ERP-Betrieb

So gelingt der Wechsel von Individualentwicklung zu Standardsoftware

Transformation der IT-Aufbauorganisation
Lesedauer:  4 Minuten
titelbild erp6 2020

Viele Unternehmen, die auf eigenentwickelte Software setzen, verfügen über eine umfangreiche IT-Abteilung mit umfassenden Programmierkenntnissen über die – meist proprietäre – Softwarelösung. Besonders häufig tritt diese Struktur bei Nutzern der IBM iSeries auf, ist aber nicht darauf beschränkt. In einer hart umkämpften Geschäftswelt, in der Kernkompetenzen ständig verteidigt und ausgebaut werden müssen, kann die eigene Entwicklung von Anwendungssoftware nur in wenigen Fällen einen großen Beitrag zur Verbesserung der Wettbewerbsposition leisten. Zumeist ist der geschickte Einsatz von angepasster Standardsoftware vorteilhafter. Von daher stellt sich die Frage, wie eine IT-Organisation von umfassender Individualentwicklung auf die wettbewerbsorientierte Betreuung von Standardsoftware umgestellt werden kann. Dazu wird in diesem Beitrag ein praxiserprobter Weg aufgezeigt.

gronau1
Bild 1: Die Transformationsaufgabe.

Die prinzipielle Aufgabe einer Transformation der IT-Organisation ist in Bild 1 dargestellt. Da trotz der Umstrukturierung der normale Betrieb weitergehen muss, muss die Betriebsfähigkeit der Altsysteme gewährleistet werden. Eine weitere sehr wichtige Anforderung ist das Halten wichtiger Kompetenzträger im Unternehmen. Es stellt schon fast einen Glücksfall dar, wenn in einer Organisation, die keine IT-Leistungen verkauft, so viel IT-Kompetenz vorhanden ist. Nach Einschätzung des Autors lässt sich ein Großteil dieser Kompetenz auch im Standardsoftwarebereich nutzen – wenn der entsprechende Mitarbeiter das möchte und ihm entsprechende Pfade der persönlichen Weiterentwicklung schmackhaft gemacht werden. An sich wünschenswerte und auch mögliche Maßnahmen zur Kostenreduzierung im IT-Bereich sollten unbedingt verschoben werden, bis die personellen Rahmenbedingungen geklärt sind und insbesondere wichtige IT-Leistungsträger für eine weitere Mitarbeit im Unternehmen vertraglich gebunden werden konnten. Nichts wäre misslicher, als in einer Situation akuten Fachkräftemangels wertvolle ausgebildete und branchenerfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verlieren, nur weil Ungeschicklichkeiten bei der Kommunikation der Transition passieren!

Die ideale IT-Organisation

Um die Transformationsaufgabe inhaltlich und zeitlich zutreffend planen zu können, ist als Erstes ein Zielbild erforderlich. Dieses Zielbild muss die beiden „Gegenpole“ der wertschöpfenden Geschäftsprozesse auf der einen Seite und der einzusetzenden Informatik-Technologien auf der anderen Seite sinnvoll miteinander verbinden. Eine mögliche Anordnung von Rollen in dieser Organisation zeigt Bild 2.

gronau2
Bild 2: Struktur und Rollen einer idealen IT-Organisation.

Der Leitgedanke hinter dieser Struktur ist, dass sich Prozessinnovation und Technologieinnovation gegenseitig befruchten. Dabei sollte die Trennungslinie zwischen dem Businessbereich (einschließlich der Verantwortung für die Wertschöpfung) und dem IT-Bereich (einschließlich der Verantwortung für den Betrieb der IT) aufrechterhalten werden. Beide Bereichen sollten jedoch auf die gleichen agilen Methoden und Mechanismen zur Betreuung der Key-User zugreifen, also Incident Management, Problem Management und Change Management, z. B. nach ITIL-Standard [1].

Durchführung der Transition

Für die Durchführung der Transition wird ein mehrstufiges Vorgehen vorgeschlagen (Bild 3).

gronau3
Bild 3: Vorgehen bei der Transition.

In der Ramp-Up-Phase wird zunächst die neue IT-Organisation geplant und die entsprechende Rollenbesetzung verfeinert. Ein Beispiel für eine in diesem Kontext relevante Persona, mit der die neuen zu besetzenden Rollen beschrieben werden, ist in Bild 4 dargestellt.

gronau4
Bild 4: Beispiel einer Persona aus der neuen Standardsoftware-Organisation.

Sobald die neue Struktur kommuniziert ist, beginnt Phase 2, in der parallel die weitere Wartung der Altsysteme und die Einführung der neuen Standardsoftwaresysteme erfolgen. Sukzessive nimmt der Bedarf an Entwicklern von Individualsoftware ab und der an Betreuern von Standardsoftware zu. Als wichtigste neue Aufgabe kommt die Zusammenarbeit mit dem Business in der neuen, agilen Organisationsform hinzu. Entsprechende Werkzeuge zur Organisation der Zusammenarbeit sollten bereits bei Beginn von Phase 2 zur Verfügung stehen. Die dritte wichtige Aufgabe in dieser Phase ist der Transfer des in den Personen gebundenen Wissens in eine explizite Form. Hierzu kann ein Wiki verwendet werden [2]. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter der ursprünglichen IT-Organisation wird dazu angehalten, in regelmäßigen Abständen einen Eintrag im Wiki zu verfassen, beginnend mit ihren Lieblingsthemen. Die Leitung des Steering Boards und die IT-Leitung verknüpfen diese Beiträge miteinander und fordern zum Schreiben ergänzender Einträge auf. So sorgen sie für eine kontinuierliche Auffüllung und Verdichtung des Wiki. Wenn dann auch Themen der neuen Standardsoftware-Organisation aufgenommen werden, entsteht in kurzer Zeit ein guter Zugang zum vorher nur in den Personen vorhandenen Geschäftswissen.

Phase 3 wird eingeleitet, wenn die ersten Standardsoftware-Projekte abgeschlossen sind bzw. in den Produktivbetrieb übergehen. Zu diesem Zeitpunkt wird die neue, sorgfältig vorbereitete Aufbauorganisation wirksam. Die Altsysteme werden noch punktuell gewartet, soweit erforderlich und neue Projekte werden im Rahmen der zuvor eingeführten agilen Organisation geplant, abgestimmt und durchgeführt.

Die Dauer der Überführung einer Individualsoftware-Organisation in eine Standardsoftware-Organisation kann mit neun bis 18 Monaten angegeben werden. Die hier beschriebene Transition sollte durch entsprechende Maßnahmen des Change Management und rechtzeitige, intensive Kommunikation eingeleitet werden, um erfolgreich abgeschlossen werden zu können.


Literatur

[1] Gronau, N.: Mehr Anwenderzufriedenheit durch besseren ERP-Support, ERP Management 4/2010, S. 18-20.

[2] Birn, L., Müller, C.: Kollaboratives Dokumentieren mit Sozialer Software, ERP Management 2/2006, S. 36-39.

 

Das könnte Sie auch interessieren

Adaptive Service Level Agreements

Adaptive Service Level Agreements

Wie flexible Verträge Innovation ermöglichen und welche Risiken sie bergen
Klassische SLAs sichern Stabilität –doch genau das macht sie oft zur Innovationsbremse. Anpassungen werden aufgeschoben, Chancen bleiben ungenutzt. Wie lassen sich Verträge so gestalten, dass Veränderung nicht stört, sondern systematisch ermöglicht wird? Der Beitrag zeigt, wie adaptive SLAs als „Living Contract“funktionieren und Innovation schon während der Laufzeit fördern –praxisnah und direkt umsetzbar für IT- und ERP-Verantwortliche.
Zehn ERP-Praktiker über Projekterfolg

Zehn ERP-Praktiker über Projekterfolg

Was in Auswahl, Implementierung und Betrieb wirklich zählt
ERP-Projekte scheitern selten an der Software selbst, sondern an unklaren Prozessen, fehlender Vorbereitung und mangelnder organisatorischer Einbindung. Zehn erfahrene ERP-Praktiker aus Deutschland und der Schweiz berichten aus ihrer Projektpraxis und zeigen, welche Faktoren bei Auswahl, Einführung und Betrieb von ERP-Systemen wirklich entscheidend sind – von der oft unterschätzten Phase Null bis zur realistischen Einordnung von KI.
Von ERP bis Non-ERP: fünf Reifegrade beim KI-Einsatz

Von ERP bis Non-ERP: fünf Reifegrade beim KI-Einsatz

Warum KI-Agenten das alte ERP-Paradigma radikal verändern
sponsored
ERP-Systeme waren lange reine Verwaltungssoftware im Hintergrund. Mit agentischer KI ändert sich das grundlegend: Aus einem System of Record wird ein System of Action, das Prozesse aktiv steuert und Entscheidungen unterstützt. Der Artikel zeigt, wie Agentic AI ERP Unternehmen produktiver macht, Kosten senkt und neue Wettbewerbsvorteile schafft –und warum Führungskräfte dieses Thema jetzt im Blick haben sollten.
Die Zukunft der ERP-Systeme

Die Zukunft der ERP-Systeme

Strategisch statt operativ: ERP etabliert sich als Top-Management-Thema
ERP ist längst Chefsache. Wer es weiterhin als reines IT-Thema einordnet, unterschätzt seinen strategischen Hebel. Vorausschauende Unternehmen verankern ERP-Kompetenz in ihrer Governance und nutzen sie als Wettbewerbsvorteil. Moderne ERP-Systeme entwickeln sich zu intelligenten, offenen Architekturen –getrieben von Cloud, KI und Automatisierung. Das verlangt von der Unternehmensführung ein tiefes Verständnis von ERP.
Grenzenlos stark im DACH-Markt

Grenzenlos stark im DACH-Markt

ERP-Systeme als Treiber für Effizienz
Die DACH-Region stellt Unternehmen vor besondere Herausforderungen, wie Lieferengpässe, Nachfrageschwankungen und grenzüberschreitende Regularien erfordern flexible Strukturen. Moderne ERP-Systeme bieten modulare Lösungen, die Produktion, Finanzen und Vertrieb standortübergreifend vernetzen, Prozesse optimieren und Transparenz für schnelle Entscheidungen schaffen. Sie ermöglichen eine werksübergreifende Planung. 
Raus aus der Krise mit dem richtigen ERP-Management

Raus aus der Krise mit dem richtigen ERP-Management

Warum Unternehmen trotz guter ERP-Systeme an Handlungsfähigkeit verlieren
ERP-Systeme wurden ursprünglich eingeführt, um mehr zu leisten als die reine Abbildung von Geschäftsprozessen. Sie sollten Transparenz schaffen, Zusammenhänge sichtbar machen und Unternehmen in die Lage versetzen, fundierte Entscheidungen auf einer einheitlichen Datenbasis zu treffen. In der Praxis zeigt sich jedoch zunehmend, dass diese wichtigen Gestaltungshebel nicht oder nur ungenügend genutzt werden.