchain-Technologien

Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette
Lesedauer:  7 Minuten
© Adobe Stock / Sashkin
© Adobe Stock / Sashkin

Die Blockchain-Technologie mit ihren Auswirkungen beschäftigt zunehmend mehr Unternehmen. Während einige ausschließlich an Kryptowährungen denken, rückt für immer mehr Unternehmen die technologische Basis dieser Projekte in den Fokus. Im Hinblick auf Industrieunternehmen verspricht die Technologie großes Potenzial für die Verbesserungen und Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, wodurch neue Anforderungen für Industrieunternehmen entstehen. Für diese entscheidend ist die Frage, wie die neue Technologie ihre bestehenden Geschäftsprozesse verändert und welche neuen Chancen sie bietet. Unsere Untersuchung analysiert mögliche Anforderungen und Potenziale für Industrieunternehmen anhand der betrieblichen Wertschöpfungskette auf Basis von leitfadengestützten Experteninterviews.

Die Blockchain-Technologie bildet die Grundlage einer Vielzahl von neuen Projekten, Kryptowährungen und Unternehmen. Seit der ersten Anwendung als technologische Basis von Bitcoin hat sich die Technologie rasant zu einem Innovationstreiber entwickelt. In ihrer einfachsten Form ist die Blockchain eine gemeinsam genutzte Datenbank, in der alle Transaktionen eines bestimmten Vermögenswertes registriert und in kryptografisch verketteten Datenblöcken unveränderlich erfasst werden [1]. Basierend auf einem P2P-Netzwerk werden die Transaktionen durch bestimmte Konsensalgorithmen vom Netzwerk selbst validiert. Sobald die Daten auf der Blockchain gespeichert wurden, ist eine Manipulation nahezu unmöglich. Die Daten werden in Blöcken erfasst und erhalten eine eindeutige Identität (Hashwert) und einen Zeitstempel. Diese Datenblöcke beinhalten neben ihrer eigenen Identität auch die Informationen des vorherigen Blocks. Dadurch entsteht eine chronologische Verkettung der Blöcke und eine unveränderliche Historie über alle Transaktionen.

In Abhängigkeit der Ausgestaltung der Blockchain können diese Transaktionen für alle Teilnehmer des Netzwerkes oder nur für bestimmte Teilnehmer sichtbar sein. Mit dieser Eigenschaft bietet die Technologie die Möglichkeit, Prozesse effektiver und effizienter zu gestalten und ist die Basis von gänzlich neuen Geschäftsmodellen. Insbesondere die Tokenisierung von materiellen und immateriellen Vermögenswerten kann zukünftig innovative Lösungen hervorbringen.  Die Herausforderungen hierbei sind speziell Skalierbarkeit, Standardisierung, Datenschutz und weitere rechtliche Fragen.

koot unternehmensmodell
Bild 1: Vereinfachte Darstellung einer Blockchain.

Methodik

Aufbauend auf bestehender wissenschaftlicher und praxisorientierter Literatur wurden sieben leitfadengestützte Experteninterviews durchgeführt. Bei der Auswahl der Experten wurde darauf geachtet, dass diese unterschiedliche Positionen, Branchen und Regionen abdecken. Unter anderem wurden folgende Experten interviewt:

  • Frank Bolten – Managing Partner – CHAINSTEP GmbH, Hamburg
  • Dr. Leif-Nissen Lundbæk – Vorstandsvorsitzender / CEO – XAIN AG, Wildau (Berlin)
  • Jochen Kaßberger – Gesellschafter/ Mitgründer – 51nodes GmbH / blockLAB, Stuttgart
  • André Eggert – Partner – LACORE Rechtsanwälte LLP, Berlin
  • Thorsten Eller – Digitale Wirtschaft – IHK Region Stuttgart

Grundlage für die Interviewführung war ein auf theoretischen Vorüberlegungen und der vorliegenden Forschung basierender Leitfaden. Die Auswertung der qualitativ erhobenen Daten erfolgte teilweise nach Methoden und Techniken der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.

Ergebnisse 

Die Ergebnisse werden in oben genannte Themenblöcke aufgeteilt, strukturiert und zusammengefasst. Die Bekanntheit der Blockchain-Technologien und ihrer Einsatzmöglichkeiten ist nach Expertenmeinung sehr heterogen verteilt. Der Kenntnisstand der Industrieunternehmen hängt stark von der jeweiligen Branche und Unternehmensgröße ab. Als führende Branchen wurden die Finanz-, Energie-, Automobil- und Flugzeugindustrie genannt. Ein Experte merkt an, dass bei vielen Unternehmen noch keine Differenzierung zwischen Kryptowährungen und der Blockchain als Technologie stattfindet. Nach Meinung der Experten beschäftigen sich die Verwaltungs- und Regulierungsbehörden sehr offen mit der Technologie und deren Anwendungsmöglichkeiten. Die Auswertung der Aussagen ergab einen starken Zusammenhang zwischen dem Kenntnisstand der einzelnen Behörden und der ansässigen Industrie. Die Anzahl der Personen bei den Behörden mit guten Kenntnissen wird von den Experten als sehr gering eingeschätzt.

Als größte Anforderungen für Industrieunternehmen sehen die Experten die Veränderung der Prozessketten von Unternehmen an. Bestehende Prozesse werden durch die Technologie neu evaluiert, infolgedessen reorganisiert und auf die relevanten Beteiligten reduziert. Aus diesem Grund müssen Unternehmen die Konsequenzen einer Einführung der Blockchain-Technologie durch den Prozesseigentümer für ihr eigenes Geschäftsmodell untersuchen und die Auswirkungen abschätzen. Die Experten verweisen darauf, dass die Unternehmen Know-how über die Technologie aufbauen müssen, um die Auswirkungen und Potenziale der Technologie auf das eigene Geschäftsmodell, das Unternehmensumfeld und die Prozessketten bewerten zu können.

Die Ergebnisse über die Potenziale der Blockchain-Technologien werden zwischen allgemeinen und kategorisierbaren Ergebnissen in Bezug auf die in   Bild 2 veranschaulichte betriebliche Wertschöpfungskette unterschieden.

Experten sehen Potenziale der Blockchain-Technologie bei der Effizienzsteigerung durch den Ersatz von alten aufwendigen Systemen, neue Möglichkeiten der Finanzierung für Unternehmen sowie neue Möglichkeiten der Kooperation und Interaktion mit anderen. Nach Meinung der Experten bietet eine Vernetzung der Unternehmen nach außen wesentlich höhere Mehrwerte als die Fokussierung auf interne Prozesse. Die Blockchain ermöglicht durch die Transparenz und Struktur enorme Effizienzsteigerungen bei den Unternehmen. Diese Effizienz basiert darauf, dass die Daten strukturiert, transparent und nachvollziehbar zur Verfügung stehen, wodurch anschließende Prozesse viel effizienter aufgebaut werden können.

Diese Transparenz der Blockchain bietet nach Meinung der Experten viel Potenzial für das Verfolgen und Überwachen von Warenprozessen oder Transaktionen von Vermögenswerten. Durch die Technologie können Transaktionen vertrauensvoll, strukturiert und nachvollziehbar zwischen Partnern ablaufen. Somit kann jederzeit nachvollzogen werden, wo sich die jeweiligen Vermögenswerte oder Waren befinden und wer diese im Moment besitzt. Um dies zu gewährleisten, müssen alle am Prozess beteiligten Parteien gleichzeitig und gleichermaßen auf die Daten zugreifen und sowohl die Vermögenswerte als auch deren Eigentümer eindeutig identifizieren können. Zukünftig erwarten die Experten weitere Anwendungsfälle, wozu insbesondere eine eindeutige digitale Identität für jede Person und Organisation zählt. Zusammen mit einer vollständigen Transaktionssicherheit könnte dies die Grundlage für viele neue Möglichkeiten der Blockchain darstellen.

koot Blockchain
Bild 2: Unternehmensmodell zur Analyse der Potenziale
für die betriebliche Wertschöpfungskette [3].

Der Warenprozess von Unternehmen bietet laut Expertenmeinung großes Potenzial, da Verfolgung und Überwachen der Warenflüsse zunehmend bedeutender wird und diese über eine Blockchain abgebildet werden können. Die Blockchain ermöglicht zudem neue automatisierte Abläufe und Zahlungsprozesse, die die Geschwindigkeit von Prozessen enorm verbessern können. Diese autonomen Prozesse beinhalten Transaktionen, die automatisch auf Unstimmigkeiten und Unsicherheiten überprüft und ausgeführt werden können. Für die Aufgabe der Technologieentwicklung sehen die Experten zukünftig weitere Fortschritte durch die Kombination und Verbindung mit anderen Technologien wie Blockchain und künstlicher Intelligenz. Im Bereich Technologieentwicklung ermöglicht der Einsatz der Blockchain unter anderem neue Funktionen für autonomes Fahren.

Experten sehen viele Möglichkeiten und Potenziale für Unternehmen, die Technologie im Rahmen der Finanzierungsaufgabe zu nutzen. Im Blockchain-Umfeld werden bereits heute mehr Projekte durch Token oder ICOs finanziert als über reguläre Finanzierungsstrukturen. Die aktuellen Probleme und rechtlichen Unsicherheiten werden den Experten zufolge zukünftig gelöst. Ebenso wird die Relevanz der Technologie in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Der Einfluss der Blockchain-Technologie für Industrieunternehmen wird von den Experten überwiegend als hoch eingestuft, für die Finanzindustrie sogar als extrem hoch. Große Veränderungen sind allerdings branchenübergreifend erst mittelfristig zu erwarten. Abschließend lässt sich festhalten, dass die Experten für fast alle Teilaufgaben des betrieblichen Transformationsprozesses Potenziale für die Technologie sehen.

Diskussion 

Die Ergebnisse machen deutlich, dass sich die Blockchain-Technologie zu einer prägenden Technologie entwickeln kann, die die Art und Weise, wie Unternehmen wirtschaften, nachhaltig verändern könnte. Die Spannweite reicht dabei von neuen Serviceleistungen innerhalb einer Blockchain-basierten Prozess- oder Wertschöpfungskette bis hin zur Schaffung von neuen Marktplätzen.

Vielfältigste Möglichkeiten bietet hier wohl die Tokenisierung: Unternehmen könnten damit ihre materiellen und immateriellen Vermögenswerte veräußern, vermieten oder verleasen, die Einsatzmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Zudem könnten diese neuen Investitions- und Finanzierungsmöglichkeiten auch für eigene Unternehmungen, Projekte oder zur Finanzierung eines neuen Geschäftsmodells genutzt werden.

Es liegt auf der Hand, dass sich aus den beschriebenen Möglichkeiten von Blockchain-Technologien für zukünftige ERP-Systeme vielfältige Herausforderungen ableiten lassen und passende Schnittstellen für die Technologieeinbindung geschaffen werden müssen. Inwieweit es Anbietern von ERP-Systemen gelingt, frühzeitig Standards zu setzen oder ob zunächst Individualentwicklungen von Anwenderunternehmen das Bild prägen werden, ist noch unklar.

Die im Rahmen dieser Untersuchung beschriebenen Anwendungsgebiete von Blockchain-Technologien sollten trotz ihrer teilweise enormen Potenziale stets einer kritischen Prüfung unterzogen werden, da sich viele der erwähnten Anwendungen und Projekte noch in der Konzept- oder einer früheren Entwicklungsphase befinden. Unabhängig von den gegenwärtigen Herausforderungen der Blockchain-Technologie könnten die in dieser Untersuchung identifizierten Anforderungen und Potenziale und der Umgang mit diesen entscheidend für die Zukunft von vielen Industrieunternehmen sein.


Literatur

[1] Hofmann, Erik, Strewe, U. M., Bosia, N., 2018. Supply Chain Finance and Blockchain Technology [online]. The Case of Reverse Securitisation. Cham: Springer (SpringerBriefs in finance) [Zugriff am: 20.03.2018]. PDF e-Book. ISBN 978-3-319-62371-9. Verfügbar unter: DOI 10.1007/978-3-319-62371-9
[2] Mayring P.: Qualitative Inhaltsanalyse, 2015. 12. Auflage. Weinheim (u. a.): Beltz. ISBN 978-3-407-25730-7
[3] Eigene Darstellung in Anlehnung an Schmalen, H., Pechtl, H.: Grundlagen und Probleme der Betriebswirtschaft. 14. Auflage. Stuttgart 2009.

Das könnte Sie auch interessieren

Vibe Coding: Wenn die Fachabteilung selbst entwickelt

Vibe Coding: Wenn die Fachabteilung selbst entwickelt

Wie KI-Tools auch ohne Programmierkenntnisse ERP-Erweiterungen in Reichweite bringen
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Der Change Request ist vor acht Wochen eingereicht worden. Die IT-Abteilung hat Rückfragen, das Projekt steht in der Prioritätenliste irgendwo hinter der Server-Migration und der Vertriebsleiter tippt weiterhin täglich dieselben Zahlen in eine Excel-Tabelle, die er eigentlich direkt aus dem ERP-System haben könnte. Diese Situation ist in mittelständischen Unternehmen kein Einzelfall, sie ist die Regel. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Der Change Request ist vor acht Wochen eingereicht worden. Die IT-Abteilung hat Rückfragen, das Projekt steht in der Prioritätenliste irgendwo hinter der Server-Migration und der Vertriebsleiter tippt weiterhin täglich dieselben Zahlen in eine Excel-Tabelle, die er eigentlich direkt aus dem ERP-System haben könnte. Diese Situation ist in mittelständischen Unternehmen kein Einzelfall, sie ist die Regel. ERP-Systeme bilden das Rückgrat operativer Geschäftsprozesse. Ihre Anpassung gilt ...
Auf welche Technologien ERP-Anwender bei ihrem neuen ERP-System achten sollten

Auf welche Technologien ERP-Anwender bei ihrem neuen ERP-System achten sollten

Ergebnisse einer aktuellen Studie
Die Auswahl eines neuen ERP-Systems darf sich heute nicht mehr auf Prozessabdeckung, Bedienoberfläche und Bereitstellungsmodell beschränken. Der aktuelle ERP-Trendradar der Universität Potsdam beschreibt vielmehr, welche Technologien in den kommenden Jahren für die Weiterentwicklung von ERP-Systemen strategisch entscheidend werden und wo zugleich die größten Lücken zwischen Anwenderbedarf und Anbieterreife liegen. Gerade für Anwender ist diese Perspektive relevant. Denn ein neues ERP-System muss nicht nur die heutigen Abläufe stabil unterstützen, sondern auch die technologischen Anforderungen der nächsten Jahre tragen. Der Trendradar versteht sich ausdrücklich als Entscheidungsinstrument für ERP-Verantwortliche, Produktmanager und Forschende, um technologische Entwicklungen zu priorisieren und zukunftsfähige Strategien abzuleiten.
Die Zukunft der ERP-Systeme

Die Zukunft der ERP-Systeme

Strategisch statt operativ: ERP etabliert sich als Top-Management-Thema
ERP ist längst Chefsache. Wer es weiterhin als reines IT-Thema einordnet, unterschätzt seinen strategischen Hebel. Vorausschauende Unternehmen verankern ERP-Kompetenz in ihrer Governance und nutzen sie als Wettbewerbsvorteil. Moderne ERP-Systeme entwickeln sich zu intelligenten, offenen Architekturen –getrieben von Cloud, KI und Automatisierung. Das verlangt von der Unternehmensführung ein tiefes Verständnis von ERP.
Warum gute ERP-Daten jetzt Geld wert sind

Warum gute ERP-Daten jetzt Geld wert sind

KI macht Tempo, aber nur mit sauberen Regeln und Verantwortung
In den nächsten Jahren werden ERP-Systeme in vielen Unternehmen wie ein organisatorisches Betriebssystem funktionieren. Sie werden Arbeit verteilen, Prioritäten setzen, Risiken markieren, Entscheidungen vorbereiten und Interaktionen bündeln. Der Bildschirm bleibt, aber die Arbeit verschiebt sich. Weniger Klickstrecken, mehr Ausnahmen. Weniger Dateneingabe, mehr Steuerung. Umso wichtiger sind deshalb Operational Excellence und ausgefeiltes BPM.
Marktüberblick: Interne ERP-Low-Code Plattformen

Marktüberblick: Interne ERP-Low-Code Plattformen

8 integrierte ERP Low-Code Plattformen im Vergleich
Unternehmen stehen im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung vor der Herausforderung, ihre Prozesse flexibel weiterzuentwickeln und zugleich eine stabile Systemlandschaft zu bewahren. Klassische ERP-Systeme bieten nur begrenzte Möglichkeiten, da Anpassungen häufig tiefgreifende Programmierungen erfordern. Dies führt zu hohen Kosten und langen Entwicklungszyklen. Gleichzeitig werden einfachere Möglichkeiten zur Prozessgestaltung gesucht.
RPA-basierte Testprozesse als Effizienztreiber

RPA-basierte Testprozesse als Effizienztreiber

Wie Dana mit intelligenter SAP-SIT-Automation Millionen spart
Künstliche Intelligenz gilt als Treiber der digitalen Transformation –doch im Mittelstand entscheidet nicht der Algorithmus, sondern das ERP über Tempo und Wirkung. Gut gepflegte ERP-Systeme liefern die verknüpften, kontextualisierten Daten, die KI erst produktiv machen. Sie bilden die Basis für Prozessoptimierung, Automatisierung und neue Geschäftsmodelle. Wer nachhaltige Innovation realisieren will, muss beim ERP ansetzen.