Kaum ein anderes Gebiet unterliegt solch einer Dynamik wie die Entwicklung von Beziehungsnetzwerken, gerade im Internet. Es ergeben sich aber auch Chancen für die intelligente Auswertung von Beziehungsnetzwerken und Ableitung von Handlungsmustern zur Optimierung des eigenen Geschäfts. Dieser Beitrag legt dar, dass klassische Methoden des Analytical CRM keine ausreichenden Antworten zur Ableitung von Handlungsmustern bieten. Daher wurde das Konzept der „Learning Systems Method for iSCRM“ entwickelt. Wirkmuster zur Selbstoptimierung werden als Handlungsmuster zur Optimierung von Beziehungsnetzwerken im SCRM spezifiziert. Es wird gezeigt, wie sich durch deren Einsatz explizite Wissensmodelle über Beziehungen und deren Akteure verbessern lassen. Schließlich wird ein Ausblick auf eine IT-technische Umsetzung auf der Basis des Web 3.0 gegeben. Durch den Einsatz der vorgestellten Methode, werden Unternehmen in die Lage versetzt, sich ergebene Chancen schnell zu erkennen und vor ihren Marktbegleitern zu verwerten.
„Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ (Heraklit von Ephesus, etwa 540 – 480 v. Chr.)
Und der Wandel eröffnet Chancen, frei dem etwas abgeänderten Motto: „Wandel bringt Handel“. Je schneller Unternehmen den Wandel erkennen – insbesondere gegenüber Ihren Marktbegleitern – desto besser können sie die Chancen für sich verwerten. In der aktuellen Diskussion über die Optimierung des Kundenbeziehungsmanagements werden gerade dem Analytical CRM und Social CRM [2] große Zukunftspotenziale beigemessen.

Bild 1 soll den Wandel in Beziehungsnetzwerken beispielhaft zeigen. Zu einem Zeitpunkt t0 stehen unterschiedliche Objekte (Personen = Bernd, Ina, Thorsten, Max; Dokumente = Rezept; Ernährung = Kuchen; Sport = Fußball), in verschiedenen Arten von Beziehungen (verheiratet, kennt, interessiert an, spielt, hat) zueinander. Primär interessiert sich Max für einen Kuchen zu seinem Geburtstag, Thorsten hat ein Rezept dafür und Ina könnte den Kuchen backen. Allerdings kennt Max weder Ina noch Thorsten. Nun lernt Max Bernd kennen. Dieser Wandel kann vielfältige Änderungen im System der Beziehungen zu einem späteren Zeitpunkt t1 bewirken. Max könnte jetzt über Bernd Ina kennenlernen. Ina könnte für Max den Kuchen backen. Da sie dazu das Rezept von Thorsten holen würde, würde Thorsten vielleicht auch von der Vorliebe von Max für das Fußballspielen erfahren. So könnten sich beide miteinander vernetzen und in Zukunft gemeinsam Fußball spielen. Diese Chancen oder besser „Opportunities“ sollten sich die Beteiligten nicht entgehen lassen.
Bieten heutige Methoden und Verfahren denn bereits Lösungen für die Chancenverwertung an? Im Analytical CRM kennen wir unterschiedliche Verfahren, um große Datenmengen (Big Data) zu analysieren (Bild 2):

- Assoziationsanalyse: Welche Produkte werden zusammen mit welchen anderen Produkten gekauft, um z. B. das Shop-Layout im Einzelhandel aufzuwerten (das klassische „Pampers-und-Bier-Szenario“)?
- Clusteranalyse: gleichartige, homogene Gruppen in großen Datenmengen finden, z. B. können aus der Menge aller Urlauber folgende Interessengruppen ermittelt werden: Sport, Wellness, Kultur
- Klassifikation: bei gegebenen Klassen, ein Objekt einer (oder mehrere) Klassen zuordnen, z. B. die Zuordnung eines neuen Kunden zu den Klassen (kreditwürdig, nicht kreditwürdig)
- Regression: Prognosen für den zeitlichen Verlauf in der Zukunft erstellen, z. B. basierend auf der Entwicklung des DAX-Kurses in den vergangenen 10 Jahren eine Prognose für das nächste Jahr.
Diese mathematischen Verfahren helfen allerdings nur bedingt bei den Herausforderungen des schnellen Wandels in oben skizzierten Beziehungssystemen:
- Sie beziehen sich ausschließlich auf die mathematisch-/IT-technische Auswertung von Datenmengen. Eine Berücksichtigung der Optimierung menschlichen Verhaltens bzw. der Management-Sicht ist kein Bestandteil.
- Sie sind in den meisten Fällen zeitpunktbezogen und können die Dynamik in (sozialen) Beziehungsnetzwerken nicht abbilden.
- Sie bauen kein umfassendes bzw. explizites Wissensmodell über die Beziehungen zwischen allen Objekten auf (Personen, Dokumente, Daten, IT-Systeme etc.)
- Sie stellen keine Handlungsmuster zur Optimierung des eigenen Verhaltens auf.
Die Learning Systems Methods for intelligent SCRM (lsm4iscrm) Methodik soll nun einen Weg aufzeigen, wie mithilfe von Learning Systems und Mustern zur Selbstoptimierung dynamisches menschliches Verhaltens in Integration mit der IT-technischen Umsetzung gelingen kann.
Learning Systems Method for iSCRM
Die „Learning Systems Method for iSCRM“ basiert auf dem Konzept der Wirkmuster zur Selbstoptimierung [3, 4] und integriert diese in die Interaktion des menschlichen Verhaltens mit der IT-technischen Umsetzung. Insgesamt wird ein lernendes System entwickelt (Bild 3), das sich auf der Basis von Wirkmustern über die Zeit selbst optimiert und so dynamisch Beziehungsnetzwerke erweitert und verbessert.

Kern des Systems ist ein Knowledge Management System, das Beziehungsnetzwerke durch Fakten- und Regelwissen abbildet. Dies ermöglicht die Spezifikation eines expliziten Wissensmodells über die SCRM-Welt des Unternehmens auch in grafischer Repräsentation durch z. B. eine Ontologie. So wird die Beziehung zwischen Bernd und Ina durch das Faktum „verheiratet (Bernd, Ina)“ spezifiziert. Regeln ermöglichen eine intelligente Auswertung der Wissensbasis. So kann die Beziehung „kennen“ sich auch aus der Ableitung ergeben, dass zwei Menschen miteinander verheiratet oder Freunde sind. Des Weiteren kann sich eine Erweiterung der „kennen“-Beziehung in einer Regel zur Netzwerkexpansion widerspiegeln. Wenn Person A Person B kennt und Person B kennt Person C, dann könnte auch Person A Person C kennenlernen. Die Methodenintelligenz, die bereits oben diskutiert wurde, leitet nun neues Wissen aus Big-Data-Quellen ab.
Wie bereits erläutert, bieten die klassischen Methoden der Analytical-CRM-Domäne keine Handlungsmuster zur Selbstoptimierung des Wissensmodells an. Diese Lücke wird im Konzept der lsm4iscrm durch eine neue Komponente zur Abbildung der Process Intelligence geschlossen.
Die Process Intelligence wird dabei im lsm4iscrm-Konzept durch vier Kategorien intelligenter Handlungsmuster modelliert – den so genannten „Wirkmustern zur Selbstoptimierung“ („Working Patterns for Self-Optimization“) (Bild 4).

- Exploitation: Bestehendes Wissen in Fakten und Regeln über Menschen und deren Beziehungen werden ausgenutzt, um das iSCRM zu optimieren. Beispiel: Ina kann den Kuchen backen, weil sie Thorsten kennt und Thorsten wiederum ein Rezept für den Kuchen hat.
- Interaktion: Neues Wissen wird durch Interaktion mit anderen Menschen in das eigene Wissensmodell übertragen. Beispiel: Max lernt Bernd kennen. Durch diese neue Interaktion kann Max nun auf den Wissensbestand von Bernd zugreifen.
- Exploration: Neues Wissen wird durch das „Entdecken“ respektive Analysieren eines bestehenden Netzwerkes abgeleitet. Beispiel: Max hat Bernd kennengelernt. Jetzt könnte Max den Wissensbestand von Bernd explorieren und so entdecken, dass er den gewünschten Kuchen von Ina erhalten oder mit Thorsten zusammen Fußball spielen könnte.
- Reflexion: Der Einsatz oben genannter Wirkmuster wird hinsichtlich seiner Zielerfüllung bewertet. Dadurch wird die lsm4iscrm über die Zeit immer besser – gut bewertetes Wissen und Handlungen werden verstärkt, schlecht bewertetes Wissen oder Handlungen werden abgeschwächt. Beispiel: Max hat nun den Kuchen von Ina für seine Geburtstagsfeier verwendet. Der Kuchen hat allen bestens geschmeckt, sodass Max auch in Zukunft Ina immer wieder gerne für Kuchen ansprechen wird.
Web 3.0 als Plattform
In der Umsetzung des Learning-Systems-Ansatzes verbleiben jetzt folgende Herausforderungen: Welche Datenquellen beinhalten interessante Informationen über Beziehungsnetzwerke? Wie können diese Datenquellen mithilfe des vorgestellten Ansatzes ausgewertet werden?
Wesentliche Informationen über Beziehungen und Netzwerke befinden sich im World Wide Web, z. B. in sozialen Netzwerken wie Facebook, die Beziehungswissen bereits explizit dargestellt haben. Aber auch aus der Masse der übrigen Internetinhalte lassen sich Beziehungen und Wissen darüber ableiten.
Aktuell befindet sich das Internet in einer wesentlichen Umgestaltung hin zum Web 3.0 [5], auch „Intelligent Web“ oder „Semantic Web“ genannt. Dabei geht es darum, die bereits vorhandenen Daten, Informationen und Texte durch Meta-Informationen anzureichern. Diese Meta-Informationen drücken eine tiefere Bedeutung (Semantik) über die einfachen Texte aus, z. B. dass eine „Bank“ entweder ein „Ding zum Sitzen“ oder ein „Ding für Geldgeschäfte“ ist. Des Weiteren können Beziehungen zwischen „Dingen“ mithilfe von Ontologien spezifiziert werden. Sobald die Internetinhalte derart spezifiziert sind, können nun automatisierte Programme (auch: Robots oder Agents) die Inhalte analysieren.
Die Umsetzung der „lsm4iscrm“ entspricht somit einem intelligenten Multi-Agentensystem, wie es in Bild 5 gezeigt wird. Jeder einzelne Agent implementiert eines der spezifizierten Wirkmuster zur Selbstoptimierung. Die Kollaboration der Agenten untereinander spiegelt die Auswahl und den Einsatz spezifischer Wirkmuster für eine gegebene Analyse-Aufgabenstellung wider. Das Multi-Agentensystem analysiert den semantisch angereicherten Inhalt des Webs.

Zukunftssichere Kundenbeziehungen durch intelligente Selbstoptimierung
Durch den Einsatz der „Learning Systems Method for iSCRM“ können Unternehmen den dynamischen Wandel in Beziehungsnetzwerken analysieren. Damit gelingt es Ihnen, sich ergebene Chancen schnell zu erkennen und vor ihren Marktbegleitern zu verwerten. Diese innovative Methodik kombiniert fortschrittliche Datenanalyse mit intelligenten Handlungsmustern zur Selbstoptimierung, was zu einer flexiblen und adaptiven CRM-Strategie führt. In einer sich ständig verändernden Geschäftsumgebung ermöglicht dies nicht nur eine effektivere Kundenbindung, sondern auch die nachhaltige Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. So können Unternehmen ihre Kundenbeziehungen kontinuierlich verbessern und dabei sowohl kurzfristige als auch langfristige Vorteile realisieren.
Literatur
[1] BMWi: Mittelstand Digital. URL: www.mittelstand-digital.de, Abrufdatum 04.03.2014.[2] Schmidt, A.;: Hoyer, J.: Social CRM: Wie sich kleine und mittlere Unternehmen im sozialen Netzwerk Ihrer Kunden platzieren. In: ERP Management 8 (2), S. 32-35 (2012).
[3] Schmidt, A.: Wirkmuster zur Selbstoptimierung: Konstrukte für den Entwurf selbstoptimierender Systeme 204, Paderborn 2006.
[4] Frank, U.; Gausemeier, J.; Schmidt, A.: Towards a Design Methodology for Self-Optimizing Systems. In: Advances in Design. Berlin 2006.
[5] The Worldwide Web Consortium: Semantic Web. URL: http://semanticweb.org, Abrufdatum 02.02.2014.
Potenziale: Kundenbeziehungen
Branchen: branchenübergreifend